1) EINLEITUNG

In fast regelmäßigen Zeitabständen wird in der Öffentlichkeit das pro und contra studentischer Verbindungen, sowie des gesamten Cartellverbandes der katholischen Österreichischen Studentenverbindungen (ÖCV)(1). überhaupt nicht immer affektiv neutral erörtert. Es soll nun aber nicht die Aufgabe der vorliegenden Arbeit sein, die Vor- und Nachteile der verschiedenen Grundkonzeptionen  österreichischer Akademikerverbände gegeneinander abzuwägen. Die vorliegende Untersuchung will sich vielmehr bemühen, einen Teil der sozialen Wirklichkeit des ÖCV soweit das überhaupt ohne finanzielle Aufwände und im Rahmen einer  Diplomarbeit möglich ist darzustellen. Die Bruchstückhaftigkeit dieser Arbeit wird deutlich, wenn man bedenkt, dass im Jahre 1967 7308 Alte Herren(2) und 2358 Studierende in 39 teilweise sehr verschiedenen Verbindungen(3) Mitglieder waren, und der Verfasser über keinerlei finanzielle Mittel verfügte. Aus diesem Grund konnte er auch keine kostenverursachenden sozialempirische Instrumente zur Erforschung der Sozialstruktur zum Einsatz bringen.



1.1) Überblick und Definitionen

Nach der Einleitung, die bereits einiges von der Bedeutung des Verbandes aufzeigen soll, werden die dem Verfasser zur Verfügung stehenden Forschungstechniken diskutiert.

Ein kurzer historischer Überblick über die Geschichte des Verbandes soll die historische Dimension der Strukturen des ÖCV andeuten. Die Wertsysteme seiner Mitglieder werden wesentlich von den in den Satzungen fixierten und aus der Geschichte des CV erklärbaren letzten Werten geformt. Sie sollen im vierten Kapitel spezifiziert werden.

Der in den Rechtsbüchern festgelegte und in der Praxis vorhandene institutionelle Rahmen, der aus Normen, Funktionen, Vollmachten und Kommunikation zusammengesetzt denkbar ist, wird durch eine Beschreibung des  Sozialisationsprozesses in der CV-Verbindung ergänzt. Die Interaktionsmodi bei  einem Verbindungsfest werden in den Beobachtungsprotokollen über einen Kommers thematisch.

Im Anhang versuche ich, von den Ergebnissen der Totalerhebung ausgehend, die Außen- und Innenstruktur des Verbandes näher zu beschreiben.

Unter soziololgischer Strukturanalyse sei eine Überwindung des Primärstadiums der rein beschreibenden und katalogisierenden Materialanhäufung verstanden. Obzwar auch dieses Primärstadium, wie es Fürstenberg nennt, einen großen Teil dieser ersten soziologischen Arbeit über den CV kennzeichnet, wurde doch versucht, die in den sozialen Abläufen wiederkehrenden Komponenten in ihrem  Zusammenhang nachzuweisen. Dieser erkennbare, sich nur allmählich verändernde Wirkungszusammenhang sozialer Kräfte in der Gesellschaft ist ihre soziale Struktur.

Soziale Struktur liegt vor, wenn die Elemente in einem sozialen System verbunden sind, dieses System(4) (Totalität) bestimmte Besonderheiten aufweist, und wenn die Besonderheiten der Elemente  vollkommen oder teilweise von denen des sozialen Systems abhängen.

Folgende Grade der Mitgliedschaft im Sozialsystem des ÖCV sind möglich:

1) Ordentliche Mitglieder

1.1) Studierende: Füchse, Burschen (aktive, passive Burschen)

1.2) Alte Herren: Urphilister, Bandphilister, Bandphilister h.c.


2) Außerordentliche Mitglieder




1.2) Die Bedeutung des Cartellverbandes

einleitend dargestellt anhand der einzigen größeren journalistischen Analyse.(5)

In diesem Kapitel sei der Inhalt der einzigen umfassenden Darstellung des CV,  die nicht aus der Feder eines Mitgliedes selbst stammt, kurz referiert. Die Aussagekraft sozialwissenschaftlicher Analysen und ihre Stringenz kann daher nicht verlangt werden. Unter der Überschrift Die Elitebildung in der Volkspartei schreibt Alexander Vodopivec im Jahre 1960 folgendes: "Der CV selbst unterliegt nicht nur einem Strukturwandel der vom Wandel der Gesellschaft beeinflusst wird, sondern er rief z.B. in der christlichsozialen Ära der Ersten Republik einen tiefen Strukturwandel in der höheren Beamtenschaft hervor."

Einführungshalber seien verschiedene Aspekte, insbesondere der Außenstruktur und ihrer Wechselwirkungen dargestellt.

In der höheren Beamtenschaft (siehe dazu auch Kapitel 8) trat das bürgerlich-liberale, zum Teil auch großdeutsche Element immer mehr in den  Hintergrund. An die Stelle der Theresianisten und Liberalen, wie Vodopivec sie  nennt, traten nach und nach die Mitglieder des CV, des Cartellverbandes der  katholischen, farbentragenden Hochschulverbindungen. Der CV, meint er, der den Höhepunkt seines politischen Einflussen zweifellos in der ständestaatlichen Ära zwischen 1934 und 1938 erreichte, nahm nach 1945 innerhalb der neugegründeten Volkspartei naturgemäß eine sehr starke Stellung ein. Dann geht der Autor auf das Zusammenspiel der führenden Mitglieder des CV und des Österreichischen Akademikerbundes ein. Er schreibt: "Der Akademikerbund umfasste in seinem Präsidium und den verschiedenen Organisationen (siehe Altherren-Landesbünde) auch maßgebende Mitglieder des CV, wie Unterrichtsminister Dr. Heinrich Drimmel (m.A. jetzt der Noricer Dr. Alois Mock) und den ehemaligen Vorsitzenden der CV-Altherrenschaft und späteren ÖVP-Generalsekretär (und jetzigen Vizekanzlers) Dr. Hermann Withalm." (Vorsitzender der CV-Altherrenschaft zu sein, ist schon jahrzehntelang Bestandteil eines ÖVP-Karrieremusters)

"Obwohl der Einfluss des CV in den mittleren (und wie ich zeigen werde, auch in den oberen und obersten) Rängen des öffentlichen Dienstes alle  personalpolitischen Überlegungen sehr stark beeinflusst, zeigt gerade das Zusammenspiel der Mitglieder des Cartellverbandes mit dem liberalen Flügel des Akademikerbundes bei der Erstellung des Kabinetts Gorbach, welche prinzipiellen  Strukturverschiebungen sich ergeben haben. (Eine Strukturverschiebung zu Gunsten des liberalen Elements, die auch heute noch ihre Auswirkung z.B. in der Tolerierung und teilweisen Unterstützung progressiver CVer in der  Bundesparteileitung und Regierung zur Folge hat.)

Als im Februar 1960 vor dem ÖVP-Bundesparteitag der Rücktritt Ing. Raabs als Parteiobmann und das Ausscheiden Dr. Maletas aus dem Generalsekretariat zur Debatte stand, erhielten die beiden Nachfolger Dr. Gorbach und Dr. Withalm,  obzwar CV-Mitglieder, die stärkste Schützenhilfe von seiten des liberalen  ÖVP-Flügels. Dr. Withalm wurde als ÖVP-Generalsekretär vor allem von jenem Bund forciert, in dem der CV den geringsten Einfluss hat nämlich dem Wirtschaftsbund.

Als eine Ergänzung und Auffüllung des CV-historischen Kapitels, sowie des  Kapitels über Außenstrukturen und ihre Genese, ist die Aufführung folgender, (für eine politische Soziologie relevanter) von CV-ern besetzter Positionen zu verstehen. Historische Entwicklungen könnten (zumindest im Bereich der  Bürokratien) aus einer Kombination der Aufnahme von 1960 und meiner Faktensammlung aufgezeigt werden.

"Die 35 Verbindungen des CV in Wien und den Universitätsstädten der Bundesländer gestatten, von seltenen Ausnahmen abgesehen, den Beitritt nur während der Studienzeit. Mit einem Stand von 8074 Urstudenten und Urphilistern, sowie 173 Ehrenmitgliedern und 204 Bandträgern, davon 2142 Aktiven und  5800 Alten Herren, verhält sich die zahlenmäßige Stärke des CV umgekehrt zu seinem Einflu. Das Du, mit dem sich die Angehörigen des Cartellverbandes unabhängig von Alter und Stellung ansprechen - sie fügen dann den vollen Titel hinzu - ist nicht nur der alten österreichischen Offiziers- und Beamtentradition entlehnt, sondern zugleich auch der Ausdruck eines jahrzehntealten Corpsgeistes. Er hat den Alten Herren des  Cartellverbandes in bestimmten Sektoren des öffentlichen Lebens führende  Stellungen eingebracht. Von den sechs Sektionschefs des Ballhausplatzes etwa gehören vier katholischen Verbindungen an, einer ist Sozialist, einer  Theresianist. Der langjährige Präsidialchef des Bundeskanzleramtes, Dr. Chaloupka, ist Philistersenior der Bajuvaria, aus der auch der Chef des  Bundespressedienstes, Dr. Meznik, kommt. Der Leiter der Personalsektion, Dr. Hackl, sowie Dr. Preglau, der Leiter der Sektion V zählen zur Verbindung Austria Wien. Von den ÖVP-Mitgliedern der Bundesregierung gehören  Altbundeskanzler Ing. Raab der Norica, Unterrichtsminister Dr. Drimmel  und Handelsminister Dr. Bock der Nordgau, der ehemalige  Verteidigungsminister Graf der Grazer Verbindung Traungau an.  ÖVP-Generalsekretär Dr. Withalm kommt ebenso sie Nationalratspräsident Figl aus der Norica und war bis zu seiner Wahl in seine jetzige Stellung als Vorsitzender der Altherrenschaft der höchste Funktionär des CV überhaupt.


ÖVP-Bundesparteiobmann Dr. Gorbach ist Mitglied der Grazer Verbindung Carolina."

Wie der folgende Abschnitt zeigt, bildet der Cartellverband nicht nur für  politische Eliten, sondern auch für bürokratische Spitzenpositionen aus. Worauf  diese Parallelität und Identität der Sozialisierung im CV hinweist und welcher Stil dadurch geprägt wird, sei später ausgeführt.

"Die stärksten Einflussgebiete des Cartellverbandes sind heute bestimmte Teile der öffentlichen Verwaltung, die Landwirtschafts- kammern und ein Teil der Handelskammerorganisationen. Von den Beamten mit akademischer Ausbildung gehören 1217 einer CV-Verbindung an. Zusammen mit den 253 CVern in den Kammern und  Genossenschaften machen sie fast genau ein Viertel der Alten Herren aus. Der  Einbruch des CV in den Beamtenapparat begann in der Ära Seipel nach dem Ersten  Weltkrieg. Bis dahin kam der überwiegende Teil der österreichischen Ministerial-  und Verwaltungsbürokratie aus dem liberalen Großbürgertum, das in den letzten Jahrzehnten vor dem Zusammenbruch der alten Monarchie der eigentliche Träger des österreichischen Staatsgedanken war. Seine traditionelle Ausbildungsstätte, das Theresianum, war von Maria Theresia als ziviles Parallelinstitut zur Wiener  Neustädter Militärakademie gegründet worden. Nach dem ersten Weltkrieg wurden die Theresianisten aus ihren früheren Positionen immer mehr in das Außenamt zurückgedrängt. Die Wandlung des CV von einer Schutz- und Nothilfegemeinschaft zu einem Kräftereservoir für die Besetzung politischer Machtpositionen erreichte  ihren Höhepunkt in der ständestaatlichen Ära zwischen 1934 bis 1938. Unter den Nationalsozialisten kamen viele seiner Mitglieder ins KZ oder waren anderen Verfolgungen ausgesetzt.

Heute ist der Cartellverband außer in der Ministerialbürokratie vor allem in jenen Landes- und Bezirksverwaltungen fest verankert, wo der Landeshauptmann aus  den Reihen der ÖVP stammt. In Niederösterreich und dem Burgenland sind  Bezirkshauptleute, die weder der SPÖ nahestehen noch CVer sind, eine absolute Ausnahme. Gut vertreten ist der Cartellverband auch in der Agrarbürokratie, in den Landwirtschaftskammern den Fondsverwaltungen und den Genossenschaften. Dort  stellt er, oft noch auf die Tradition aus der Zeit Dollfuß' zurückgehend, moderne Agrarpolitiker, die meist Beamte sind und sich gegenüber den manchmal rückschrittlichen Funktionären nicht zuletzt deshalb immer wieder durchsetzen können, weil ihnen ihre Bundesbrüder politischen Rückhalt bieten. In den  vergangenen 15 Jahren sind auch die Handelskammern ein CV-Einflussbereich geworden. Der Posten des Generalsekretärs der Bundeskammer wurde bisher von den  CV-Mitgliedern Dr. Widmann und Dr. Korinek besetzt."

Die Stärke der Lehrer- und Professorenschaft im CV werde ich im 8. Kapitel behandeln, ebenso das politische Gewicht des CV in der Ärzteschaft.

In den freien Berufen ist der CV vor allem bei den Anwälten und den Notaren auf dem Lande mächtig. Die Mehrzahl der 290 CVer in dieser Berufsgruppe gehört hierher, während in den Städten anders orientierte Berufsvereinigungen den stärkeren Einfluss besitzen. Im Pressewesen ist der CV vor allem bei den ÖVP-Zeitungen verhältnismäßig stark. Zu seinen Exponenten zählt Dr. Franz Grässl, jetzt Leiter des Parteiverlages, früher Chefredakteur der auflagenstärksten ÖVP-Zeitung Das kleine Volksblatt, und der Chefredakteur der amtlichen Wiener Zeitung, Dr. Franz Stamprech. Auch die beiden bedeutenden unabhängigen, inzwischen verstorbenen Publizisten Dr.  Friedrich Funder und Dr. Gustav Canaval, waren Mitglieder des CV. Bei den großen unabhängigen Blättern war Dr. Anton Klotz, der Chefredakteur der Tiroler  Tageszeitung, Mitglied der CV-Verbindung Raetobavaria Innsbruck.

Aus der Vielzahl der CV-Verbindungen ist im Laufe der Jahre etwa ein halbes  Dutzend zu Größe und Einfluss gelangt. In Wien sind dies vor allem die Norica, die Bajuvaria, die Austria Wien, und die Nordgau. Der Zahl der Mitglieder nach folgen dann noch die Nibelungia, und die Rudolphina, sowie seit Kriegsende die hauptsächlich an der Hochschule für Welthandes beheimatete Mercuria. Aus der Norica kommen etwa neben Ing. Raab, Ing. Figl und Dr. Withalm noch der Präsident des Verfassungsgerichtshofes Prof. Antoniolli, der Vorarlberger Landesamtsdirektor Dr. Grabherr und der Programmdirektor des Rundfunks Prof. Übelhör. In den westlichen Bundesländern spielt vor allem die Austria Innsbruck eine große Rolle. Eines ihrer prominentesten Mitglieder ist der frühere Bundeskanzler Dr. Kurt Schuschnigg. Mit dem  ehemaligen Tiroler Landeshauptmannstellvertreter Anton Mayr gehört der einzige  Vizepräsident der Industriellenvereinigung, der CVer ist, dieser Verbindung an. Weitere Verbindungen von Bedeutung sind dann noch die Carolina in Graz und die Leopoldina in Innsbruck.

Während die Mitgliederzahlen des CV in den ersten Nachkriegsjahren nur einen langsamen Zuwachs zeigten, hat sich die Stärke seiner Machtpositionen vor allem seit 1950 auch auf den Zustrom der jüngeren Generation der Aktiven ausgewirkt. Im Jahre 1949 gab es in ganz Österreich 5603 Alte Herrenund Aktive. 1954 war diese Zahl auf 6649 gestiegen und erreichte im Jahre 1959 8074. Die Mitgliederzahlen des CV sind damit um etwa 3000 hinter denen des BSA zurückgeblieben, der allerdings bedeutend weniger starke Bindungen auferlegt.

Viele Mitglieder des BSA, so wird vermutet, kommen aus nationalen Burschenschaften. Sie sind durch formal ähnliche Sozialisationsmuster, wie die  Mitglieder des Cartellverbandes geprägt.




1. ÖCV auch CV: übliche Abkürzung für Cartellverband der katholisch österreichischen Studentenverbindungen.

2. Alter Herr ist Mitglied der Verbindung und/oder des Verbandes, das bereits im Berufsleben steht.

3. Anmerkung: Die Begriffe Studentenverbindung, Verbindung und Korporation werden in der Praxis und in der vorliegenden Untersuchung synonym verwandt.

4. vgl. G.Schiwy, Der französische Strukturalismus, Reinbeck bei Hamburg 1969, S. 14

5. A. Vodopivec, Wer regiert in Österreich?, 1962 Wien, S. 91 ff

Der Männerbund ÖCV

Gestaltung und Bearbeitung by Petra Hafner &
Daniela Czell

Video im real player format auf http://kanalb.de/index.php
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siehe auch:
deportation-class.com

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