HELMUT STOCKHAMMER

 

SCHÖPF, Alfred: Sigmund Freud. München (1982)

(Beck´sche Schwarze Reihe 502/Reihe: Große Denker)

 

 

Alfred SCHÖPF, Professor für Philosophie an der Universität Würzburg, und den an der FREUDschen Theorie Interessierten schon bekannt durch seine Untersuchung über die“psychoanalytische Kritik Freuds am Philosophieren”[1], hat nun eine neue Studie vor­gelegt. In drei Abschnitten stellt er, auf dem gegenwärtigen Stand der internationalen Forschung, Leben, Werk und Wirkung FREUDs dar. Dieser sehr informative Überblick (mit kritischen Erörterungen) scheint mir ebenso für interessierte Laien, wie für Studen­ten und Fachphilosophen als wissenschaftliche Orientierung und Anregung für weitere Überlegungen und Forschungen geeignet.

Einleitend skizziert der Autor den Widerspruch zwischen naturwissenschaftli­chem und philosophischen Erkennen im Denken FREUDs. In einer kurzen Darstellung wird - ergänzt durch eine Reihe von Abbildungen - die geistige, soziale und philosophi­sche Entwicklung FREUDs nachgezeichnet.

Wenn es auch materialreichere und interessantere Werke über leben und Denken FREUDs gibt (ich erinnere etwa an ROAZEN [2], oder an ERDHEIM [3]), so ist doch festzustellen, daß gerade die philosophische Dimension des Werdegangs FREUDs erst in diesem Buch entsprechend zur Geltung kommt. Beispielsweise berichtet der Autor (was wenige wissen dürften):

“Brentano war es auch, der Freud seinem Kollegen Theodor Gomperz empfahl, als dieser ersatzweise einen Übersetzer für den Band 12 der Gesammelten Werke von John Stuart Mill suchte. In der Tat übernimmt Freud die Übersetzung dieses Bandes, der Probleme der Arbeiterschaft, der Frauenemanzipation und des Sozia­lismus behandelte.” (S.30)

 

 

 

Im einzelnen zeigt SCHÖPF, wie sehr die FREUDsche klinische Erfahrung die Erkenntnistheorie, seine Trieblehre die Anthropologie, die von ihm beschriebenen Geschichten und Strukturen der Wünsche die Sozialphilosophie und Ideologiekritik herausfordern und bereichert haben. Wissenschaftstheoretische Probleme der Psycho­analyse, die sich aus ihrer Stellung zwischen “somatischer und seelischer Betrachtungs­weise” ergeben, werden ebenso diskutiert, wie die Frage der Freiheit und/oder De­terminiertheit des Menschen bzw. die Frage nach dem Status der psychoanalytischen Selbsterkenntnis. [4]

Die Wirkungsgeschichte der Psychoanalyse in der Philosophie wird an den Auseinandersetzungen in Phänomenologie, Hermeneutik und Existenzphilosophie, im Behaviourismus, in der Sprachanalyse und in der Wissenschaftskritik, sowie an der Auseinandersetzung im Marximus und in der “Frankfurter Schule dargestellt.

Zeittafel, Literaturverzeichnis und Register ergänzen dieses Werk, das besonders deshalb so lesenswert ist, weil es gerade die philosophische Bedeutung des FREUD´schen Denkens umreißt. Darüber hinaus fällt angenehm auf, daß zu den ein­zelnen Problembereichen häufige und längere Zitate FREUD selbst zu Wort kommen lassen, bevor dann kritische Erörterungen folgen.


[1]           SCHÖPF, Alfred: Die psychoanalytische Kritik Freuds am Philosophieren. In: Perspektiven der Philosophie, Band III/1977 (ed. R. Berlinger u.a.) Hildesheim / Amsterdam 1978.

[2]            ROAZEN, Paul: Sigmund Freud und sein Kreis. Bergisch Gladbach 1976.

[3]           ERDHEIM, Mario: Die gesellschaftliche Produktion von Unbewußtheit, Frankfurt/Main 1982.

[4]           vgl. STOCKHAMMER Helmut: Schnappschüsse in Schwarzweiß, oder wo liegt Afrika? Kolonialistische Denkformen in Freuds Metapsychologie und Hegels Geschichtsphilosophie. In: ARNOLD, Uwe / HEINTEL, Peter (Hrsg.): Zeit und Identität. Zur Erinnerung an Jakob Huber, Wien 1983. S. 142-175.

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