SCHNAPPSCHÜSSE IN SCHWARZWEISS, ODER: WO LIEGT AFRIKA?
 

 

Kolonialistische Denkformen in Hegels Geschichtsphilosophie und Freuds Metapsychologie

 

Inhalt:
 I. "Der europäische Geist hat merkwürdige Grundlagen." (Fanon)

II. "Die Momente, die der Geist hinter sich zu haben scheint, hat er auch in seiner gegenwärtigen Tiefe." (Hegel)
   1. "Was kann der arme Mohr dafür, dass er nicht ist so weis' wie wir ..."
    2. "Wir müssen thierähnlich werden, um weise zu sein ..."  (Montaigne)

III. Anmerkungen

 

MOTTI:


 "Wir  tragen mit uns die Wunder herum, die wir außer uns suchen; i n  u n s i s t  A f r i k a mit allen seinen Prodigien . . . "
                                                                                                                                                 Thomas BROWNE, 1643
 

"Seit den drei oder vier Jahrhunderten, in denen die Bewohner Europas die  anderen Weltteile überfluten und unaufhörlich neue Sammlungen von Reise- und  Verkehrsbeschreibungen veröffentlichten, kennen wir nach meiner Überzeugung von allen Menschen nur die Europäer genau; außerdem scheint es, angesichts der lächerlichen Vorurteile, welche selbst unter den Schriftstellern noch  nicht ausgestorben sind, dass ein jeder unter dem prunkenden Namen einer Studie über den Menschen nichts anderes liefert als eine Studie der Menschen seines Landes."
                                                                                                                                                 Jean Jacques ROUSSEAU,  1755
 

"Der Neger stellt, wie schon gesagt worden ist, den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar: von aller Ehrfurcht und  Sittlichkeit, von dem was Gefühl heißt, muss man abstrahieren, wenn man ihn richtig auffassen will; es ist nichts an das Menschliche Anklingende in diesem Charakter zu finden."
                                                                                                                                                    G.W.F. HEGEL, 1837 (1822-31)
 

"Sie erwarten nicht, dass ich Ihnen vom Es außer dem neuen Namen viel  Neues mitzuteilen habe. Es ist der dunkle, unzugängliche Teil unserer Persönlichkeit; das wenige, das wir von ihm wissen, haben wir durch das Studium der Traumarbeit und der neurotischen Symptombildung erfahren und das meiste davon hat negativen Charakter, lässt sich nur als Gegensatz zum Ich beschreiben. Wir nähern uns dem Es mit Vergleichen, nennen es ein Chaos, einen Kessel voll brodelnder Erregungen. Wir stellen uns vor, es sei am Ende gegen das Somatische offen, nehme da die Triebbedürfnisse in sich auf,  die in ihm seinen psychischen Ausdruck finden, wir können aber nicht sagen, in welchem Substrat. Von den Trieben her erfüllt es sich mit Energie, aber es hat keine Organisation, bringt keinen Gesamtwillen auf, nur das Bestreben den Triebbedürfnissen unter Einhaltung des Lustprinzips Befriedigung zu verschaffen."
                                                                                                                                                                Sigmund FREUD, 1933
 

Hegels Charakterisierung Afrikas (im Abschnitt über die "geographischen Grundlagen der Weltgeschichte" in seiner Geschichtsphilosophie)  weist einige merkwürdige Parallellen auf zu Sigmund Freuds Darstellung des Es (in der 31. Vorlesung der "Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Neue Folge").
Leicht ließe sich vermuten, dass sich solche Ähnlichkeiten bloß als zufällige Zusammenhänge entlarven könnten, als Einfälle, die sich der (notwendig) fragmentarischen Lektüre verdanken mögen. Nichtsdestoweniger haben  mich die - zunächst scheinbar nur äußerlichen - Analogien zwischen Hegels und Freuds Darstellung dazu verführt, einen detaillierteren Strukturvergleich  anzustellen.
Im ersten Teil dieses Artikels wird der Textvergleich, mehr oder weniger als Montage von Zitaten aus der Geschichtsphilosophie Hegels und den Einführungsvorlesungen Freuds, vorgeführt; im zweiten Teil werde ich einige  Schlussfolgerungen und Konsequenzen darstellen, die sich aus der Zitatencollage ergeben können.

 

Schnappschüsse in Schwarzweiß