4) ZIELE UND WERTORIENTIERUNGEN DER  ORGANISATION



Die ideologischen Grundlagen für weitere Normierungsvorgänge in den Verbindungen und im Verband bildet die Satzung des ÖCV. In diesem Kapitel sind nun die Ziele und Normen des Verbandes zu behandeln, wie die sich durch  Satzungen und einige Beschlüsse der Cartellversammlung und durch Interpretationen in verbandsoffiziellen Publikationen offenbaren.

Der Soll-Zustand, nicht die tatsächliche Orientierung soll kurz dargestellt werden.

Die konkreten Normierungen von Verhaltensweisen, wie sie sich aus dem  Comment(1) ergeben, werde ich im Kapitel Innenstruktur versuchen.

Weiters wird in diesem Kapitel festzustellen sein, welchem Organisationstyp  der CV entspricht.

Die Ziele verknüpfen auch wesentlich die Innenstruktur und Außenstruktur, denn sie geben an, welchem Organisationszweck die Verbindungen und der Verband folgen sollen.

Da die ÖCV-Satzungen auch dem allgemeinen Rahmen für die Zielparagraphen in den Rechtsbüchern der einzelnen Verbindungen abgeben, sind sie die generellste  Angabe des Soll-Wertes, den die Wertorientierungen der Verbindungen und der Einzelmitglieder durch Erziehung erlangen sollen. Weiter in unserem kybernetischen Ordnungssystem verbleibend, können wir sagen, dass diese  Soll-Werte,(2) die sehr allgemein sind, durch Sozialisationsmodelle erreicht werden sollen, die sich wiederum von der Fuchsenerziehung bis zu den Zirkeln (Zusammenkünfte Alter  Herren) erstrecken.

Diese obersten Werte lauten: Religion, Vaterland, Wissenschaft  undLebensfreundschaft. Als weiteren Wert im ÖCV möchte ich die Stärkung der Macht des Verbandes (nach außen und nach innen) bezeichnen. Diese Prinzipien des CV (das fünfte ergibt sich aus den vier anderen) werden nun wegen ihrer Wichtigkeit einzeln zu behandeln sein. Etwas näher werde ich in diesem Kapitel  versuchen auf das PrinzipLebensfreundschaft, das ja mit dem Phänomen studentischer Geselligkeit, Bundesbrüderlichkeit und dem Prinzip Stärkung der Organisationeng verbunden ist eingehen.



4.1) Religiöse Wertorientierungen

In den Satzungen heißt es im 3. Artikel: "Der ÖCV bekennt sich zum katholischen Glauben. Als Gemeinschaft von Katholiken ist der ÖCV verpflichtet, den Sendungsauftrag der Kirche mitzuerfüllen. Die Verbindungen des ÖCV verlangen von ihren Mitgliedern eine gewissenhafte religiöse Bildung, eine ökumenische  Geisteshaltung und ein Leben nach christlichen Grundsätzen im privaten und öffentlichen Bereich."

Konkret heißt das, dass das Semesterprogramm etliche religiöse Veranstaltungen enthält (Vorträge, Messen. Teilnahme am kirchlichen  Brauchtum usw.).

Auf dieses Prinzip und eine etwas andere Interpretation berufen sich auch  Randgruppen in den Verbindungen, die sich mit dem kritischen Katholizismus identifizieren.

Eine der sanktionierten Normen ist, dass CVer die geschieden sind und noch einmal heiraten aus dem CV ausgeschlossen werden.

Dieses Prinzip ist auch die Grundlage der Beziehung zu anderen katholischen Verbänden und für eine von CVern dann betriebene christliche Politik.(3)

Bis vor wenigen Jahren wurde das ritualistische Sozialisationsmodell des CV, das aus den liberalen Verbindungen stammt, durch Übernahme der kirchlichen  Rituale und Ritualien(4) noch verstärkt.

Die erst seit einigen Jahren formulierte Satzung fordert auch eine ökumenische Geisteshaltung. Zwei Verbindungen folgerten daraus, dass sie auch  Protestanten aufnehmen dürfen.

Auch die Verbands- und Verbindungsseelsorge ist eine Folge der Konkretisierung des, in den Satzungen definierten, katholischen Wertsystems.

Diese enge Orientierung an der "normvermittelnden bzw. normativen  Organisation der Kirche" (5) zeigt sich auch im  relativ hohen Anteil von Priestern im CV (1967 waren von 7308 Alten Herren 355 Priester). Der CV als Verband ist jedoch nicht ein Teil der katholischen Aktion und somit auch "nicht unmittelbar der kirchlichen Jurisdiktion  unterstellt".(6)

Die katholische Korporation ist also eine Erziehungs- und  Bildungsgemeinschaft von katholischen Jung- und Altakademikern, von Laien aber auch von Priestern. "Diese Gemeinschaft soll und vermag sich zu entfalten zu Altar- und Tischgemeinschaft, zu einer Lebens- und Kampfgemeinschaft- Aussagen, die geistig durchdacht, verstanden, besprochen und schließlich bejaht werden müssen."(7)

Teilnahme am Semesterantritt- und Schlussgottesdienst, sowie eine  Stiftungsmesse sind das absolute Minimum an religiösen Veranstaltungen, das meist jedoch weit überschritten wird.

Das katholische Wertsystem und seine politischen Ausformungen müssten auch bei einer großen Umfrage ermittelt werden. Es erhebt sich nämlich die Frage, inwieweit die, in den Satzungen fixierten Werte - die gleichzeitig auch Werte  der Gesellschaft darstellen - für die Mitglieder relevant sind, bzw. von diesen  interpretiert werden.

König meint: "Unter Werten werden bestimmte Vorstellungen verstanden, die einer Gesellschaft im ganzen mehr oder weniger bewusst zu eigen sind und die das  Verhalten in gewissem Ausmaß bestimmen; man beteuert ihre Wahrheit, selbst wenn man sie nicht befolgt." (8)

Einen ersten Versuch der Ermittlung solcher Einstellungsverteilungen stellt  die Linkskatholizismusskala dar, die in der Befragung vom Jänner 1970 verwendet wurde. Die Ergebnisse sind bis März zu erwarten und  sind als Anhang der Diplomarbeit noch hinzugefügt.

Wie aus den Selbsthilfefragebögen hervorgeht, wird von den Alten Herren dem  Prinzip religio eine größere Bedeutung im Verbindungsleben zugewiesen, als von den meisten Aktiven. Allerdings ist es auch möglich, dass sich die Ansichten der Alten Herrn mit zunehmender Entfremdung vom aktiven Verbindungsleben im Laufe der Zeit im Sinn der Prinzipien idealisieren.

Auch besteht die Möglichkeit einer mehr oder weniger starken Verschmelzung von effektiver Wahrnehmung des Ist-Zustandes in der Korporation mit den  Forderungen, die in den Satzungen aufgestellt sind (Soll-Zustand). Außerdem scheint es mir notwendig, einen Faktor, der den tatsächlichen Wandel in den Erziehungszielen beinhaltet, zu berücksichtigen. Die Bindung an die Kirche war früher wahrscheinlich enger.

Religionssoziologische Untersuchungen könnten in diesem Punkte Klarheit schaffen.



4,2) Staatsbejahende Wertorientierung

Im Artikel 4 der ÖCV Satzungen heißt es. "Der ÖCV bekennt sich zum souveränen  Staat Österreich und seinen aus der Geschichte und Lage gewachsenen Aufgaben. Die Verbindungen des ÖCV wollen ihre Mitglieder zu verantwortungsbewussten und weltoffenen Staatsbürgern erziehen und verlangen von ihnen eine auf soziale Verantwortung gegründete Liebe zu ihrem Vaterland in völkerverbindender Gesinnung."

Diesem Prinzip versuchen der Verband und die Verbindungen durch die  verschiedensten Veranstaltungen (Vorträge, Arbeitskreise, Festreden, politische  Tätigkeit) gerecht zu werden. Über die Ausfaltung dieses Prinzips werde ich im  8. Kapitel noch berichten müssen, wenn ich über Außenfunktionen spreche.

Wenn auch nicht ausdrücklich, so beinhaltet die Praktizierung des Prinzips eine, an den Spitzen des Staates orientierte und sie grundsätzlich, affimierende Einstellung. Dies ist durchaus verständlich, da ja fast alle Kanzler der Ersten- und Zweiten Republik Mitglieder des Verbandes waren.

Es wäre wichtig, die Reaktion auf Fragen der Dogmatismusskala z.B. "Das  schlimmste Vergehen eines Mannes ist, öffentlich jene Leute anzugreifen, die an  die selben Dinge glauben, an die er glaubt. usw." (9) zu quantifizieren, da nur so das Bild von den sehr demokratischen, ja teilweise rätedemokratischen Organisation der CV-Verbindungen ergänzt werden kann.

Erwähnenswert ist außerdem noch in diesem Zusammenhang ein Satz aus dem  achten Artikel der Satzungen: "Parteipolitisch ist der ÖCV nicht gebunden." Diese Norm bezieht sich selbstverständlich auf den Verband. Über die tatsächliche Einstellung zu den Parteien wird einiges anhand der schriftlichen  Meinungsbefragung zu berichten sein.



4,3) Scientifische Wertorientierung

"Der ÖCV bekennt sich zum Wert unvoreingenommenen Strebens nach Wahrheit.  Nach Überzeugung des ÖCV verpflichtet die akademische Ausbildung nicht nur zu Leistungen im Studium und Beruf, sondern auch zu erhöhter Verantwortung in der Gesellschaft. Die Verbindungen des ÖCV sehen in ihrer Bildungsarbeit eine  Ergänzung des Hochschusstudiums."

Bei den meisten Verbindungen sind Studienkommisäre damit beauftragt, die Studienleistungen zu überprüfen. Die Ausformung dieses Prinzips ist je nach Verbindung verschieden. Verbindungsbibliotheken, Zeitungen und Zeitschriften auf der Bude sowie wissenschaftliche Veranstaltungen und Lerngruppen helfen dieses Prinzip verwirklichen. Die wissenschaftliche Orientierung im CV kann früher möglicherweise größer gewesen sein. Cardauns weist z.B. darauf hin, dass "die Pflege der Wissenschaft" in unserem Verband (deutscher KV) stark betont und auch praktisch eifrig durchgeführt wurde. Andererseits glaubt Cardauns auch zu erkennen, dass bereits um die Jahrhundertwende das Prinzip Wissenschaft nicht  mehr die Rolle spielte wie in seinen Anfängen.

Auch der Leibbursch (eine Art Tutor) hätte die Aufgabe, dem Neuling (Fuchs) in seinem Studium zu helfen. Das Prinzip Wissenschaftwird oft als erfüllt betrachtet, wenn das Studium abgeschlossen ist.

Ein Sozialisationsmodell, das sich nun im CV entwickelt und mehr auf argumentatorische Sozialisation wert legt, stützt sich besonders auf die zeitgemäße Interpretation der scientifischen Wertorientierung.

Die Logik einer so verstandenen Wissenschaft hätte sich u.a. durch ein emanzipatorisches Erkenntnisinteresse, durch eine vermehrte Reflexion der  Verwertungszusammenhänge von Wissenschaft auszuzueichnen, sowie den Traditionszusammenhang alltagssprachlicher Kommunikation vermehrt zu  reflektieren und die verhaltenssteuernde Funktion der, in den Wissenschaften  verwendeten Begriffe zu analysieren.(10)

Die Verbindungen hätten demnach Informations- und Kommunikationszentren zu sein, in denen diese akademische meint philosophisch kritische Haltung geübt  werden sollte.(11)



4,4) Amicale Wertorientierung

Zum vierten Prinzip (Lebensfreundschaft) wurde in den  Satzungen folgendes formuliert. "Der ÖCV bekennt sich zur Idee der Brüderlichkeit, die er in Verbindung und Verband in besonderer Weise zu  verwirklichen sucht. Die Verbindungen des ÖCV verlangen von ihren Mitgliedern  jenes Maß gemeinsamen Lebens nach den Prinzipien Religion, Vaterland und  Wissenschaft, aus dem die Lebensfreundschaft entsteht. Aus dieser Gemeinschaft haben alle Mitglieder der Verbindungen des ÖCV den Anspruch auf redliche Hilfsbereitschaft und bewussten Vertrauensvorschuss. Äußeres Zeichen der Freundschaft zwischen allen Mitgliedern der im ÖCV zusammengeschlossenen  Verbindungen ist das brüderliche Du.

Dieses Prinzip der Lebensfreundschaft, in den Satzungen aus einer Theologie der Brüderlichkeit formuliert, beinhaltet meines Erachtens folgende Elemente:

- Freundschaft im engeren Sinn des Wortes(12)

- "Freundschaft zwischen allen Mitgliedern" (1967 waren es 9666) Diese Art von Freundschaft wird besser mit Bundes- und Cartellbrüderlichkeit (siehe auch Genosse) übersetzt.

- studentische Geselligkeit(13)

Durch dieses Prinzip wird eine funktionale Voraussetzung eines sozialen  Systems, die Integration zu einem Prinzip erhoben und durch eine Theologie überhöht.

Die Stärke des Verbandes liegt nicht zuletzt in diesem Prinzip. Die amicale  Wertorientierung findet einen Ausdruck in der Organisationsstruktur der Leibverhältnisse.(14)

Die ideologischen Grundlagen des Verbandes sind nicht ausreichend  dargestellt, wenn nicht auf die "Orientierung an tradierten  Symbolen" wie Bartscher es etwas unglücklich nennt zumindest hingewiesen wird.(15) Die eigentümliche Verbindungssprache, der Comment u.a. sowie ihre Übernahme im Sozialisationsprozess ist ein wesentlicher Bestandteil des CV-Wertsystems.

 



1. Comment: die Summe der überlieferten studentischen Normen und Verhaltensweisen (Regeln, Sitten, Bräuche)

2. "Unter Werten werden bestimmte Vorstellungen verstanden,  die in einer Gesellschaft im ganzen mehr oder weniger bewusst zu eigen sind und die das Verhalten in gewissem Ausmaß bestimmen; man beteuert ihre Wahrheit,  selbst wenn man sie nicht befolgt." R. König, Soziologie, Fischer Lexikon, Frankfurt 1958, S. 42

Zur Unterscheidung Prinzipien (Ideale), Norm und Rolle siehe auch: G.C.  Homans, Theorie der sozialen Gruppe, Köln und Opladen 1960, S. 136

3. siehe Kapitel 6,2

4. Unterschied Ritual, Ritualien siehe 6,1

5. vgl. Etzioni, Soziologie der Organisationen, München  1967, S. 103 ff

6. Fuchsmajorenbuch des ÖCV, a.a.O., S. 53

7. Fuchsmajorenbuch des ÖCV, a.a.O., S. 53

8. König, Soziologie, Fischer Lexikon 1958, Stichwort: "Beziehungen", Frankfurt, S. 42

9. K. Roghmann, Dogmatismus und Autoritarismus, Meisenheim 1968, S. 332

10. H. Stockhammer, Theoretische Hintergründe mod. Revolutionsstrategien, Referat, Linz 1969, S. 5

11. J. Pieper, Was heißt akademisch?, München 1964, 2. Aufl. S. 11 ff

12. näheres siehe F.H. Tenbruck, Freundschaft. Ein Beitrag zu einer Soziologie der persönlichen Beziehungen, in: Kölner Zeitschrift für  Soziologie und Sozialpsychologie 16 (1964), S. 421 ff

13. Die Wendung studentische Geselligkeit wurde 1880 durch das heute noch gültige Wort Freundschaft ersetzt: vgl. H. Cardauns, Fünfzig Jahre Kartellverband, Kempten und München 1913, S. 183

14. siehe Kapitel 6,41

15. vgl. U. Bartscher, Soziologische Analyse einer Studentenkorporation, unveröffentlichte soziologische Diplomarbeit, Köln 1965, S. 57

Der Männerbund ÖCV

Gestaltung und Bearbeitung by Petra Hafner &
Daniela Czell

Video im real player format auf http://kanalb.de/index.php
.
siehe auch:
deportation-class.com

Neu in der philosophischen Audiothek
Z
um Download und Streaming zugänglich:

http://audiothek.philo.at