Dietmar Larcher:

LAUDATIO FÜR SIGMUND KRIPP


Wenn man eine Biographie nachzeichnet, habe ich bei einem der ganz großen Meister gelesen, dann habe man zwei Modelle zur Auswahl: die Ilias oder die Odyssee. Mein Gott, welch eine Herausforderung! Sigmund Kripp als strahlender Held Achilleus, Liebling der Götter, vor den verschlossenen Toren der ummauerten Stadt zehn Jahre lang vergeblich kämpfend? Den Raub der schönen Helena rächend? Oder Sigmund Kripp als Odysseus, als Konstrukteur trojanischer Pferde, als Reisender durch den Archipel der Kulturen dieser Welt, zwischen Skylla und Karybdis segelnd, gefesselt dem Gesang der Sirenen lauschend, endlich sein Ithaka im fernen Nicaragua erreichend - ist das die Wahrheit über Sigmund Kripp? Wer ist der Polyphem in seinem Leben? Und wer ist Penelope? Von Nausikaa ganz zu schweigen... Und wer hat ihm zwischen Skylla und Charybdis sein Schiff durchgerudert, wessen Ohren hat er gegen die Gesänge der Sirenen mit Wachs verstopft? War es denn nicht eher umgekehrt? War nicht er der Ruderer? Oder besser, der erste demokratische Kapitän der christlichen Seefahrt, der auf seinem Schiff die Selbstorganisation proben ließ?

Ich will es zunächst weniger ambitioniert probieren, einfach die nackten Daten einer Biographie erzählen. Das erspart mir unter anderem auch, in Hexametern zu sprechen.

Kripp wurde 1928 in Absam/Tirol, geboren. Seine Gymnasialzeit verbrachte er bei den Franziskanern in Bozen und in Frascati bei Rom, wo er maturierte. 1951 trat er in den Jesuitenorden ein, und zwar im Noviziat von St. Andrä, Kärnten. Sein Studium der Philosophie und Theologie begann er in Innsbruck, schloß es jedoch am Weston College in Massachusetts/USA mit dem Magister der Theologie ab. Er kehrte nach Österreich zurück und begann mit der Erziehertätigkeit im Kolleg Kalksburg bei Wien. Geprägt wurde er am stärksten von der darauf folgenden Erzieherarbeit in den USA in der "School for Juvenile Delinquents" in Lincolndale, New York, und in den Jugendzentren von Santa Clara, Kalifornien, und El Paso, Neu Mexiko.

Als er 1959 wieder nach Europa zurückkehrte, übernahm er den Aufbau und die Leitung der Marianischen Kongregation der Innsbrucker Gymnasialjugend und baute eine Organisation auf, die bald zum damals größten europäischen Jugendzentrum wurde.Es handelte sich um dasJohn-F.-Kennedy-Haus in Innsbruck, seine erste große Aufgabe in Österreich, die er mit großem Erfolg betrieb, weil seine pädagogischen Prinzipien an den Bedürfnissen der Jugend orientiert waren und sich gegen eine "Pädagogik von oben" wandte, die sich als Anpassungsinstrument an herrschende Normen verstand. Er vertrat dagegen eine "Pädagogik ohne Belehrung": Erfahrung, kritische Reflexion und Diskurs sowie konsequente demokratische Selbstverwaltung wurden die bevorzugten Medien seiner Pädagogik. Insbesondere die von den Jugendlichen selbst gestaltete Zeitschrift "Wir diskutieren", in der sie offen ihre Probleme aussprachen und ungeschönte Diskussionsbeiträge mit ihren Meinungen veröffentlichten, war jedoch des öfteren ein Stein des Anstoßes. Für die damalige Zeit, die sechziger und die frühen siebziger Jahre, bot das soziale Klima im Kennedyhaus eine kulturelle Gegenwelt zur stocksteifen und streng autoritären Trachten- und Blasmusikkapellenkultur, die im Land herrschte. Kein Wunder, das nahezu alle kritischen Intellektuellen Tirols, die heute das liberale, das fortschrittliche und das alternative Tirol repräsentieren, zu Kripps Zeiten Mitglieder der Marianischen Koongregation waren.

Kripp selbst begann damals, in seiner Innsbrucker Zeit, mit seiner Publikationstätigkeit. Das erste seiner Bücher, das größere Verbreitung fand, hieß "Abschied von morgen" (Patmos-Verlag, Düsseldorf 1973). Darin veröffentlichte er seine Gedanken zur Erziehung in Form eines Erlebnisberichtes über den Alltag im Kennedyhaus. Das hätte erlieber nicht tun sollen, denn seine ungeschönte, ehrliche und selbstkritische Darstellung der offenen Jugendarbeit mißfiel dem damals in Tirol amtierenden Bischof. Besonders suspekt war ihm, daß Kripp ein jahrhundertealtes pädagogisches Prinzip durchbrach, nämlich alles, was mit jugendlicher Sexualität zu tun hat, entweder unter das Verdikt allerschwerster Sündenschuld zu stellen oder es zu ignorieren oder - Erfolgsrezept besonders tüchtiger Pädagogen - beides zugleich in einer Art coincidentio oppositorum zu erreichen. Nachdem sich der Bischof im direkten Konflikt mit Kripp die Zähne ausgebissen hatte, und nachdem die große Mehrheit der Eltern den vom Bischof befürchteten Untergang des Abendlandes keineswegs heraufdämmern sah - im Gegenteil -, fuhr der Bischof in die ewige Stadt, um dort geneigtere Ohren zu finden, in die er seine Verdächtigungen hineinträufeln konnte. Ich will keine römische Elegie schreiben, fasse mich daher kurz: Kripp wurde auf Betreiben des Tiroler Bischofs Rusch gezwungen, die Leitung des Jugendhauses abzugeben. Seine Abberufung wurde von seinen Freunden wie eine Hinrichtung empfunden. Wenn ich philosophisch und literarisch begabter wäre, müßte ich mich nun an das literarische Vorbild der Apologie des Sokrates halten, jener berühmtesten aller Verteidigungsreden von einem, für den größten Erzieher, den die Ayatollahs von damals wegen Verführung der Jugend zum Tode verurteilt hatten.

Ich erinnere mich an die Abschiedsveranstaltung. Die riesige Innsbrucker Kongreßhalle war zu klein, um die vielen Tausenden von Jugendlichen, Eltern, Freunden zu fassen, die sich zu seinem Abschied eingefunden hatten. Ich selbst stand mit Hunderten anderen im Foyer und beobachtete über einen großen Monitor, was sich im großen Saal abspielte. Es hätte nicht zu Kripp gepaßt, wenn dieser Abschied als eine einseitige Huldigung für den großen Pädagogen inszeniert worden wäre. Im Gegenteil, man inszenierte den Widerspruch und die Dialektik: In einer hitzigen Podiumsdiskussion mit gleich vielen Gegnern wie Anhängern der Kripp'schen Pädagogik wurde untersucht, inwieferne Kripps Erziehungskonzept mit christlichen Grundsätzen vereinbar sei. Dieser kontroversielle Charakter der Abschiedsfeier paßte für einen, der den Zweifel und die kritische Selbstreflexion zur Maxime seiner praktischen Tätigkeit als Erzieher gemacht hat. Daß ihn am Ende der Veranstaltung zwanzig Minuten lang stehender Applaus umbrandete, war ihm selber vielleicht sogar ein wenig unheimlich. Das Baden in der Gunst der Massen war seine Sache nie.

Kripps nächste Station war München. Er sollte von dort aus als Missionar nach Katmandu gesandt werden. Doch dazu kam es nicht, denn er bewarb sich - mit Genehmigung seiner Ordensoberen - auf eine Annonce in der ZEIT hin um eine Stelle der Stadt Fellbach in Baden-Württemberg, die jemanden suchte, um dort ein Jugendhaus aufzubauen und zu leiten. Er wollte zeigen, daß Jugendarbeit für ihn nicht nur in Innsbruck unter privilegierten Bedingungen mit den Paradiesvögeln der katholischen Gymnasialjugend möglich war, sondern auch unter sehr viel schwierigeren Bedingungen, wie eben zum Beispiel in Fellbach.

Seine Arbeit mit den Jugendlichen in Fellbach hat er in seiner wohl eindrucksvollsten Sammlung von Fallgeschichten, im Buch "Lächeln im Schatten" (Patmos Verlag, Düsseldorf 1976) veröffentlicht. In diesem Buch entwickelte er seine bereits in der Innsbrucker Zeit begonnene pädagogische Kasuistik weiter: Er griff zentrale Themen und offene Probleme der nichtdirektiven Jugendarbeit auf und illustrierte sie mit Fallgeschichten aus seinem Jugendhaus. Darin geht es um Fragen wie Gewalt, Konflikte, Aggressionen, Alkohol, Drogen, Jugendkriminalität, gesellschaftliche Integration, Chancengleichheit, politische Bildung, Selbstverwaltung, aber auch solch scheinbar triviale Dinge wie Finanzgebarung.

Auszug aus dem Kapitel "Ziele des Fellbacher Jugendhauses":

Das Jugendhaus ist ein Ort, der die gesellschaftliche Situation ungeschönt zu erkennen gibt. Durch diese Erkenntnis erhoffe ich mir Impulse. Jugendliche sollen motiviert werden, die Lebenssituation Benachteiligter zu verbessern.

Das Jugendhaus ist ein Ort, an dem Jugendliche - begleitet von Erwachsenen und Freunden - lernen sollen, ihre Umwelt zu beobachten und daraus Konsequenzen zu ziehen. Die Konsequenzen werden nicht vorgeschrieben, die Schlüsse müssen in Eigenverantwortung selbst gezogen werden.

Das Jugendhaus versteht sich pluralistisch. Die Grenzen der Freiheit sind dort, wo man beginnt, sie auf Kosten anderer zu beanspruchen. Und die Grenze des Pluralismus ist wiederum dort, wo man ihn anderen nicht zugestehen will.

Deshalb ist das Jugendhaus seinem Ziel nach ein politisches Haus. Nicht im mißbrauchten Sinne von Politik als Indoktrination oder von vorgegebener ideologischer Richtung, sondern im Sinne von Politik als dem Verhalten von Menschen, die sich und ihre Umwelt reflektieren, die sich dieser Umwelt nicht ausliefern, sondern sie gestalten wollen. (Kripp 1976, S. 133 f.)

Nach fünfjähriger Tätigkeit in Fellbach übergab Kripp die Leitung des Jugendhauses einem Kollegen. Er blieb freier Mitarbeiter, betätigte sich verstärkt publizistisch und übernahm 1980 eine Professur für Sozialpädagogik an der Fachhochschule Esslingen. Texte, die er in der ZEIT veröffentlichte (Themen waren Sexualpädagogik, Plädoyers für eine arme Kirche und Vorschläge zur Reform des katholischen Ordenswesens), brachten ihn in Konflikt mit seinem Orden. Der Konflikt spitzte sich zu, als er es wagte, Vorschläge zur Demokratisierung des Ordens zu unterbreiten. 1984 wurde er - gegen seinen Willen - aus der Societas Jesu ausgeschlossen. Auch darüber hat er geschrieben: "Als Jesuit gescheitert", heißt dieses berührende Buch, eine außergewöhnliche Biographie, die keineswegs apologetisch oder gar wehleidig, sondern so selbstkritisch wie eh und je ist.

1985 ging er als politischer Berater des Sozialministeriums nach Nicaragua. Sozialminister war damals Fernando Cardenal, der Bruder des berühmten, auch an unserer Universität bekannten Ernesto Cardenal. Dort wirkte er unter anderem auch in einer offiziellen Funktion als Fortbildner für Erzieher und Sozialpädagogen. Zugleich aber führte er Projekte zur Resozialisierung und Integration von Straßenkindern in Managua durch, die er durch Drittmittel finanzierte. Außerdem adoptierte er eines dieser Straßenkinder.

Heute widmet er sich - nach seiner Pensionierung vor einigen Jahren - einem Projekt zur Entwicklung von alternativem Tourismus an der Costa Pacifica in Nicaragua. Als Lektor zu Fragen der Entwicklungspolitik steht er unserer Universität seit mehr als zehn Jahren Semester für Semester für Lehrveranstaltungen zur Verfügung. Er dürfte sicher der Lehrbeauftragte mit dem längsten Anreiseweg sein, weshalb ihm die Studienkommission auch genehmigte, seine Lehrveranstaltungen zu blocken, damit er nicht jede Woche den Atlantik überqueren muß.

Das Ehrendoktorat unserer Universität erhält Sigmund Kripp nicht bloß wegen seines verdienstvollen Beitrags zur Erziehung als Wissenschaft, sondern wegen seines ganzen Lebenswerks, insbesondere wegen seiner Verdienste an der Schnittstelle von Theorie und Praxis pädagogischen Handelns.

Kripps Beitrag zur Erziehungswissenschaft sehe ich auf drei Ebenen.

Sein erster Beitrag ist das, was sich im Laufe der siebziger Jahre als "institutionelle Pädagogik" (Lapassade) etabliert hat und später unter dem Begriff "Organisationsentwicklung" bekannt wurde. Er schuf zuerst, wie eingangs erwähnt, das größte Jugendzentrum Europas, das Kennedy-Haus, später das Jugendzentrum Fellbach, die er beide als "lernende Organisationen" konzipierte. D.h., daß er diese Institutionen von Anfang an als organisatorische Experimente gestaltete, die von den Mitgliedern zunächst fertig geplant und in der Folge ständig neu ihren Bedürfnissen angepaßt werden mußten, und zwar sowohl architektonisch wie pädagogisch. Seine Leistung bestand nicht in irgend einer Art von Führungstätigkeit durch Charisma, sondern in der Planung offener Strukturen und in der Hilfe bei der Qualitätsentwicklung durch die Beteiligten selbst. Als Person hielt er sich eher im Hintergrund. Kumpelhaftigkeit war seine Sache nicht. Aber er achtete genau darauf, daß Autorität nicht einfach durch Anarchie ersetzt wurde. Wesentlich in diesem Experiment mit der offenen Organisation war die schrittweise Delegation von Autoritätsfunktionen an die Jugendlichen, sodaß letztendlich die Autorität als notwendige Instanz sehr wohl vorhanden, der autoritäre Führer dagegen überflüssig geworden war.

Am besten informieren darüber seine Bücher über die von ihm gegründeten und geleiteten Jugendzentren:

- Kasiwai (d.h. "Sei gegrüßt!" in einem afrikanischen Dialekt). Ein Bildband des Kennedy- Hauses in Innsbruck. Fotografiert und gestaltet von Kurt Mimmler. Selbstverlag des Kennedy-Hauses, Sillgasse 8A, 6020 Innsbruck. 1970.

- Abschied von morgen. Aus dem Leben in einem Jugendzentrum. Düsseldorf: Patmos-Verlag 1973.

- Lächeln im Schatten. Düsseldorf: Patmos-Verlag 1976.

Sein zweiter Beitrag ist die Selbstevaluation, die als ein roter Faden durch alles läuft, was Kripp je zum Gegenstand seines Bemühens gemacht hat, sei es seine Tätigkeit als pädagogischer Organisator, sei es seine Laufbahn als Ordenspriester. Immer ist kritische Selbstreflexion die unverzichtbare Begleitung all seiner Entscheidungen und Handlungen. Des öfteren nimmt er kritische Freunde in Dienst, die als letztlich solidarische Außenstehende mit "fremdem Blick" auf das Werk des in die Praxis Verstrickten hinblicken. Am bedeutendsten wohl der große Theologe Karl Rahner, der in dem Buch "Abschied von morgen" auf die Bitte Kripps hin eine 34 Seiten lange kritische Einschätzung von dessen Arbeitsbericht formuliert. Die Spannung zwischen Kripps Selbstdarstellung und dem 34 Seiten langen Text des "kritischen Freundes" Karl Rahner, beides in schonungsloser Offenheit geschrieben, zeigt exemplarisch, wozu Evaluation als Triangulation fähig ist: Der Text macht deutlich, daß die Liebe zur Sache stärker ist als der Wusch zur Verabsolutierung des eigenen Standpunktes. Damit setzt er Maßstäbe für genau jene Form von Evaluation, die unsere Universität sich zu eigen gemacht hat.

Nachzulesen ist dies am besten im bereits zitierten Buch "Abschied von morgen", s.o.!

Die dritte Ebene ist Kripps Beitrag zu einer pädagogischen Kasuistik, die für eine am Subjekt orientierte Handlungswissenschaft wie eben die Pädagogik unverzichtbar ist. Er steht damit in einer Tradition fallorientierter, narrativer Wissenschaft, die uralte Wurzeln hat (Hippokrates in der Medizin, die jüdische Theologie, aber auch die Rechtswissenschaft, insbesondere das angelsächsische case law), deren Bedeutung für die Humanwissenschaften von der Psychoanalyse entdeckt wurde (Sigmund Freud wurde deshalb mit dem Goethe-Preis geehrt), die aber auch der Pädagogik Pate stand (Rousseaus "Emile", die Romane Pestalozzis) und in der Geschichte der wissenschaftlichen Pädagogik nur zu Zeiten der positivistischen Wende des Faches kurzfristig vergessen wurde. Gerade zu einem Zeitpunkt, als die Erziehungswissenschaft sich als Naturwissenschaft gerieren wollte (Ende der sechziger, anfang der siebziger Jahre), schrieb Kripp seine Fallgeschichten - noch vor den berühmten Texten von Konrad Wünsche ("Die Wirklichkeit des Hauptschülers"), Horst Rumpf ("Unterricht und Identität"), Hartmut von Hentig ("Aufgeräumte Erfahrung") und anderen. Lange bevor des Kulturanthropologen Clifford Geertz' Maxime der "dichten Beschreibung" (Geertz, C.: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1987) bei uns bekannt wurde, hatte Kripp bereits solch dichte Beschreibungen selbst verfaßt.

Wie aus Analysen seiner Texte kenntlich wird, geht er von einem Erfahrungsbegriff aus, der in Anlehnung an Selle (Selle, G.: Gebrauch der Sinne. Reinbek: Rowohlt 1988) beschrieben werden kann. Was Selle über Erfahrung sagt, wird in Kripps Texten spürbar. Sie sind Zeugnisse für die Existenz und die Aussagekraft einer anderen, einer an der Widerspenstigkeit der Phänomene orientierten Empirie, die dem Gegenstand der Erziehungswissenschaft eher angemessen ist als quantifiziernde Verfahren.

Kripp hat an der Nahtstelle von Theorie und Praxis der Pädagogik Außergewöhnliches geleistet. Organisationsentwicklung, Evaluation und Kasuistik sind jene Bereiche, die ihm viel verdanken. Ein weiterer, sein bislang letzter Beitrag zur Theorie-Praxisvermittlung ist die Sozialarbeit in der Dritten Welt. Diese hat er entwickeln und organisieren geholfen und hat seit mehr als zehn Jahren darüber in Lehrveranstaltungen an unserer Universität berichtet.

Lassen Sie mich am Ende dieser kurzen Würdigung nochmals an den Anfang zurückkehren, an die Ambition, dem homerische Modell gerecht zu werden. Die Odyssee, ja vielleicht... Aber doch nicht in dem Sinn, wie Horkheimer und Adorno sie interpretiert haben, nämlich als Anbeginn des Siegeszugs der technischen Vernunft, die das andere und den anderen instrumentalisiert. Vielleicht ist Kripp jener andere Odysseus, der von Homer immer als "polytropos" bezeichnet wird, als listenreich, der - und nun gestatten Sie mir einen kühnen Sprung - auch als modernisierter Held in Kafkas Romanen auftaucht, einer, dessen Heimat nicht territorialisiert ist, einer, der in seinem Denken, in seinem Handeln, in seinem Leben das Reisen, die Flucht, die Migration als sein Prinzip hat. Keine stabilitas loci mehr, sondern das nomadisierende Leben, sei's gezwungen, sei's freiwillig, keinem Territorium verwachsen, nirgends verwurzelt und doch gerade darum in einer Heimat, die zwar keinen Ort, wohl aber eine Vision darstellt. So wie Kafka sie erhofft hat, der in seinem Roman "Amerika" nicht den Ort, sondern den Gesellschaftstypus herbeiträumte, der für die Käuze und die Sonderlinge, die bunten Hunde und die Angepaßten, die Mutigen und die Ängstlichen, die Heimatdienstler und die Juden und die Araber und noch viele andere genügend Platz hat: Das Naturtheater von Oklahoma, in dem jeder aufgenommen wird, der sich bemüht. Dieses Oklahoma des Franz Kafka war die Vision, von der Kripps pädagogisches Handeln, seine Bücher und Leben Zeugnis ablegen. Dafür zeichnen wir ihn heute aus.