8,12) Interpretation der Ergebnisse, die die Innenstruktur betreffen


Die folgende Interpretation soll nach dem Kriterium "Alter" und der nach diesem Kriterium erfolgten Auszählung der Antworten durchgeführt werden. Die Unterschiede, die sich nach diesem Kriterium ergeben können, weisen auf folgende Faktoren hin:

- Wie denken die einzelnen Jahrgänge?

- Welche Unterschiede ergeben sich in Meinungen und Einstellungen zu politischen, religiösen und verbandsinternen Problemen zwischen Altherrenschaft  (ca. über 30) und Aktivitas?

- Weiters ist es sinnvoll, über die verschiedenen Alterskategorien hinweg Aussagen über die " "frühere" und "heutige" Erziehung im CV zu machen. Somit sagt das Alter als Unterscheidungskriterium auch etwas über den sozialen Wandel  im CV aus. Abgeschwächt wird die Aussagekraft der Daten über den sozialen Wandel dadurch, dass man ja zu recht sagen kann, "die Jungen werden schon noch so wie  die Alten". Höchstwahrscheinlich werden sich jedoch nicht nur die Meinungen der jetzigen Aktiven im Laufe der CV-Karriere ändern und von den Alten Herren in den Zirkeln beeinflusst werden, sondern auch die Meinung der Jungen wird eine Wirkung  auf die der Alten Herren haben.

 

Weitere Befragungen könnten Einblick in diese verbandsgeschichtlich  bedeutsamen "Meinungsströme" geben.


Ein Teil der Ergebnisse ist aus den nebenstehenden Tabellen ersichtlich. Für die vorliegende erste Interpretation wurden, wie bereits erwähnt, die weiteren Auszählungsergebnisse herangezogen. Die einzelnen Antworten wurden ja noch nach  folgenden Kriterien ausgezählt: Bundesländer-Gruppen, Ortsgrößen, Familienstand, Nettoeinkommen, Berufsmilieu, Alter, Stand in der Verbindung, Studium.


Bei den Älteren spielt, wenn wir die Repräsentativität der Untersuchung und die Gültigkeit der Fragen voraussetzen, als subjektiv erinnerter Eintrittsgrund  der Wunsch einer katholischen und farbentragenden Verbindung anzugehören eine größere Rolle als bei den jüngeren Mitgliedern. Als "Eintrittsgründe" werden von den jüngeren CVern besonders häufig angegeben: persönliche Werbung, Wunsch nach Anschluss in einer fremden Stadt, gesellschaftlicher Kontakt und Mitarbeit im Verband. Dominanter "Eintrittgsgrund" ist in allen Altersgruppen nach wie vor die intensive persönliche Werbung (Keilung).

 

Auf Grund der Auswertung der zweiten Frage kann festgestellt werden, dass die einzelnen Mitglieder mit steigendem Alter weniger mit ihrer Korporation in Kontakt kommen. Inwieweit diese Tendenz durch Kontakte mit regional gegliederten Zirkeln ausgeglichen wird, kann auf Grund der vorhandenen Ergebnisse ebenfalls angedeutet werden. Die Antwortverteilung der dritten Frage (Besuch der regionalen Altherrenveranstaltungen) zeigt ein ähnliches "Altersgefälle" wie die  zweite Frage.

 

Nur 14% der Alten Herren kommen mit ihrer Korporation nie in Kontakt. Für  mehr als die Hälfte der Aktiven kann gesagt werden, dass sie mehr als zehnmal im  Monat mit ihr in Kontakt kommt. Am stärksten ist der Kontakt mit der Korporation und somit wahrscheinlich auch die Integration in die aktive Verbindung bei den  nicht in der Studienstadt Wohnenden.

Die dritte Frage wurde leider schlecht ausgewertet. Es kann nur angesagt werden, dass 50% der Alten Herren regelmäßig (d.h. 1-12mal im Jahr) direkten  Kontakt mit den regionalen Gliederungen des Verbandes haben, Jene Alte Herren, die in Groß- und Mittelstädten wohnen, haben dazu die besseren Möglichkeiten, 15% der Aktiven besuchen "regelmäßig" Veranstaltungen des Ortsverbandes oder anderer Verbindungen.

 

Mit der Anzahl der Veranstaltungen in den jeweiligen Verbindungen sind die meisten Cartellbrüder zufrieden. Die Zufriedenheit mit der Anzahl der Verbandsveranstaltungen ist geringer. Ein Teil (32%) der jungen CV-Generation  ist der Meinung, dass der Verband zu wenig Veranstaltungen hat. Da die Mitglieder wahrscheinlich in den Verband geringer integriert sind als in die Verbindungen,  ist die größere Streuung der Meinungen verständlich.

 

Über die Art der gewünschten Veranstaltungen sagt die lineare Auszählung auch bereits einiges aus. Sie weist meines Erachtens auf einige Wege zur Behebung der Unzufriedenheit mit den Semesterprogrammen. Relativ starke Unzufriedenheit besteht mit der zur geringen Anzahl der Bildungsveranstaltungen und der zu geringen Anzahl der politischen Aktionen in den Verbindungen und im  Verband.

 

Die Antworten zur sechsten Frage können teilweise als Index für die Divergenz zwischen Bewusstsein (und Wertsystem) der Cartellbrüder und der Programmrealität gedeutet werden. Mit zunehmenden Alter nimmt außerdem die Zufriedenheit mit den Programmen zu, der Abstand zwischen "Seiendem und Gewollten" ist geringer geworden. In der jüngeren Generation steht die Forderung nach mehr Bildungsveranstaltungen, gefolgt von dem Wunsch nach mehr politischen Aktionen und mehr gesellschaftlichen Veranstaltungen im Vordergrund. Gleichzeitig muss ich aber darauf hinweisen, dass immerhin 23% der jüngeren Cartellbrüder für eine ihrer möglichen Nennungen "mehr coleurstudentische Veranstaltungen" einsetzten.

 

Ob für die Divergenz von Bewusstsein und erlebter Programmrealität die "Programmuster", die vom jeweiligvorhergehenden Chargenkabinett  übernommen werden, verantwortlich sind, kann auf Grund des vorhandenen empirischen Materials nicht gesagt werden. Die Meinungsbefragung gibt zur Beseitigung der Unzufriedenheit einen klaren Hinweis.

 

Die Benotung der Verbandsveranstaltungen ist etwas schlechter als die der  Verbindungsveranstaltungen. Für zukünftige Fragebögen ist von "Benotungsfragen"  abzuraten, da sie nicht allzuviel zeigen. Je älter man wird, desto besser beurteilt man die Verbandsveranstaltungen. Vermutlich hat man mehr Verständnis für die Schwierigkeiten einer so großen Organisation.

 

Die Auswertungen der Fragen 9-12 zeigt, dass die Meinungen in der Aktivitas am unterschiedlichsten sind. Die kritische Einstellung zur Farbentragen ist bei den "Jungen" wesentlich größer als bei den "Alten", 21% der jungen Verbandsmitglieder wollen das Farbentragen ganz anders haben (statt Band und Mütze, Krawatte oder Nadel) oder überhaupt abschaffen (12%). Die Polarisierung in der Meinungsverteilung der Aktivitas, bzw. die größere Spannweite zeigt sich auch schon bei dieser ersten linearen Auswertung der Fragen.

 

Zu einer weiteren Frage der Verbindungsreformen kann auf Grund der Befragung ebenfalls einiges ausgesagt werden. Mehr als die Hälfte sind der Meinung, der  Kneipkomment müsste "entrümpelt und reduziert" werden. Ähnliche Beantwortungstendenzen zeigen sich bei der Frage nach der Bewertung eines anderen Aspektes der studentischen Kultur und "Gemeinschaftskunst", bei der Frage nach dem Kommers. Ein erhebliches Unbehagen an vielen erstarrten und  sinnentleerten Ritualen verbindet sich doch bei einer großen Anzahl der Befragten mit dem Wunsch nach einer (erst in Ansätzen gefundenen) neuen Gemeinschaftskunst. Durch genauere wissenschaftliche Untersuchungen (Beobachtungen, Tiefeninterviews usw.) könnten einige wesentliche Gründe für die Unzufriedenheit ermittelt werden. Sicher ist jedoch, dass "die Krise der von Orden und Burschenschaften übernommenen alten Formen" nicht nur ein Problem des CV's ist. Besonders die jüngeren Mitglieder verlangen eine Schwerpunktverlagerung von ritualistischer zu eher argumentatorischer Verbindungspraxis und Erziehung, wohl wissend, das Diskussion und Arbeitskreise  durch eine neue "Gemeinschaftskunst" ergänzt werden müssen (neue Gottesdienste, Erziehung zur Spontaneität, neues Liedgutund neue Tänze usw.)  Auch die Einstellung zum Studentenlied scheint mir in diese Richtung zu weisen. Mehr als die Hälfte ist mit dem derzeitigen Liederrepotoir unzufrieden. 15% sind überhaupt der Meinung, dass wir nicht mehr singen sollten. Wie hoch der tatsächliche Prozentsatz jener ist, für die die Verbindung hauptsächlich der Ort gemeinsamer passiver Rezeption des Fernsehprogramms ist, kann auf Grund der  vorliegenden Befragungsergebnisse nicht gesagt werden.

 

Sogar bei der Frage nach Vorschlägen für die Beseitigung der "Interessenlosigkeit bei manchen Alten Herren", wird als eines der Heilmittel "neue Veranstaltungsformen" sehr häufig genannt. Ob die gewünschte Mobilisierung tatsächlich durch "Neues" erfolgen wird, scheint mir zumindest fragwürdig. Kreativität und positive Aufnahme des Schöpferischen ist anstrengender als die Einhaltung alter wohlgeübter, gewissermaßen zur Selbstverständlichkeit und zweiter Natur gewordener Konventionen. Der "Selbsthilfefragebogen" hat zwar auch auf dem Gebiet der Brauchtümer einiges aufgezeigt, doch sollen auch hier die Ergebnisse nicht überbewertet werden.

 

Zur Aufnahme nichtkatholischer Christen, sowie zur Aufnahme ausländischer Studenten nichtdeutscher Muttersprache wurden ebenfalls die Meinungen erhoben. Die Mehrheit für eine Beibehaltung des status quo konnte bei allen "Aufnahmefragen" (auch bei der Studentinnenfrage) nur in der Alterskategorie  "über 60" erreicht werden. In allen anderen Kategorien konnte der Wunsch nach einer Veränderung der derzeitigen Aufnahmepraxis festgestellt werden. 43% der  jüngeren Mitglieder sind der Meinung, dass Nichtkatholiken ganz aufgenommen werden sollten, 64% sind für die Aufnahme von Studenten nichtdeutscher Muttersprache und 24% für die Vollaufnahme von Studentinnen. Bei allen drei  Fragen zeigt sich wieder ein wesentlicher Unterschied in den Altergruppen.

 

Ein Drittel der Befragten ist der Meinung, dass die Fuchsenerziehung in der  jetzigen Form beibehalten werden könnte. 44% konnten sich mit der sicher etwas provokanten und mehrdimensionalen Antwortmöglichkeit identifizieren: "In Zukunft  soll der Fuchs nicht mehr wie ein Untergebener behandelt werden. Während einer kurzen Probezeit solle er auch am BC teilnehmen können, allerdings ohne Stimmrecht. Bei der Ausbildung der Füchse ist mehr Gewicht auf aktuelles weltanschaulich-politisches Wissen zu legen, als auf traditionelle Belange." Die Polemität und Komplexität hinderte die Befragten, nicht diese Antwortmöglichkeit identifizieren: "In Zukunft soll der Fuchs nicht mehr wie ein Untergebener behandelt werden. Während einer kurzen Probezeit soll er auch am BC teilnehmen können, allerdings ohne Stimmrecht. Bei der Ausbildung der Füchse ist mehr Gewicht auf aktuelles weltanschaulich-politisches Wissen zu legen, als auf  traditionelle Belange." Die Polemität und Komplexität hinderte die Befragten nicht, diese Antwortmöglichkeiten (es sind je mehrere Sätze) anzukreuzen.

 

Auch die Zufriedenheit mit dem Verbandsorgan ist altersabhängig. Mit steigendem Alter nimmt sie etwas ab. Außerdem sind die Alten Herren Wiens unzufriedener mit der Academia als die Alten Herren in den Bundesländern.

 

Auch die Auszählung der neunzehten Frage zeigt wieder einen relevanten Bereich des CV-Bewusstseins. Die Vorstellung über die, im Verbandsorgan zu behandelnden Themen sieht dem Rang nach geordnet folgendermaßen aus: Gesellschaftspolitisches und hochschulpolitische Themen werden am meisten gewünscht. Es folgen auf den weiteren Plätzen: "Berichterstattung aus den Verbindungen" (besonders von den Alten Herren) und "Diskussion heißer Eisen" (insbesonders von den Mitgliedern, die noch nicht das dreißigste Jahr  überschritten haben, gewünscht).

Da stärkste Altersgefühle überhaupt ist aus der Tabelle mit den Ergebnissen zur zwanzigsten Frage feststellbar. Die Tendenz zur Geschlossenheit  (Außenstehende sollen nicht in der Academia schreiben) nimmt stark mit dem Alter  (und besonders in Wien) zu.

 

Die graphische Aufmachung wird im Durchschnitt etwas besser benotet als der  Inhalt. Drei Viertel der Mitglieder sind mit der Academia im großen und ganzen zufrieden (+3 und besser). Die genauen Tendenzen können aus der Tabelle  abgelesen werden.
 

Der Männerbund ÖCV

Gestaltung und Bearbeitung by Petra Hafner &
Daniela Czell

Video im real player format auf http://kanalb.de/index.php
.
siehe auch:
deportation-class.com

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