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Helmut Richard Stockhammer1

Mein entwicklungspolitischer Exotismus. Noch ein Trauerarbeitsplatz

 

1945, Kammer am Atterseee in Oberösterreich der Ausgang. Schwarz-braune Pädagogik am eigenen Leib. Trauerarbeitsplatz „...und dahoam“ kommentiert Nachkriegs-sozialisationsverhältnisse, die einen spezifischen Zug zum bewaffneten Exotismus einerseits und zum Exodus aus dem „Haus der Sklaverei“ nahe legen. Fremde Soldaten, Neger, KZler, Zwangsarbeiter. Fremdenverkehr dann. Antikapitalismus und internationale Solidarität später. Vorerst aber Krieger werden wie der Vater. Zuerst in faschistischer dann jesuanischer dann „algerischer“ dann in der Tradition der „Nibelungen“, Elektrotechnik. Leutnant der Kleinkriegsführung. CVer. Soziologe, Philosoph und Gruppendynamiker. Dann Marxist - Leninist. Und seit 1984 wieder „grün“. Psychoanalyse. Brigadist in Nicaragua. Entwicklung der Kunst des Baus und Betriebs von Trauerarbeitsplätzen, gemeinsam mit Ilse Wagner.

Es wird versucht durch Aufzählung von gewissen Momenten meiner Geschichte Klarheit über meinen kämpferischen Exotismus zu gewinnen.

Überlegungen immer noch, angesichts der Anschläge in New York und Washington und der Kriege nachher. Was werden „die heiligen Krieger“ gegen einander tun und was tun sie tagtäglich?

Die Hure Babylon. Apokalyptischen Motive eines weltweit grassierenden Antiamerikanismus und Antiislamismus verstehen und nichtverstehen.2 Als Kind schon im Weltmaßstab gefürchtet und gesehnt.

Selbst heiliger Krieger.

In faschistischer, dann jesuanischer, dann „algerischer“, dann „nibelungischer“ Tradition. Dann Leutnant der Kleinkriegsführung mit Mao im Gepäck., Rangertradition.

Soziologe. Dann Marxist-Leninist und  seit 1984 wieder „grün“. ÖKOPAX3. Wieder gewaltfrei. Im Programm wenigstens.

Im selben Jahr aber noch auf Brigada Austriaca „Februar 1934“ nach Nicaragua. Exotismus historisch bedient, mit Uniformen und Fahnen. 1934 – dort wie da enorme Niederlagen. Diesmal Videokamera statt Gewehr und die Bundesheerfront gewechselt. Vom Losungswort zum Schibboleth.4

Viele revolutionäre Mythen zerplatzt. Algerien. Vietnam. Kampuchea. Mozambique. Guinea Bissau. Angola. Chile. Nicaragua. Zerschossen und zerplatzt. Mythos heraußen. Verein „Kärntner Solidarität mit Nicaragua“ aber noch. Und Unipartnerschaft mit der UCA in Managua.

Jetzt mehr „westafrikanische Fotografie“ im Kunsthaus Wien5. Kurzschlusshandlungen.6 Bärentaler – Sterndolar.7 Wiedereinmal die Dokumenta. Kunst.

Schwarzbuch Markenfirmen – Die Machenschaften der Weltkonzerne8 - lesen und lesen lassen. Tüfteln mit Edward W. Said9 über den Ort der Intellektuellen. Ich Ex CVer, Ex Maoist, Ex ...

Über kolonialistische Denkformen von Freud und Hegel10 weiterarbeiten und für Goré vorbereiten.

Exotismus in die Lehre hineinzähmen: Kritik der Kulturkritik. Entwicklungspolitik und Mythos Internet. Der Stein und das Seyn. Hermetische Philosophie um an das innere Ausland heranzukommen. Gruppendynamik und Kunst der Trauerarbeitsplätze.

Psychoanalyse seit Jahren.


Zum Anfang aber: 1945

Krieg und Nachkrieg. Zusammenbruch im Gau Oberdonau, vormals. „Ami“, „Neger“ in meinem Geburtsort Kammer am Attersee. KZler und Zwangsarbeiter.

Schlossallee Kammer, siehe Klimt und Schloss besetzt.

Drei Wochen vor meiner Geburt, meine Mutter „bekommt einen Riesenschreck“. So groß wie Gorillas, so schwarz – einen „Neger“ gesehen. Plötzlich!

Ich war schwarz, „bei den Haaren“. Und die Großmutter zur Mutter: „Hoffentlich bist du dir nicht über den Kopf gefahren als dich der Neger erschreckte.“ Erzählungen davon.

Schlossallee also mit Panzer. Nicht weit davon ehemalige KZler im Barackenlager. Ehemalige Zwangsarbeiter auch, Exhäftlinge, „leider“ unter dem Schutz der Ami. Dem Vater die Ski gestohlen „Sturzhahn spezial“. Rache. Ski zurück! Rein ins Barackenlager. Die, dem Vater die Zähne eingeschlagen. Die Ehemaligen. Diese Verbindung aus KZler und Jugos und Zwangsarbeiter unter dem Schutz der Amis. Den Vater geschlagen. Immerhin. Der „weit herumgekommen“, bewaffnet. In viele Kessel. Waffen und Munition rein, Verwundete raus. Überlebt. Freiwillig zur Wehrmacht. Für die SS zu klein. Eingerückt am 10. Oktober in Klagenfurt. Funker in der JU 52. Bis nach Nordafrika.

Landsermentalität „geerbt“. Bewaffneter Exotismus. Elitebildung. Farbstudent. Jesuit werden? Leutnant später. Kommunist. Schnappschüsse mit den schwersten Videokameras. Ieng Sary suchen. Brigade in Nicaragua. Kurse über Videodokumentation an der Universidad Centro America Managua.  

Im Rahmen der Trauerarbeitsplätze II gemeinsam mit Ilse Stockhammer-Wagner dies bearbeitet. So Trauerarbeitsplatz Nr. 54 „Der große alte Schreibtischschießplatz“.11

Die ehemaligen SSler. Der Onkel Sepp. Waren mutig. Von den Amerikanern für ihre „Maschinen“ den Benzin gestohlen. Herausgezutzelt. Gefischt, fallweise mit Sprengstoff. Gute Fotografen.

Die Mutter: „I hob gschicha die schworzen Leit – oba kinderfreundlich warns.“ Die Ami mit ihren Liebchen. Auch die Wirtshäuser waren von den Amis besetzt. Februar 1946, der Skiklub im Rittersaal des Schlosses veranstaltet den ersten großen Ball. Überhaupt, Skiklub und Fußballklub, der Vater führend aktiv. Der erste Ball in Schörfling nach dem Krieg, und dann den Verband der Unabhängigen (VDU) aufgebaut. Sport, Politik und Fasching. Vater, Pascha mit Harem. Aufbau der Elektrizitätsversorgung und wieder Parteiaufbau. Die Ehe zwischen HJ-Führer und BDM-Führerin hält. Kein Exodus nach Kanada. „Wegen mir“.

Vater schon immer ein Fußballer und Frontkämpfer, aber auch immer wieder Respekt – was immer das hieß – vor dem Gegner. Die Russen bewundert. Improvisationskünstler. „Russisch machen“, beim Häuslbaun. Trotzdem „Flieger sind Sieger – zu Wasser und Land. Die schärfste Waffe in deutscher Hand.“

Herrenvolk von Untertanen. Unterlegen. Sich trotzdem fortpflanzen. Und: Deutschen Kindern, deutsche Namen.


1946 geboren; erster Sohn (von dreien) eines Elektrikers und Kriegsheimkehrers. Er war „weit“, an vielen Fronten. Die gute Tante JU. Raum gewonnen und verloren. Mutter, Tochter eines Oberrechnungsrats in Ruhe. Hausfrau. Beide Eltern überzeugte Nationalsozialisten. HJ-Führer, Flieger er, die Mutter BDM-Führerin und Sekretärin der Kreisbauernführers.

Nochmal. Kammer am Attersee also. Im Schloss, die Kommandantur der US-Truppen, im Schlosspark zwei lange Reihen Panzer. Unser Spielplatz. Freundliche „Neger“. Schokolade.

Seitenzahlen erlernen und fantasieren wie der Vater kämpfend vor dem Feind war. So die Seitenzahlen aus dem Buch „Feuer und Farbe“ erraten müssen. Trauerarbeitsplatz „ ...und dahoam“. Darstellungen des Krieges durch deutsche Maler.12 Vater erzählt bei korrekter Seitenzahlnennung eine Geschichte. Am Trauerarbeitsplatz “sadomasochistische Testbatterie“ verewigt. Leseplatz und „Scheitelknien“.

Im Kampf gegen die eindringenden Amis starb als Panzerkommandant mein Onkel Helmut Riedler, drei Tage vor Kriegsschluss. Von dem hab ich dann den Namen bekommen. Sicherheitshalber auch noch „Richard“, wie mein Vater. Damit ich ja im „Eigenen“ bleibe. Helmut Richard. Zwei Soldaten, ich.

Wegweisung, Vorbild, Bestrebungen meiner Eltern aus mir einen guten Schüler, Schifahrer, Bergsteiger, Turner, Ingenieur, Farbstudenten und Leutnant der Kleinkriegsführung zu machen. Nibelunge und Austrodanube. Sozialisationsforschungen dann über meinen Männerbund13 und Dissertation dann über „Sozialisation und Kreativität“14 und die habermas’sche Rollentheorie. Herrschaftsfreiheit.

Später die „Klassenfront gewechselt“. Vietnam-Komitee, Komitee südliches Afrika und Chile-Komitee und Kärntner Solidarität mit Nicaragua und Komitee für die Rechte der Minderheiten. Kommunistischer Bund (Maoisten). Redakteur einer Zeitung, die sich „Einheit- Enotnost“ nannte. Oktoberarena. ALÖ – Alternative Liste Österreich.


1947 - 1951. Kammer am Attersee.

In der Nähe des Schlosses gelebt und an den Ufern des Attersees.

Anfänge des Fremdenverkehrs nach dem Krieg. Soldaten. Brav.

Zornig auch. Wohl zu früh ausgetrieben, mit, „Liebe“, „Kopf ins Wasser stecken“ und „Scheitelknien“. Manisch – depressiv später. 1984 dezidiert.


1952 - 1955 in die Volksschule Schörfling. Im Barackenlager neben unserer Familie geflüchtete Volksdeutsche, dann Ungarnflüchtlinge. Ehemalige Aufständische.

Dann Übersiedlung aus der Fremdenverkehrsgemeinde Kammer/Schörfling am Attersee in die Bauerngemeinde Regau bei Vöcklabruck. Große Schwierigkeiten. „Dirndl-Bua“. Zu freundlich zu den Mädchen.

Trennung – Trennung – Trennung. Von Kammer, von Freunden, von Freundinnen, vom See, von den Sommerfrischlerinnen. Zwangseinleben in das bäuerliche Fremde.

Haus der Großmutter. Mit dem Vater umgebaut. Heuboden raus – Zimmer rein. Kühe raus – Menschen rein. Bauerngemeinde – Pendlergemeinde – 4. Klasse Volksschule in Regau.

Konversion der Eltern von Hitler zurück zu ihren alten Religionen – allmählich. Leben mit der Kleinbäuerin und Proletariertochter. Anna Stockhammer. Oma. Aufstieg durch Heirat und harte Arbeit.

Opa, Alois, Häuselbesitzer und Facharbeiter. 1938 geschieden. Eternitarbeiter, vorher vaterländische Front, dann Nazi.

Vater schon zwei Sportklubs mitaufgebaut. (Skiklub und Fußballklub). Unter den mehr oder weniger strengen Augen der Staatspolizei. Die Elektrizitätsversorgung und den Fasching und die Vorläuferpartei der Freiheitlichen, auch. Dann Schwenk zur Volkspartei. Exodus als Aufstieg. In der Gemeinde bis zum Vizebürgermeister und zum Betriebsrat der Oberösterreichischen Kraftwerke AG. Drei Söhne. Ich, Richard, Manfred. Spätling. 1976 machte er sich „von allen Toden frei“.15

Elf Söhne wollte Vater. Für eine Fußballmannschaft. Fort und hinauf. Bergsteigen. In der Höhe  Gott näher sein.“ Am Harten hat man Halt“.16

Ich selbst schon, im Schulkampf, sonst brav, fleißig. Sicher auch voll Hass und Angst. Nur manchmal die Verkörperung des Anderen (Mädchen) an den Zöpfen gezogen. Immer auch „Bruderkrieg“.

In der katholischen Kirche (Jesus, Maria, Jerusalem, die heiligen drei Könige) musste ich und mein Bruder alleine hineingehen. Meine Mutter, eine ehemalige „Luderische“, wartete heraußen. Die Großmutter hatte sich gegen das „gottgläubige“ Paar durchgesetzt. Barocker Kirchenraum samt Weihrauch und Ritual, frei „von Elternkontrolle“. Später haben wir, die Söhne, dann das „Vater unser“ am Familientisch erkämpft, einander zugezwinkert gegen den Vater. Das Himmelreich, befreiendes Fremdes, unter fremder Herrschaft.

Die Geschichten vom „bedrohten Deutschtum schon seit Jahrhunderten“ von der Mutter. Türken, Ungarn, Slawen, „Gelbe Gefahr“, aber auch unsere guten Neger in Deutschsüdwest.

Und Anti-Amerikanismus. Die deutsche Sprache hochhalten, die Haltung überhaupt. Die Schulter nicht so hängen lassen und die Unterlippe auch nicht, sonst schaust du aus wie ein Neger. Affenmusik. Und kein Schlurf werden. Aber: Hart wie Kruppstahl, flink wie ein Wiesel und zäh wie Leder. Und zuviel Lippenstift – daran erkennt man die Ami-Huren.

Alle beim Turn- und beim Alpenverein. Turnvater Jahn (Frisch-Fromm-Fröhlich-Frei). Sympathie mit Karl Ludwig Sand. Großvater auch schon Turner, so fand er seine zweite Frau. Nahm er, der Vorturner die Älteste, aus der Schwesternriege, der er vorturnte. Schönerianer. Los von Rom! Altkatholik. Tante Erika, seine älteste aus zweiter Ehe wurde „Illegale“. Lebt jetzt in Australien.

Immer wieder Sport: Schifahren, Fußball, Bergsteigen, auf den Gipfeln Gott nahe. Fasching auch. Wassermann. Und Fotos schießen. Die Buben mit Orden geschmückt. Den Fliegerdolch in Großvaters Schreibtisch.

Aber auch immer wieder gemildert das ganze Kämpferische, durch die Jesusgeschichten, Maria auch.

Hauptsächlich aber in Männerbünden: „Vater mit 3 Söhnen“, „Knabenhauptschule“ Vöcklabruck, HTL-Elektrotechnik und Bundesheer, dann CV. Und jetzt am Institut für Philosophie.


1957:
„Nur“ Hauptschule, vom Land in die Stadt. Und immer noch Sport und Religion. Häuselbauen und „Folgen“ (den Eltern).

Religion: nicht nur am Sonntag. Schon die Mutter mit dem Büblein: Gemeinsam beten. „Mein Herz ist rein, darf niemand hinein, als Du, mein liebes Jesulein.“ Was passierte da in Ägypten, und was nach dem „Auszug aus dem Haus der Sklaverei“, bis zu dem wie Jesus mit seinen und anderen Leuten redete. Feindesliebe – ein ungeheuerlicher Gedanke. Und die „Neger“ ließen uns in ihre Panzer, aber später dann in der „Hauptschule des Lebens“, wieder Kämpfe und


1959 in jeder Pause „die algerischen Aufständischen“ gegen die „Franzosen“ gespielt. Einander in die Eier hauen. Warum ich bei den algerischen Aufständischen?

Wohl auch weil „wir“ gegen die Alliierten waren? Franzosen, Ami, Briten, Russen. Und die Feinde meiner Feinde meine Freunde? Oder weil die algerischen Aufständischen „unten waren und die Franzosen oben“? Weil sie auch „unfaire“ Kampfmethoden haben durften? Und immer auch die Faszination für fremde Waffen (Spielzeuge) und anders Farbige.

Fremde besiegen, andere Schüler, die Mädchen, die Franzosen, die Engländer, die Oben.

Doch noch nicht hart genug. Nicht durch den Sport, und nicht durch den Kampf gegen die Bauernbuben, und nicht durch Scheitelknien, und andere „schwarze“ Pädagogik.

„Ans Wasser gebaut“. Schnell kommen das Mitfühlen und die Tränen. Sodass der Religionslehrer und Priester, der mich gern hatte, beiseite nahm und mir einschärfte „doch endlich ein Mann zu werden“. Später als ich dann bei einer katholischen Mittelschulverbindung war – schon wieder ein Männerbund – war er unser Verbindungsseelsorger. Dann bekam er große Schwierigkeiten, weil aufflog, dass er schwul war.

Überhaupt waren meine Eltern nicht auf der Seite jener, die ins KZ gesteckt wurden. Was wenn noch „Ordnung“ und „Reich“ und nicht „Zusammenbruch“ gewesen wäre?

Allmählich jedoch bei mir eine gewisse Sympathie für Unordnung, Kommunisten und Sozialisten, Schwule, Frauen und Jesus deutlich. Zwangweise aber weiter in Männerbünden. Und Gott war ja auch so einer. Deshalb nicht verwunderlich, dass ich Marienverehrer wurde. Die hatte so etwas Menschliches, Herzliches. Tochter Maria.


1960

Höhere Technische Bundeslehranstalt (HTL) Elektrotechnik. Wohnen im Lehrlingsheim. Don Bosco. Schularbeit und Heimkampf. Weiter Interesse für die Bewegungsformen des jesuanischen Grüppchens und der Kleriker auch. Vielleicht Priester werden? Jesuit? Vorerst aber gegen die Heimleitung kämpfen, im Heimrundfunk. Mein erstes freies Radio.

Hinausgeworfen. Schwanken zwischen Protestantismus (Bauernkrieg) und bestimmten Katholizismen. Kritischer Katholizismus. Überhaupt im ganzen Land durch die Erzählungen der protestantischen dann gottgläubigen Mutter die Orte des Bauernkriegs, Frankenburger Würfelspiel in mir.

Eine zeitlang bei der Legio Mariae, dann „Nibelunge“. Kämpferisches Tatchristentum17. Wahlspruch: Durch Schwierigkeiten zu den Sternen. In der Tradition der germanischen bewaffneten Fern-(Ungarn) Fahrer. Bekennen. Farbetragen. Das ganze Jahr über Verkleiden. Vollwichs. Aber Verbindungsname „Romeo“. Mittelschüler Kartellverband (MKV). Aus alter Zeit Geschichte vergegenwärtigt. Und die noch ältere Zeit, die das Nibelungenlied besingt. Wichs und Schläger und so. Ohnmächtig geworden bei der stundenlangen Grabwache am Ostergrab. Und immer noch Religion und Politik, Politik und Religion. Elitewerden. „Aber der Freund war Schlagender.“


1961 ff.

Größte Schwierigkeiten bei der Übersiedlung in die Großstadt Linz. Nur Buben im Lehrlingsheim „Don Bosco“, Orden der Salesianer. In der Höheren Technischen Bundeslehranstalt (HTL) schon wieder nur Knaben, außer in Französisch. Grafikerinnen. Erste Frau dann.

54 Bücher im ersten Halbjahr gelesen. Nichts als „Fleck“. Nur in Steno sehr gut. Ganz in den Fußstapfen meiner Chefsekretärin-Mutter. Beim Kreisbauernführer war sie, aber:  „Recht-schreiben konnte der nicht“. 

Und jeden Morgen um 6.00 Uhr ein paar hundert Jugendliche zum Gebet. Dauernd im Gespräch mit „dem Anderen“ und seinem Sohn. Sehr personal das Ganze. „Übung zum guten Tot“. „Rein bleiben und reif werden.“ Und „Mit den Händen auf der Brust, wollen wir einschlafen“.

Moses und die Israeliten Auszug aus dem Haus der Sklaverei, und andere biblische Geschichten, und aber auch Märchen in Erinnerung – russische, japanische. Sindbad der Seefahrer. Hans Karl Ginzkey hat da in der Nähe seine Urlaube verbracht. Hatschi-Bratschis-Luftballon durch unsere Phantasie geflogen.

Irgendwann musste man auch dann den kleinen „Negern“ helfen. „Negerfigur“ in der Kirche die nickte, dankte wenn man ihr einen Schilling auf die Hand legte. So viele Widersprüche. Die Panzerfahrer, „das Negerlein“ in der Kirche, die drei Weisen aus den Morgenland, alles nebeneinander. Deshalb wahrscheinlich später auch über kolonialistische Denkformen bei Freud und Hegel nachgedacht. Und viele entwicklungspolitische Aktivitäten und Komitees und erst kürzlich auf der Sklaveninsel Goré vor Dakar in einem winzigen Gefängnis für aufständische Negersklaven, geweint.


Zurück. 1963

Erster Tanzkurs. Kultivierung des Umgangs mit der jeweils anderen. Hippie. Englisch-Walzer. Hineinsteigen. „Negeraufstand ist in Kuba“


1965 Ende der HTL.

Wie schon der Vater freiwillig zum Heer. Reserveoffizier werden. Jäger. Eben die Anderen jagen. Früher die K(r)atzlmacher, den Ivan, den Tomi. Jetzt die Partisanen auf der Koralm. Inzwischen Mann geworden. Schütze geworden. Gefreiter geworden. Zugsführer geworden. Wachtmeister – Oberwachtmeister – Offizierstellvertreter. Leutnant der Reserve der Klein-kriegsführung in Ruhe, derzeit. Ausgejagt?

HTL-Abschluss und freiwillig zum Bundesheer. Heeressport und Nahkampfschule. Jagdkommando. Hinterhalt. Auf der Koralm. Gegen eindringenden Feind. Mangels Theorie, die Theorie des Guerilla-Krieges von Mao Tse Tung gelesen. Jäger also. Jahre später, anlässlich der Fotos von unserem Bundespräsidenten in Saloniki, er grüßt aus einem VW Jagdwagen wurde es noch einmal klar, Menschenjagdkommando. Wir Green Baretts. Wie Partisanen gegen Partisanen kämpfen. Selbst zwei alte VW Kübelwagen gefahren. Der Erste war von einem etwas eigentümlichen Onkel, dem sie die Eier weggeschossen haben.

Überfall und Hinterhalt und alles was der Kleinkrieger braucht. In fremdes oder eigenes Land hineinspringen, würgen, sprengen mit allem schießen was schießt. Sich bewegen wie der Fisch im Wasser. In der Tradition des Vaters: „Auf Kreta bei Sturm und bei Regen.“ Da wurde es dann also anders politisch. Sebastian Haffner, Theorie des Guerilla-Kriegs. Maoismus also.


1966 – 1970

Studium der Soziologie. Linz. Empirische Methoden, Länge mal Breite. Aber auch Referate über Anarchismus und Rätedemokratie18 und über „Theoretische Hintergründe moderner Revolutionsstrategien“. Fanon auch.

Mitglied der katholischen Hochschulgemeinde (KHG), Vorsitzender des Dachverbandes der KHG und der CV Verbindung „Austro Danubia“. Fuchsmajor. Senior. Politisches Christentum. Theologie bei der KHG. Nach Berlin und noch einmal nach Berlin und nach Frankfurt und eine Woche in der Tate-Galerie. Über Herren und Knechte in der Zeitschrift des ÖCV geschrieben. Don Helda Camara in der selben Nummer. Heute noch Stolz.

Diplomarbeit 1969: Empirische Arbeiten über meinen Männerbund (CV).


1970

Bewerbung an das Religionssoziologische Institut in Bogota. Dort wo der Camillo Torres einmal war. Und doch nach Klagenfurt. Universitätsaufbau. Dissertation. Parteiaufbau. Parteiabbau. Wohngemeinschaften. Parteiaufbau.

Auch Personalvertreter und Gewerkschafter. Bringen Geld nach Warschau zur Solidarnosc. Überhaupt immer wieder und gern – die Angst landsermäßig verräumt – Grenzgänge.


Also 1982

rein nach Polen und dann Thailand, Hongkong, Burma, Kampuchea. Sehr im Magen die vormalige Solidarität mit Pol Pot. Interview mit Ieng Sary. “Wir waren Diktatoren”, sagte er.

Wir auch? Oder wir nicht? Nicht an die Regierung gekommen. Die Befreiungskämpfe rund um die Welt unterstützt. Unterstützen müssen.

In diesen Jahren immer wieder im Fasching in Venedig. Als Frau auch. Erste Manien. Depressionen. Den Kommunistischen Bund abgebaut. Kurz eine „Gruppe zur Befreiung der Produktivkräfte“ versucht. Dann die grünalternative ALÖ.


1984

mit Ilse Wagner auf Brigade in Nicaragua. Arbeiten und Video filmen. Kamera statt Gewehr. Die Professorinnen am Institut für Sozialarbeit damit „bewaffnet“.

Seit 1984 den Bau und Betrieb von Trauerarbeitsplätzen19 mit ihr.

Und was helfen „die Neger“? Und was der Fasching? Was die Philosophie? Und was die Kunst? Und was die Tänze?

Katharsis. Hoffnung:

Frantz Fanon dazu:  „Andererseits können wir das affektive Leben des Kolonisierten in mehr oder weniger ekstatischen Tänzen sich erschöpfen sehen. Deshalb muss eine Studie über die koloniale Welt unbedingt das Phänomen des Tanzes und der Besessenheit zu verstehen suchen. Der Kolonisierte entspannt sich in dieser Muskelorgie, die seine schärfste Aggressivität und seine unmittelbarste Gewalttätigkeit kanalisieren, verwandeln und ableiten. Im Kreis des Tanzes ist alles erlaubt. Er beschützt und ermächtigt. Zu festgesetzten Stunden, an festgesetzten Daten finden sich Männer und Frauen an einem gegebenen Ort zusammen und werfen sich unter dem strengen Auge des Stammes in eine scheinbar ungeordnete, in Wirklichkeit aber streng geregelte Pantomime, wo sich auf vielfache Weise – Neigungen des Kopfes, Krümmen der Wirbelsäule, Zurückwerfen des ganzen Körpers – handgreiflich die grandiose Anstrengung eines Kollektivs äußerst, sich durch Exorzismen zu befreien und auszudrücken. Der kleine Hügel, den man erstiegen hat, wie um dem Monde näher zu sein, das Ufer, das man hinabgeglitten ist, wie um die Äquivalenz von Tanz und Waschung, Reinigung auszudrücken, das sind geheiligte Orte. Alles ist erlaubt, denn  man versammelt sich nur, um die angestaute Libido, die verhinderte Aggressivität vulkanisch ausbrechen zu lassen. Symbolische Tötungen, bildliche Ritte, vielfältige eingebildete Morde, all das musste herauskommen. Die bösen Säfte ergießen sich, donnernd wie Lavamassen.

Ein Schritt weiter, und wir verfallen in volle Besessenheit. In Wirklichkeit sind es Besessenheitsübungen zur Befreiung von Besessenheit, die hier organisiert werden. Vampirismus, Besessenheit durch Dschinns, durch Zombies, durch Legbar, den berühmten Gott des Vodu. Diese Zerstörung der Persönlichkeit, diese Verdoppelungen, diese Auflösungen erfüllen eine ‚ökonomische’ Funktion, die für die Stabilität der kolonisierten Welt unentbehrlich ist. Auf dem Hinweg waren die Männer und Frauen ungeduldig, zappelig, nervös. Auf dem Rückweg kehrt die Ruhe ins Dorf zurück, der Friede, die Unbeweglichkeit.“20

Auch dem eigenen Vater bedeutete es viel als er, wie jedes Jahr Fasching zelebrierte. Fasching. Saturnalien. Und Sport. Und Politik. Und Häuslumbauen. Das Unterste zu Oberst kehren. „Das gantze philosophische Werk“21, der Sohn später. Als Kind schon voll Verwunderung als „Wassermann“ in einem Schwan sitzend mit einer Freundin durch den Ort gezogen zu werden.

Ichideale exotische, zum Saufüttern. Vater als Sultan – mit Harem. Wollte immer wieder die Welt sehen. Flieg! Die Eigenen in die Fremde. Grenzgänger. Auch Großvater Riedler, der Turner, und Oberrechungsrat für die Eisenbahn, Wien-Triest. „Schönerianer“. Und 1943 fast ins KZ, weil er laut sagte, dass Hitler das Deutschtum in Südtirol an die „Katzlmacher“ verriet. Haiders Erbonkel Webhofer half mit.22

Überhaupt die Fliegerei, Orden von allen Kriegsschauplätzen, Verwundete geflogen, raus aus den Kesseln, Waffen und Verpflegung hinein. Flughafenchef wollte der Vater werden, auf der Krim. Vielleicht auch deshalb, in der Ferne und in der Nähe, an Kriegsschauplätzen orientiert.

Auch das Bilderschießen vom Vater „geerbt“. Der große alte Schreibtisch-Schießplatz23 zwischen dem Denkmal für Harmodius und Aristogeiton24 und den Tyrannen Rainer Hipparchos25.

Und im Jahre 1992 lag auf dem Trauerarbeitsplatz „Und dahoam“, als Zeichen der Hoffnung von Frantz Fanon „Die Verdammten dieser Erde“, und als Schuhputzkisterl darunter eine ehemalige Munitionskiste.

Mögen meine Konversionsübungen gelingen.26

 

Dezember 2002, Vortrag gehalten bei der Arbeitstagung “Exotismus, Historismus, Nationalismus” an der Universität Klagenfurt

 

Literaturliste:

1 Url: http//www.uni-klu.ac.at/stockhammer am 2.12.02

2 Richard Herzinger: Die Hure Babylon. Neue Züricher Zeitung, Montag 24. September 2001, S. 23

3 Url: http://www.uni-klu.ac.at/groups/ipg/alt/publ/pgk/oekopax.htm, am 2.12.02

4 Url:http://www.uni-klu.ac.at/ipg/alt/tap/schibboleth.htm, am 2.12.02

5 Gerald Matt, Thomas Mießgang (Hg.): Flash Afrique! Kunsthalle Wien 2001, Steidl Verlag Göttingen 2001.

6 Unikum (Hg.): Erste Kärntner Kurzschluss-Handlung. Klagenfurt 1999. Url: http://www.uni-klu.ac.at/ipg/alt/publ/pgk/kh/index.htm, am 2.12.02

7 Url: http://www.uni-klu.ac.at/unikum/kh/produkte/baerntaler.htm, am 2.12.02

8 Klaus Werner, Hans Weiss: Schwarzbuch Markenfirmen. Die Machenschaften der Weltkonzerne, Deuticke Verlag, Wien – Frankfurt 2001

9 Edward W. Said: Götter, die keine sind. Der Ort des Intellektuellen. Berlin Verlag 1997

10 Url: http://www.uni-klu.ac.at/groups/ipg/alt/publ/afrika.htm, am 2.12.02

11 Url:http://www.uni-klu.ac.at/ipg/alt/tap/schiessplatz_ansicht1.htm,am 2.12.02

12 Walter Tröge: Feuer und Farbe. 155 Bilder vom Kriege. Wilhelm Frick Verlag, Wien 1943. 

13 Url: http://www.uni-klu.ac.at/ipg/alt/publ/pgk/cv/inhalt.htm, am 2.12.02

14 Url: http://www.uni-klu.ac.at/ipg/alt/publ/kreativ.htm, am 2.12.02

15 Url: http://www.uni-klu.ac.at/ipg/alt/tap/manfred.htm, am 2.12.02

16 Url: http://www.uni-klu.ac.at/ipg/alt/tap/psychiatrie.htm, am 2.12.02

17 Url: http://www.uni-klu.ac.at/groups/ipg/alt/publ/cv/inhalt.htm., am 2.12.02

18  Url: http://www.uni-klu.ac.at/~hstockha/publ/anarch.htm, am 2.12.02

19 Url: http://www.uni-klu.ac.at/groups/ipg/alt/tap/index.htm., am 2.12.02

20  Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde. Suhrkamp Taschenbuch 1981. Und Alice Cherki: Frantz Fanon. Ein Porträt. Edition Nautilus, 2002

21  Helmut Stockhammer: Localization of Soul in Trance-Formative Perception: Catathymic Transformation through Trauerarbeitsplätze (Working Places of Mourning). Url: http://www.uni-klu.ac.at/ipg/alt/publ/pgk/boston3.htm, am 4.12.02 und Daniel Stoltzius von Stoltzenberg: Chymisches Lustgärtlein. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1964. 1. Auflage 1624

22 Url: http://www.uni-klu.ac.at/unikum/kh/produkte/baerntaler.htm, am 4.12.02

23 Url: http://www.uni-klu.ac.at/ipg/alt/tap/schiessplatz_ansicht1.htm, am 4.12.02

24 Url: http://www.uni-klu.ac.at/ipg/alt/tap/aristogeiton.htm, am 4.12.02

25 Url: http://www.uni-klu.ac.at/ipg/alt/tap/hipparchos.htm, am 4.12.02

26 John Bowlby: Verlust, Trauer und Depression. Fischer Verlag, Frankfurt 1983, S. 197 ff.


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Mein entwicklungspolitischer Exotismus.
Noch ein Trauerarbeitsplatz

Gestaltung und Bearbeitung by Petra Hafner &
Daniela Czell

Video im real player format auf http://kanalb.de/index.php
.
siehe auch:
deportation-class.com

Neu in der philosophischen Audiothek
Z
um Download und Streaming zugänglich:

http://audiothek.philo.at