3. SOZIALISATION UND KREATIVITÄT


Nachdem die wichtigsten psychologischen Kreativitätstheorien und ihre  jeweiligen Grundprobleme im Hinblick auf den soziologischen Ertrag untersucht und kritisiert wurden, soll nun der Versuch unternommen werden, das, zumindest nach dem Selbstverständnis des Autors am weitesten entwickelte soziologische  Konzept zur Erklärung schöpferischen Verhaltens in Rollensystemen, darzustellen und zu kritisieren.

Sozialisation wird im Rollenkonzept verstanden als ein Lernprozess, in dem potentiell kreative und handlungsfähige Subjekte Wertorientierungen und Verhaltensweisen einer konkreten Kultur verinnerlichen, die sie befähigen oder verhindern, dann auch tatsächlich kreativ zu sein. Bei der Entfaltung der Kritik an dem Ansatz von Jürgen Habermas wird allerdings auch begonnen, das Rollenkonzept überhaupt auf seine Grenzen hin zu befragen. Hierauf wird  notwendigerweise der Beitrag der Psychoanalyse zum kreativierenden  Sozialisationsprozess zusammengefasst.


Es wird klar, dass wissenschaftlich verantwortlicher Einsatz von Techniken und Didaktiken, die zur Steigerung der Kreativität in allen Gruppen eingesetzt werden können, auf eine umfassende Gesellschaftstheorie angewiesen sind, die die Frage nach den richtigen Fragestellungen beantwortet, soll Kreativität nicht nur  zur systemimmanenten Schlaumeierei verkommen.

Im Rahmen des psychoanalytischen Ansatzes und als eigener praktischer Beitrag  zur Weiterentwicklung einer selbst- und sozioanalytischen Technik, wurde die Bewusstmachung der Verbindung von psychischen und sozialen Prozessen im katathymen Bilderleben angeführt, um die Verschränktheit beider Prozesse zu verdeutlichen und ein konkretes kreativierendes Setting unter soziologischen Gesichtspunkten zu analysieren. Im Anschluss daran wird die Sozialisationsagentur  Schule und die Komponenten, die in ihrer Kreativität beeinflussen, anhand  zahlreicher empirischer Untersuchungen konkretisiert.



3.1. KRITIK DES HABERMAS'SCHEN ANSATZES


Weil das Rollenkonzept als eine der umfassendsten und ausgearbeitetsten Theorien der Soziologie und damit auch des Sozialisationsprozesses angesehen  wird und eine der jüngsten Ausformulierungen eines führenden Soziologen explizit  die Erklärung des Sozialisationsprozesses - auch gerade seiner kreativierenden und individuierenden Gesichtspunkte - beansprucht, muss im Rahmen dieser  Prolegomena zu einer soziologischen Theorie der Kreativität darauf eingegangen  werden. Die Stellungnahme erfolgt deshalb auch vor dem Kapitel über den  psychoanalytischen Beitrag, weil die darin verwendeten Begriffe, wie z.B. Ich-Stärke oder Über-Ich auch dem Habermas'schen Anspruch nach in seinem Rollenkonzept gewissermaßen soziologisch aufgehoben sind. Ein solches  Aufgehobensein passiert freilich auch anderen Wissenschaften bei Habermas, aber aufgrund der Sozialisation des Verfassers ist es ihm nicht möglich, beispielsweise die philosophischen Wurzeln umfassend zu bestimmen und zu kritisieren.

Habermas glaubt in dieser Ergänzung zur Rollentheorie die Begriffe gefunden zu haben, die letztlich auch in der Lage sind, Sozialisationssysteme zu beschreiben, in denen sogar politisch kreative Schüler und Studenten erzogen werden, die emanzipatorische Kreativität in Form der Studentenbewegungen hervorbringen. Er versucht außerdem die in der amerikanischen  Kreativitätsforschung eher undefiniert und ohne genauere Bestimmung verwendeten Begriffe wie Ich-Stärke, Artikulationsfähigkeit, Repression, Flexibilität und Spontaneität soziologisch zu bestimmen.

Dies gelingt ihm auch besser als den Formulierungen des üblichen Rollenkonzepts (z.B. Dahrendorf), die mit Recht von Habermas des Soziologismus  bezichtigt werden, und die insbesondere für eine Theorie der Kreativität zentral  sind. Es handelt sich um jene Dimensionen, in denen das Verhältnis des handelnden Subjekts - jenseits von seiner historisch bestimmten materiellen Lage - zu seinen Rollen gefasst werden kann. Es sind dies die vernachlässigten Dimensionen Bedürfnisrepression, Ich-Spontaneität, Selbstreflexion (Habermas  spricht von Rollendistanz) und Ich-Identität.

Diese im deutschen Idealismus mit der Ausfaltung des Reflexionsbegriffes und Interaktionsbegriffes begonnene Bestandsaufnahme der subjektiven Leistungen, insbesondere der denkerischen Produktivität, brachte gleichzeitig neue, höhere Problemlösungsprozesse in den Horizont der kreativitätstheoretischen Diskussion(60).

Das starke Ich oder die Ich-Stärke - wie die Psychoanalyse sagt - zwar schon in sozialen Beziehungen aber doch relativ autonom, also mit einem flexiblen Über-Ich - wird als Ursprung der Kreativität angesehen.

Habermas versucht nun diesen bereits mehrmals erwähnten Begriff der Ich-Stärke der zur Erklärung der Kreativität dient, soziologisch zu fassen, wenn  er schreibt: "Die unter 1 bis 3 aufgeführten Kategorien eignen sich für einen soziologischen Begriff von Ich-Identität, die sich an dem bewährt, was die Psychoanalyse 'Ich-Stärke' nennt."(61)
Diese drei Kategorien sind jene Dimensionen in der Rollentheorie, die bis jetzt in der Entwicklung dieser Theorie nicht berücksichtigt wurden und die nun von ihm formuliert, ermöglichen sollen, einen soziologischen Begriff von Ich-Stärke zu entwickeln.

Die Fähigkeit zur Ich-Identität, also die Fähigkeit sich "umorientieren" zu können, neue Kategorien und Verhaltensweisen zu finden, hängt von folgenden  Grundqualifikationen des kreativen Rollenspieles ab: nämlich von der Fähigkeit  "Rollenambivalenz bewusst zu ertragen, eigene angemessene Repräsentation des  Selbst zu finden und verinnerlichte Normen auf neuen Lagen flexibel anzuwenden."(62)

Auf der Ebene der Rollensysteme hängen diese Fähigkeiten von einer "Rationalisierung" des institutionellen Rahmens im Sinne abnehmender  Regressivität, schwindender Rigidität und zunehmender Flexibilität der  Verhaltenskontrolle ab.(63)Dies sind also die Eigenschaften Ich-starker und Ich-stärkender Sozialisationssysteme, die nach Habermas es erlauben, auf der Ebene der Persönlichkeitsstruktur zu fassen, was sich beim üblichen Konzept des Rollenlernens entzieht und was außerdem drei Entsprechungen in der Wirklichkeit der "Institutionen (Rollensysteme)" hat. Die sozilogischen Dimensionen von Rollensystemen (Repressivität, Rigidität, Verhaltenskontrolle), die auch wichtige Begriffe der psychologisch orientierten Kreativitätsforschung sind, werden in den folgenden Abschnitten dargestellt und befragt, ob sie einen  Beitrag zu einem soziologischen Begriff der Kreativität leisten können.(64)

Kreativität soll also in diesem Kontext als eine Form des Sozialverhaltens verstanden werden, das nicht wieder "Kreativität" ist und einen eigens zugewiesenen Aktionsraum hat, wie in den Berufen Wissenschaftler, Erfinder, Künstler, Kunsthistoriker, Kunstkritiker, Journalist, Werbetexter, Manager, Graphiker und Kunsterzieher, sondern es soll als eine Qualität des Verhaltens  des Menschen gegenüber den präformierten Rollen angesehen werden.



3.1.1. AUFHEBUNG VON BEDÜRFNISREPRESSION



Eine wesentliche Dimension für eine soziologische Bestimmung der Kreativität ist der Grad der Repression hängt davon ab, wie stark sich die "Rollenpartner" die Gegenseitigkeit der Befriedigung vorenthalten. Der unterschiedliche Grad der Repression nach der man ein Sozialisationssystem beurteilen muss, indem also ein Teil den anderen "ausbeutet", formuliert Habermas, bemisst sich am Unterschied  des Niveaus der Bedürfnisbefriedigung die einer vom anderen erwarten kann. Die allgemeinste These der Kreativitätsforschung ist, dass wenn die Unterdrückung gering ist, das am besten für die Entwicklung der Kreativität sei. Abgesehen davon, dass dieser These eine undialektische Betrachtungsweise von Entwicklungsprozessen zugrunde liegt, muss der Begriff der Repression präzisiert  werden.
Habermas hat schon recht, wenn er feststellt, dass in der soziologischen Theorie das Gleichgewicht einer Interaktion an die Bedingung der Gegenseitigkeit auf der kognitiven Ebene der symbolischen Bedeutungen  (Komplementarität der Erwartungen) gebunden ist, nicht aber an die Bedingungen einer Gegenseitigkeit auf der motivationalen Ebene der Bedürfnisdisposition (Reziprozität der Befriedigung)(65), jene Kreativität die also unterdrückte Bedürfnisse und "ungleiche Befriedigung" ausspricht und somit beseitigt (!) Kann man innerhalb der Rollentheorie als Begriff von emanzipatorischer Kreativität ansehen.
Sich das Problem politischer Kreativität so einfach zu machen, ist nicht zielführend, weil völlig ahistorisch an dem Konzept einer idealen Sprechsituation festgehalten wird. Es gibt nicht den geringsten Hinweis auf die grundlegenden Widersprüche in den "Rollensystemen", die dauernd ungleiche Befriedigung produzieren. Eine so unbestimmte Kreativität die unterdrückte Bedürfnisse artikuliert und die in jeweils konkreten Situationen einer Gruppe (welcher?) zeigt, dass das Integrationstheorem, das sie von sich hat, nämlich dass der Komplementarität der Erwartungen auch eine Gegenseitigkeit der Leistung und der faktischen Befriedigung entspricht nicht stimmt, kann auch dazu dienen, dass im Sinn der jeweils Repression Ausübenden das "Integrationstheorem" jeweils neu formuliert wird. Auch die jeweiligen Unterdrücker haben ja unterdrückte Bedürfnisse und entwickeln und bezahlen schöpferische Kräfte, die bei der Durchsetzung und Begründung ihrer unterdrückten Interessen behilflich sind. Aufgrund welcher soziologischen Kategorie soll eine so allgemein geartete Rollentheorie dieses Problem lösen? Sie kann es nicht. Auch nicht, indem sie sich um einen rollentheoretischen Begriff von Repression aufhebender Kreativität bemüht.
An den psychologischen Kreativitätsbegriffen gemessen ist die soziologische Fassung der Kreativitätsproblematik möglicherweise einen Schritt  weiter dadurch, dass sie den Apekt der Dynamik der Bedürfnisbefriedigung und  -unterdrückung und der sozialen Abhängigkeit schöpferischer Prozesse aufzeigt. Eine adäquate Bestimmung ist jedoch erst in einer umfassenden sozio-ökonomischen  Theorie der Gesellschaft möglich, die den Stellenwert der jeweiligen "Partner" inhaltlich im Hinblick auf die Entwicklung oder Hemmung der Produktivkräfte  bestimmt.
Statt die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse und die  Wechselwirkungen mit allen Produktivkräften als Resultat und Grundlage des  menschlichen Lebens - und somit Sozialisationsprozesses - zu erkennen und daraus auch den jeweils historischen Typus menschlicher schöpferischer Tätigkeit, auch  der der Repression aufhebenden zu erfassen, baut auch der hier vorgeführte  Begriff auf dem Hauptfehler der psychologisierenden und soziologisierenden Humanwissenschaften auf und zwar so, dass die zu erklärende Problematik nur von  der individuell-subjektiven und soziologisch-ahistorischen Seite her beschrieben  wird und nicht auf der Grundlage der historischen Betrachtung der materiellen Produktions- und Reproduktionstätigkeit.



3.1.2. ICH-SPONTANEITÄT


Die von der Rollentheorie vernachlässigte Dimension der Spontaneität findet sich im Rollenlernen als eine jeweils "mögliche", aber verhinderte  "interpretatorische Dimension" sowohl des Sozialisationssystems, als auch des zu  Sozialisierenden wieder. Die Annahme, dass in stabil eingespielten Interaktionen auf beiden Seiten eine Kongruenz zwischen Rollendefinition und Rolleninterpretation besteht, kann nach  Habermas nicht aufrecht erhalten werden. "Der Spielraum einer gebrochenen Intersubjektivität der Verständigung durch gemeinsame Normen ist nötig, damit die handelnden Subjektive, indem sie eine soziale Rolle übernehmen, zugleich sich als unvertretbare Individuen darstellen können.(66) Für das Auseinanderhalten der Ebene der Rollendefinition und der Rolleninterpretationen sprechen  psychoanalytische, philosophische, aber auch Erfahrungen des Alltags. "Eine vollständige Definition der Rolle, die die deckungsgleiche Interpretation aller  Beteiligten präjudiziert, ist allein in verdinglichten, nämlich Selbstrepräsentation ausschließenden Beziehungen zu realisieren."(67) Zweifellos lässt diese Ergänzung der Rollentheorie zumindest in der Theorie den schöpferischen Kräften des Menschen mehr Raum. Es ist schon richtig, dass Ich-Spontaneität und auch die Spontaneität der Massen ein sehr wichtiges Element der Kreativität sind. Nur - von einer soziologischen Theorie der Kreativität würde man mehr erwarten, als die Behauptung, Ich-Spontaenität und die Fähigkeit zur Interpretation sei wichtig.

Nicht angegeben werden die konkreten Einübungsmöglichkeiten von interpretatorischen Fähigkeiten und ihre systematische Verteilung und  Vorenthaltung im Bildungssystem. So entlässt die übliche Entgegensetzung von  Bildung und Ausbildung, Allgemeinbildung und Berufsbildung den ganzen Bereich der politisch-gesellschaftlichen, ökonomischen und technologischen Tätigkeit des Menschen aus der rationalen Kritik. Und dort, wo vernünftige Kritik und somit interpretatorische Kreativität planmäßig eingeübt wird, wie in der gymnasialen Oberstufe, wird sie auf Text- und Kunstinterpretation eingeengt. Weiters wird versäumt, den Stellenwert, den "die Spontaneität der Massen" bei der Neudefinition von Situationen hat und unter welchen Bedingungen sie zur Entfaltung der Kreativkräfte beiträgt.

Für die Vermittlung interpretatorischer Fähigkeiten ist versucht worden, einige konkrete Angaben zu machen. Auch für massenhaftes Auftreten der Spontaneität, die mit dem stummen Zwang der Rollendefinition bricht, kann nicht genug betont werden, dass eine Bejahung von Spontaneität den Theoretiker nicht  davor bewahren kann, genaue Angaben darüber zu machen, zu welchen Resultaten die neue Interpretation von Situationen führen kann. Ich welchem Ausmaß und auf  welche Weise organisatorisch abgesichert nach der Neuinterpretation Selbstrepräsentation möglich ist, ist ja schließlich auch für die im Interessenskampf liegenden "Rollenpartner" ein politisches Problem. Rollendefinitionen haben ja auch ihren harten sanktionierbaren juridischen Kern. Die Anbetung der Spontaneität der Massen bringt die Gefahr mit sich, dass auf theoretischer Ebene Spontaneität zwar in den Zusammenhang der Rollentheorie aufgenommen wird, man sich aber um das theoretische oder praktische Problem drückt, wessen Spontaneität wem nützt.

Auch Feuerbach, der sich frei von diesen idealistischen Grundfehlern meinte, ist in seiner Untersuchung über die Idee der Kreation aus dem Nichts im Rahmen seines Hauptwerkes "Das Wesen des Christentums" durchaus noch Idealist.(68) So hieße zum Beispiel die Tatsache der Repression aussprechen, sie schon aufheben; was ja allgemein besagt, dass die Artikulation und Interpretation schon  soziale Systeme verändern könne. Er gibt - als eines von vielen - Beipiele dafür, wie Innovationsprozesse nur als Interpretationsprozesse, als rein geistige Tätigkeit zu begreifen versucht werden. Diese sehr weit verbreiteten  idealistischen Ansätze in den Kreativitätstheorien, die Kreativität nicht als praktisch-sinnliche Tätigkeit auffassen, sondern als geniale Schöpfungen aus dem Nichts, sind wissensoziologisch auch dahingehend zu entschlüsseln, dass die  geistig Arbeitenden klarerweise ihre Tätigkeit als die wichtigste und wertvollste wissen wollen.
Außerdem muss auf die Grundtatsache hingewiesen  werden, dass die Aufhebung von Repression - die Bedürfnisbefriedigung - von objektiven Voraussetzungen abhängt. Bei der theoretischen und praktischen Entfaltung auch anderer schöpferischer Potenzen der menschlichen Arbeit ist also vom Stand der historisch-gesellschaftlichen Entwicklung auszugehen, an dem der kreative Mensch in unterschiedlicher arbeitsteiliger Weise teilnimmt. Erst auf der Grundlage der  Erkenntnis der gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Verhältnisse,  die die Kenntnis der vorhandenen Produktivkräfte, also der realen Möglichkeit einer Gesellschaft mit einschließt, sowie den Stand der Organisiertheit der Repressierten kann in der Tat ein konkreter und inhaltlich bestimmter Begriff  von Kreativität entwickelt werden.



3.1.3. SELBSTREFLEXION


Diese Dimension ist für eine Theorie der Kreativität wichtig, weil Untersuchungen von Barron(69) gezeigt haben, dass ein zu starkes Über-Ich - und als Funktion des Über-Ichs  übt das Gewissen Verhaltenskontrolle je nach der Struktur des im früheren Sozialisationsprozess erworbenen Über-Ichs aus - hinderlich für eine kreative Person ist. Dieses Phänomen zu beschreiben ist in der herkömmlichen Rollentheorie nicht möglich, da sie vom Konformitätstheorem ausgeht.
"Die Rollentheorie geht schließlich von der Annahme aus, dass eine stabile, eingespielte Interaktion auf einer zwischen geltenden Normen und wirksamen Verhaltenskontrollen beruht: eine institutionalisierte Wertorientierung (Rolle) entspricht einem internalisierten Wert (Motiv) in der Weise, dass geltende Normen  mit hinreichender Wahrscheinlichkeit auch faktisch erfüllt werden."(70) Nicht näher bedacht wird in dieser Konzeption, dass je nach dem Grad der Internalisierung sich das handelnde Subjekt selbst zu seiner Rolle verhalten  kann, eine Dimension, die allerdings von Habermas zu Unrecht als seine Leistung in der Sozialisationstheorie angesehen wird, da sie auch im Konzept der "Personalisation" zumindest intendiert ist.

Um diese Dimensionen zu bestimmen, setzt Habermas flexibles Über-Ich, Selbstreflexion und Rollendistanz in eins. Er erreicht damit, dass das in der traditionellen Soziologie nicht näher bedachte Konzept in  die Rollentheorie aufgenommen wird, das besagt, dass ja je nach dem Grad der  Verinnerlichung von Rollen sich das handelnde Subjekt selbst zu seiner Rolle verhalten kann.
Die Fähigkeit zu relativ autonomen Rollenspiel auf der Grundlage der reflexiven Anwendung einer flexiblen Über-Ich-Formation zur Bewältigung neuer Lagen ist eine wichtiges Bindeglied zwischen soziologischen und psychologischen Kreativitätstheorien, da die spezifische Form der im  Erziehungsprozess verinnerlichten Verhaltenskontrolle das Maß möglicher Rollendistanz bestimmt.
Die für die Entwicklung kreativer Verhaltensweisen notwendige Sozialisationsplanung - die im herkömmlichen Begriff der Bildungsplanung nicht unterzubringen ist - weil sie die Planung von Fähigkeiten, Einstellungen und Systemen in allen gesellschaftlichen Bereichen meint, ist an der Errichtung eines Familiensystems interessiert, das eine Erziehung gewährleistet, die in verständnisvoller Interpretation kindlicher Intentionen an einer vorweggenommenen Individuierung ausgerichtet ist und die Selbständigkeit des Kindes - einschließlich kreativer Abweichungen - prämiiert. Die  Forschungsergebnisse der Psychoanalyse geben darüber genauere Auskunft.
Kritisch kann zum Begriff der flexiblen Über-Ich-Formation, der  Rollendistanz ermöglicht, gesagt werden, dass er nicht geeignet ist, das zu leisten, was er sich vornimmt, nämlich Selbstreflexion zu bestimmen. Es wird nicht gesprochen von der Erkenntnis der eigenen objektiven Lage, sondern von starker oder schwacher Verinnerlichung von Verhaltenskontrolle.
Auch zu  Sozialisierende lernen diese Fähigkeit und das kommt bei Habermas in den  folgenden Kapiteln, die die Ergebnisse der Kreativitätsforschung darstellen, zu wenig zur Geltung, nur wenn sie sowohl als Lernende Kenntnisse vermittelt  bekommen, die sie über den Stand der politischen und ökonomischen Entwicklung  informieren, und wenn sie am Prozess der Aufklärung und Befreiung von jenen Kräften, die die Entwicklung der Kreativkräfte verhindern, teilhaben.
Auch die von Habermas dargestellte Konzeption und Kreativität kann keineswegs als zu verallgemeinerndes und realisierbares Bildungsziel angesehen werden; das heißt nicht, dass es nicht aus ideologischen Gründen als allgemeines Bildungsziel  gefordert würde, das heißt nur, dass die einzelnen Berufsgruppen, für die die Schüler ausgebildet werden, entsprechend ihrer unterschiedlichen Stellung im Produktionsprozess unterschiedliche kreative Fähigkeiten und Verhaltensweisen in verschiedenen Bildungszweigen grundgelegt bekommen. Im Lehrer wird oft die Schlüsselfigur für das Gelingen und Scheitern von "Emanzipation" durch Kreativitätsförderung gesehen. Die systematische Vermittlung und Vorenthaltung durch die einzelnen Schultypen ist ihm allerdings vorgegeben. Innerhalb dieses Bezugsrahmens müssen auch die Vorschläge, die aufgrund der Untersuchungen am  Schluss dieses Kapitels zusammengefasst sind, interpretiert werden.
 

Sozialisation und Kreativität

Gestaltung und Bearbeitung by Petra Hafner &
Daniela Czell

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siehe auch:
deportation-class.com

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