2) DISKUSSION DER  FORSCHUNGSTECHNIKEN



2.1) Probleme einer Einzelfallstudie

Immer weniger bezieht man sich in der soziologischen Literatur auf die Methode einerEinzelfallstudie. Dies erscheint teilweise eine Folge der irrtümlichen Unterscheidung zwischen einem statistischen und einem nichtstatistischen Verfahren zu sein, weshalb die Einzelfallstudie manchmal mit dem Gebrauch von weniger zuverlässigen Forschungsmethoden identifiziert wird. "Man hält sie oft für eine Art intuitives Vorgehen, bei dem viel teilnehmende Beobachtung gemacht und alle möglichen persönlichen Dokumente, wie Tagebücher, Briefe, Autobiographien (in unserem  Einzelfall Verbindungs- und Verbandsgeschichten) und so weiter benützt werden, ohne dass ein richtiges Sample aufgestellt wird und ohne dass die vorgefassten Meinungen und Verzerrungen, die sich aus persönlichen Ansichten über die soziale  Wirklichkeit ergeben, überprüft würden." (1)

Die drei durchgeführten Befragungen, die sicher vom methodischen Standpunkt einiges zu wünschen übrig lassen, und die Interpretation der Verbandsstatistik zeigt die Richtung, in der exakte Einzelfallstudien zu wünschen wären. Union Democracy von Lipset, Trow und Coleman geht konsequent diesen Weg. Dieses Buch zeigt, dass eine Einzelfallstudie keine besondere Technik ist, sondern eine bestimmte Art das Forschungsmaterial so zu ordnen, dass der einheitliche Charakter des sozialen Gegenstandes erhalten bleibt. In unserem Fall heißt das: Soweit als möglich die Innen- und Außenstrukturen des Verbandes, sowie ihre Wechselwirkungen darstellen!

Auf die Frage, wie die Ganzheit des Einzelfalles auch nur annähernd erhalten werden kann, geben Goode und Hatt folgende Antwort: "Die Ganzheit eines Gegenstandes ist immer eine gedankliche Konstruktion, genau genommen gibt es keine Grenzen, die irgendeinen Prozess oder ein Objekt definieren. Definition geschieht immer im Hinblick auf ihre Brauchbarkeit für das in Frage stehende Forschungsproblem".(2) In unserem Fall sind das  gewisse Aspekte der Sozialstruktur, die für den Bereich der Hochschule, der  Kirche und des Berufslebens relevant sind. "Wenn wir jedoch über den sozialen Gegenstand als Ganzes sprechen, meinen wir nicht den Gegenstand in seiner Einmaligkeit." Die Einzelfallstudie versucht, die, für das zu untersuchende wissenschaftliche Problem bedeutsamen Kennzeichen als Einheit aufzufassen und zusammenzuhalten. So kann die Einzelfallstudie von großer Bedeutung sowohl für eine Voruntersuchung wie für die Auswertung anderen Materials werden. Ansatzhaft wurde vom Verfasser versucht, einen Mittelweg zwischen beiden Möglichkeiten zu gehen.(3)


- Das Sammeln einer großen Anzahl von Angaben zu dem Untersuchungsgegenstand stellt offensichtlich einen Weg dar, den Gegenstand in seiner Ganzheit zu untersuchen. "Wenn auch eine gewisse Menge von Angaben allein nicht ausreicht,so wird die Lebensweise einer Gruppe doch eher erfasst, wenn reichhaltiges Material  vorhanden ist."(4)

- Die Methode der Einzelfallstudie zeichnet sich nach Goode und Hatt ferner  durch die Verwendung von Angaben aus, die zu anderen Abstraktionsebenen als den rein soziologischen gehören.

- Die wichtigste Methode um die Ganzheit einer sozialen Einheit oder ihrer Subsysteme zu erhalten, besteht in der Entwicklung von Typen und Indizes (siehe CV-Sozialisation), wodurch erreicht wird, dass die verschiedenen Merkmale auch tatsächlich zur Kennzeichnung der Einheit benutzt werden.

- Zu dem besonderen Umfang und zu den tatsächlichen Dimensionen des  Materials, das in der Einzelfallstudie gesammelt wird, muss noch die Betonung hinzugefügt werden, dass Prozess und Zeit besonders wichtige Dimensionen in ihr  sind.

Die größte Gefahr bei der Anwendung der Einzelfallstudie liegt in der Reaktionsweise des Forschers. Diese Gefahr war im vorliegenden Fall besonders gegeben, da ja der Verfasser Mitglied der von ihm untersuchten Organisation war. "Der Einzelfall, den man als Einheit entwickelt, nimmt im Geist des Forschers vollständige Dimensionen an. Der Forscher gewinnt allmählich die Überzeugung, dass er eigentlich viel mehr Fragen über seinen Fall beantworten könnte, als dies auf Grund seiner Aufzeichnungen wirklich möglich ist. Es besteht also, kurz  gesagt, ein Gefühl der Gewissheit, das viel stärker ist als bei anderen Forschungsarten."(5) Um ein "ganzheitliches" Material zu bekommen, könnte man selbstverständlich alle Verfahren benutzen die bei einer anderen Organisation des Materials zur Anwendung gelangen.



2.2) Teilnehmende Beobachtung. Position des Verfassers. Schriftliche Befragung.

Einen wesentlichen Teil bei der Informationsbeschaffung für weite Teile  meiner Einzelfallstudie stellte die teilnehmende Beobachtung dar. Sie bereitete den vor zwei Jahren durchgeführten soziometrischen Test vor. Dieser Test konnte aus verschiedenen Gründen leider nicht in diese Arbeit aufgenommen werden.

Die teilnehmende Beobachtung bereitete schließlich nicht nur die Interaktionsanalyse der CV-Erziehung vor, sondern auch die Darstellung der  Rahmenordnung des ÖCV. Auch die Beratung bei der Erstellung des schriftlichen Fragebogens bei der Befragung aller Mitglieder wurde durch meine teilnehmende  Beobachtung und einen Vortest ergänzt. Für eine größere soziologische Untersuchung konnte sich die Kommission für Meinungsforschung  aus finanziellen Gründen leider nicht entscheiden.

Die teilnehmende Beobachtung schließlich ermöglichte mir, die  Institutionsanalysen noch mit einem Beispiel (Kommersbeobachtung) zu ergänzen, welches wahrscheinlich auch volkskundlich interessant ist.

"Teilnehmende Beobachtung bedeutet bewusste und systematische Teilnahme - soweit dies die Umstände erlauben - an dem aktiven Leben, sowie gelegentlich an den Interessen und Empfindungen einer Gruppe von Personen. Diese Methode hat den Zweck, durch unmittelbaren Kontakt Angaben über das Verhalten von Menschen zu erlangen, und zwar über das Verhalten in spezifischen Situationen, in denen die  Verzerrung infolge der Fremdheit des Forschers auf ein Minimum beschränkt bleibt." (6)

Nach F. Kluckhohn hat der Beobachter in seinem Untersuchungsfeld nach Rollen Ausschau zu halten, "aufgrund derer er, wenn er sie ausübt als Teilnehmer  angesehen wird." (7)

Nun war es für den Verfasser als Beobachter nicht erst notwendig, seine  eigene Rolle als Beobachter in das bereits bestehende organisierte Netz von  Rollen innerhalb des Gruppengefüges einzuordnen, da er eine solche Rolle als Verbindungsmitglied bereits innehatte.

Im Wintersemester 1969 war er seit sechs Semestern Mitglied einer  CV-Verbindung und bekleidete dort die Charge des Schriftführers und des Seniors. Seit 1963 ist er Mitglied einer dem CV nahestehenden MKV-Korporation, in der er  ebenfalls verschiedene Chargen innehatte. Kontakte mit Mitgliedern anderer  Verbindungen, sowie mit der Verbandsführung und seine Mitgliedschaft in der Kommission für Meinungsforschung noch ehe an die Abfassung dieser  Arbeit gedacht wurde, erleichterten sie sehr.

Eine erste "Aufnahme und der Ausbau diplomatischer Beziehungen" (8) zu den Primär- und Sekundärgruppen des ÖCV war  daher nicht erforderlich. Eine unerwünschte Verzerrung aller spezifischen Rollen war aus diesem Grund nicht wahrscheinlich, da sich die Gruppe nicht auf einen fremden Außenseiter einzustellen brauchte, der eine ungewohnte Rolle spielt." (9)

Ein weiterer Gesichtspunkt darf nicht unerwähnt bleiben, "nämlich, dass der Beobachter durch seine bloße Anwesenheit, die andererseits die unerläßliche Voraussetzung für alle Beobachtung ist, das gegebene Feld verändert.(10) Die dadurch hervorgerufenen "Feldstörungen(11) dürften sich im vorliegenden Fall nicht allzu gravierend ausgewirkt haben, eben aufgrund der Tatsache, dass der Verfasser zu Beginn der Beobachtungsperiode eine Rolle in der Gruppenstruktur nicht erst zu übernehmen braucht, da er sie als integriertes Gruppenmitglied bereits innehatte. Er entwickelte sich vielmehr ohne Zäsur vom Teilnehmer zum  beobachtenden Teilnehmer und dann weiter zum teilnehmenden Beobachter. Im  konkreten Fall der Kommersbeobachtung von der ja die leitenden und  vorbereitenden Chargen wussten, kann gesagt werden, dass durch dieses Wissen der ohnehin vorhandene innovatorische Trend (siehe: neuer Rezeptionsritus) nicht beschleunigt wurde. Die lange Vertrautheit mit den Verbindungsmitgliedern und Verbandsteilen stellte eine wertvolle Hilfe bei der Beratung der  Fragebogenkommissionen und bei der Abfassung der Arbeit dar. Durch sie wurde  schon vor Beginn der systematischen Untersuchung, die aus finanziellen Gründen den Einsatz sozialempirischer Instrumente kaum möglich machte, eine Kenntnis des  Verbandes und der Verbindung ermöglicht. Dass diese Arbeit nur einen kleinen  Ausschnitt, und sicher nicht den "wahren Kern" des ÖCVbehandelt und  behandeln kann, ist deshalb offensichtlich.

Auf der anderen Seite kann jedoch, wie ich ja bereits im vorhergehenden Abschnitt erwähnte, ein ernstes Bedenken gegenüber der Tatsache erhoben werden, dass der Verfasser selbst Mitglied des von ihm untersuchten Verbandes ist. Dies kann sich gefährdend auf die Objektivität dadurch ausgewirkt haben, dass der Verfasser durch persönliche Erlebnisse und Erfahrungen, ja sogar auch der Ämter  (Senior, Schriftführer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft katholischer Verbände, Studienreferent usw.) emotional mit dem Untersuchungsobjekt verbunden  ist.

König meint zu diesem Phänomen: "Im übrigen muss auch die Gefahr hervorgehoben werden, die insbesonders bei länger währenden Untersuchungen der teilnehmenden Beobachtung droht, dass nämlich der Forscher plötzlich in einem solchen Ausmaß der zu untersuchenden Erscheinung integriert wird dass er gewissermaßen alles weiß und damit außerstande wird, den methodischen Zweifel zu üben, ohne den es nun einmal keine wissenschaftliche Erkenntnis gibt.(12) Zu dieser Gefahr des persönlich emotionalen Engagments mit dem untersuchten Objekt ist anzumerken, dass der Verfasser bestrebt war, sie für die Beobachtungsperiode auf ein Minimum zu reduzieren. Diese "Zurückziehung und kritische Distanz" wurde, und dafür bin ich vielen Bundes- und Cartellbrüdern zu Dank verpflichtet, durch ihre Hilfe und ihr Verständnis erst ermöglicht. Die Kenntnis dieser Gefahr, sowie die Situation in  der der Verfasser war, veranlasste ihn gerade das Untersuchungsobjekt möglichst  wertfrei zu betrachten. Alle nur irgendwie verfügbare Literatur über den Verband wurde herangezogen.

Eine weitere Hilfe für die wertfreie Betrachtung des Untersuchungsobjektes stellen die standardisierten schriftlichen Interviews dar, die von zwei Verbindungen durchgeführt wurden. Auch die große schriftliche Befragung ergibt einige "objektive" Ergebnisse über Verbandsstrukturen. Jene Ergebnisse, die für eine soziologische Strukturanalyse wichtig sind, die also den Zusammenhang von Strukturvariablen (z.B. Einstellungsverteilung und Zugehörigkeit zu den  Verbandsteilen) betreffen, werden im Anhang zu finden sein. Alleine schon die  Randauszählung wird, zumindest über das Aktivsegment wichtige Aufschlüsse geben.

 

 

1. W.Goode u. P.Hatt, Die Einzelfallstudie, in: R. König,  Beobachtung und Experiment, Köln und Opladen, 6. Auflage 1968, S. 299

2. vgl., ebda, S. 302

3. vgl., ebda, S. 303

4. ebda, S. 306

5. ebda, S. 306

6. F. Kluckhohn, Die Methode der teilnehmenden Beobachtung in kleinen Gemeinden, in: R. König, Beobachtung und Experiment in der  Sozialforschung, Praktische Sozialforschung II, Köln 1956. S. 97

7. F. Kluckhohn, a.a.O., S.98

8. R. König, Beobachtung und Experiment in der Sozialforschung, a.a.O., S. 37

9. vgl. dazu auch F. Kluckhohn, a.a.O., S. 99

10. R. König, Beobachtung..., a.a.O. S. 37

11. ders.,...a.a.O., S.38

12. R. König, Beobachtung...,a.a.O., S. 38

Der Männerbund ÖCV

Gestaltung und Bearbeitung by Petra Hafner &
Daniela Czell

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siehe auch:
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