Helmut Stockhammer
Zur Innenarchitektur philosophisch-gruppendynamischer Praxen
1. Zum Bild des LabOratoriums wie es sich im "Tabule XI. Laborator-orator" des Heinrich Khunrath, Amphitheatrum sapientiae aeternae, 1602, kreisrund zeigt.
Heinrich Khunraths "Ganzer circel-runder (...) Schauplatz der Ewigen Weisheit" ist erfüllt vom geistlichen Salz der Weisheit, dem "Tartarus Mundi" oder "mittleren Salz-Punkt des großen Gebäudes der ganzen Welt" in den alle Raumlinien der perspektivischen Konstruktion von Hans Vredeman de Vries hineinflüchten.
Solche schöne LabOratorien konnten sich selbstverständlich nur reiche Herren leisten. Die "LabOratorien" reicher Damen sahen anders aus. Die der einfachen Leute ebenfalls (Küchen, Bäder, Werkstätten, ...).
Auf dem Meditationsbild, das im Original ein Kreis mit Mittelpunkt ist und keine eiförmige Form wie auf meiner Homepage (Internetadresse: /~hstockha) ist ein Labora-(Arbeite) und Ora-(Bete)torium zu sehen. Rechts also das Laboratorium im engeren Sinn, Retorten, Ofen und links das Gebets- und Offenbarungszelt (dem Alten Testament nachempfunden). Auf der Tafel im Zelt steht: "Sprecht nicht von Gott ohne das Licht". Edel gewandet kniet mit geöffneten Armen der hermetische Philosoph.
Auf den Säulen des Labors (im gruppendynamischen Jargon "Lab"): Ratio = Vernunft und Experienzia = Erfahrung. Auf dem Ofen ist die Parole "Eile mitWeile" angebracht. Die Destillation trennt "Sulfur" und "Merkur".
Die Tür, die hinter dem leeren Stuhl, auf dem ein leeres Blatt liegt im Mittelpunkt des Meditationsbildes ins Freie, Offene, Helle führt, ist überschrieben mit dem Satz "Wache im Schlaf".
Auf dem Tisch in der Mitte des Bildes sind zahlreiche Musikinstrumente dargestellt, Messinstrumente, sowie das besagte leere Blatt Papier. Die Inschrift am Tischtuch besagt: "Die heilige Musik verjagt die Sorgen und die bösen Geister, denn der Geist Gottes singt mit Freude im Herzen, wo die heilige Freude wohnt".
2.Dieses Bild entstammt einer Sammlung von Innenarchitekturbildern philosophisch-gruppendynamischer Praxen. Dieses Material zu sammeln ist auch deshalb wichtig, weil nicht nur die Gestalten der Gruppenmitlieder in unseren seelischen Räumen als "Ichanteile" in Träumen und Tagträumen mitspielen, sondern auch Dinge und ihre Räume.
Die Inszenierung als ein Teilgebiet der Interventionstechnik von Raum, Ding, Sitz, Kleidung, Farbe, Ton und Person und ihre Gruppendynamik ist in diesem 1602 publizierten Bild noch offengehalten auf nicht verfügbare Inspiration von "Oben".
Auch außerhalb religiöser Kontexte wird in unseren Zeiten auf vielfältige Weise Offenheit zu "machen" versucht: Brainstorming und die anderen Kreativitätstechniken die ich unter dem Titel "Sozialisation und Kreativität" (/ipg/publ/klgft-be.htm) beschrieben habe, sollen und dienen dazu schöpferische Fähigkeiten und Kontexte "herzustellen", zu machen. Nicht nur jede Gruppe, jede Organistion auch jede Kirche kann ein Lied davon singen (wenn sie singen kann und will) wie schwer das in diesem Jammertal mit der Offenheit ist.
Hermetisch alchimistischer männlicher Vervollkommnungswahn (andere Metalle in Gold, den Alchimisten in einen gottessüchtigen Christusnachfolger, die Gebärmutter in eine Retorte, statt männlicher und weiblicher Babys Hermaphroditen, Volk in Volk Gottes usw.) könnte Mann und Frau nicht ohne Berechtigung kritisch anmerken.
Zurück zum Bild des LabOratoriums aus dem Jahr 1602 und einigen Veränderungen die sich rein technisch und gesellschaftlich ergeben haben. Die einzelnen Plätze die in diesen Laboratorien eingenommen werden können, schauen heute klarerweise etwas anders aus:
Natürlich gibt es noch Laboratorien mit Öfen und Retorten. Es wird aber vor allem industriell erhitzt, geschmolzen, beobachtet und ausgewertet. Auch auf dem Gebiet der gruppendynamischen Laboratorien steht klarerweise der gemeinsame Produktionsprozess von Strukturen und nicht der Einzelne im Mittelpunkt der Überlegungen.
Kameras ermöglichen mediengestützte Prozessbeobachtung sowohl in Gruppenprozessen als auch in der industriellen Produktion von "Dingen". Der Platz hinter dem vernetzten Computer mit Webkamera wird zum möglichen philosophisch ausgezeichneten Sitzplatz in der Mitte des Labs. In Muse sitzen und auf das Agieren im Bereich Religion und Arbeit schauen.
Schließlich: Die kundige Inszenierung der Parole "Wache im Schlaf" der über dem Ausgang des LabOratoriums angebracht ist, wird der Brache der berufmäßigen Traumdeuter, beispielsweise den PsychoanalytikerInnen überlassen.

Gestaltung und Bearbeitung by Petra Hafner &
Daniela Czell
Video im real player format auf http://kanalb.de/index.php
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siehe auch:
deportation-class.com
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