Helmut STOCKHAMMER / Thomas MACHO

 ERFAHRUNGEN UND ÜBERLEGUNGEN BEIM AUFBAU EINER MEDIATHEK


Im Jahr 1980 wurde am Institut für Philosophie der Universität Klagenfurt mit dem Aufbau einer Mediathek (samt Archiv) begonnen. Zweck der Mediathek ist die Sammlung und Aufbereitung audiovisueller Medien für den Unterricht in Philosophie/Psychologie/Pädagogik (PPP); die derzeitige rechtliche Lage erlaubt allerdings nur den Einsatz dieser Medien im Rahmen der Lehrerausbildung, sowie für philosophiedidaktische Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Aufgabe des Instituts ist u.a. die Beurteilung der Medien, Anregungen zum Gebrauch (für Studenten, Lehrer und sonstige Benützer) zu geben, Erfahrungsberichte zu sammeln und Erfahrungsaustausch zu fördern, zuletzt auch zur selbständigen Produktion von audiovisuellen Medien beizutragen.


Wie ist die Mediathek entstanden?

Zum Zweck der Selbst- und Gruppenreflexion werden audiovisuelle Medien seit Jahren von den am Institut tätigen Gruppendynamikern eingesetzt, insbesondere zur Verdeutlichung von Gruppenstrukturen und Gruppenprozessen (Gruppenbilder, Selbstdarstellungen der Gruppe, Rollenspiele, Soziogramme usw.); für die Verwendung der technischen Aufzeichnungs- und Wiedergabemöglichkeiten (Videokamera/Monitore, Tonbänder, Diareihen, Austellungen u.ä.) Zur Stimulierung von Selbstreflexionsprozessen (“Spiegelung”, “Feed-back”, “Erinnern-Wiederholen-Durcharbeiten”) waren diese Erfahrungen grundlegend.

Paralell zum prozeßorientierten Einsatz der Medien, der sich auf jeweils aktuelle Kommunikationssituationen und ihre Analyse bezieht, schien es auch unumgänglich, bestehende Medienprogramme (Sendungen in Radio und Fernsehen) zu dokumentieren, um so die Voraussetzungen für medienkritische Analysen zu schaffen. In didaktischer Hinsicht mußte es besonders wichtig sein, die im Philosophieunterricht üblichen Medienangebote (z.B. Lehrbücher und Textsammlungen) zu diskutieren, die von externen Lehrbeauftragten mitgebrachten und im Unterricht verwendeten Medien und Materialien zu sammeln (etwa kulturanthropologische Videobänder), sowie die im Rahmen der Lehrerausbildung mit Studenten simulierten Unterrichtssituationen aufzuzeichnen und zu besprechen.

Darüber hinaus konnte die Mediathek die Chance offerieren, einige Schlüsselprobleme der Region Kärnten dokumentarisch zu erfassen. Im Rahmen von Lehrveranstaltungen konnten so Studenten angeregt werden, eigene Filme (insbesondere zur Minderheitenfrage) herzustellen. Dabei war es etwa möglich, sich auf die Erfahrungen  slowenischer Medienpädagogen mit der Dokumentation der eigenen Geschichte - im Nationalsozialismus und auch in der Gegenwart - zu stützen. Die bei der Auseinandersetzung mit regionalen Problemstellungen vorwiegend angewendete Methode der “oral history”, der Aufzeichnung und Dokumentation mündlicher Überlieferung und individueller Lebensgeschichten, impliziert schließlich einen gerade für die Philosophedidaktik notwendigen und zentralen Zugang zur “Alltagsphilosophie”.


Beispiele aus der Arbeit mit der Mediathek

1 Zu den primären Interessenten an den Beständen der Mediathek gehören Studenten, Lehrer, Erwachsenenbildungsinstitutionen, Repräsentanten von Regionalbewegungen und Universitätslehrer. Die Interessenten informieren sich meistens zunächst über die vorhandenen Filme, lassen sich individuell beraten und über Erfahrungen mit bisherigen Vorführungen der gewünschten Medien berichten; sie müssen auch Verleihbedingungen akzeptieren, deren zentraler Punkt in der Verpflichtung besteht, einen Erfahrungsbericht (inhaltlich-didaktisch) über die Arbeit mit dem entlehnten Medium zu verfassen und der Mediathek zu überlassen.

2 Ein Beispiel für die Dokumentationsarbeit, zu der die Mediathek anregen kann: Einer der aktivsten Benutzer der Mediathek, ein Philosophielehrer in Kärnten, organisierte mit seinen Schülern (Oberstufe) eine Ausstellung zweisprachiger (deutsch/slowenisch) Materialien aus der hiesigen Region. (Diese Ausstellung wurde im Rahmen eine bundesweit empfohlenen Unterrichtsprojekts zur Erforschung der österreichischen Zeitgeschichte durch Schüler zusammengestellt.)

Die Ausstellung selbst wurde durch die Schüler mit einem Videogerät aufgezeichnet, wodurch sie nicht nur die Möglichkeit erhielten, den Umgang mit diesem audiovisuellen Medium einzuüben, sondern auch einen größeren Personenkreis mit den Ergebnissen ihrer Materialiensammlung konfrontieren konnten.

3 Für die Lehrerausbildung an der Universität ist die Mediathek aus zwei Gründen von besonderer Bedeutung:ersten offeriert sie einen gewissen Grundstock philosophisch/psychologisch/pädagogischer Unterrichtshilfen, der im Rahmen der Übungen zur Unterrichtsvorbereitung verwendet werden kann (zum Training des mediengestützten Unterrichts), und zweitens ermöglicht sie die Aufzeichnung von Unterrichtssimulation (im Rahmen fachdidaktischer Lehrveranstaltungen) und gibt damit eine gute Grundlage für die gemeinsame Beurteilung solcher Unterrichtsversuche.

4 Weiters unterstützt die Mediathek auch die Erstellung von anderen Medien, die philosophisch relevante Fragestellungen visualisieren helfen (Dia-Reihen, Ausstellungen usw.) So entstand im Rahmen einer Lehrveranstaltung über Philosophische Anthropologie (Mann/Frau-Problematik) eine philosophiegeschichtliche orientierte Ausstellung zur Hexenfrage, die nun auch an Schulen verliehen werden kann.

5 In einem ersten Versuch wurde einer größeren Anzahl von Lehrern die von zwei slowenischen Medienpädagogen erstellte Videoproduktion “Euch, den Überlebenden” (antifaschistischen Widerstand in der Gemeinde Zell/Sele) vorgeführt, und anschließend eine pädagogische Konferenz über die Brauchbarkeit dieses Films für den Philosophie- und Geschichtsunterricht abgehalten. Neben der Sammlung und Bearbeitung von Erfahrungsberichten scheint uns die Durchführung solcher “pädagogischen Konferenzen” ein wichtiges Instrument zu bilden für die Evaluation mediengestützten Unterrichts.


Schwierigkeiten und Probleme bei der Arbeit

Die didaktische Bedenklichkeit des Medieneinsatzes ist schon in Heft 1/81 der ZDP dargestellt worden: Wilhelm Berger und Jakob Huber markierten Schwierigkeiten im Umgang mit audiovisuellen Medien, während Herbert Schnädelbach seine Kritik gegen die Text-Fixierungen des “morbus hermeneuticus” richtete. Gemeinsam ist beiden Polemiken, daß die Medien primär als nicht dialogische Instrumente der Vermittlung von Meinungen und Erkenntnis angesehen werden, und diese Einschätzung hat ja angesichts des weithin geübten konsumierenden und bloß rezipierenden Umgangs mit Medien eine gewisse Berechtigung. Übersehen wurde aber u.E., daß die Einschränkung der produktiven Möglichkeiten der Medien durch die Realität etablierter Meinungs- und Publikationsmonopole nicht mit den technologischen Potenzen des Mediums selbst identifiziert werden kann. Vielmehr sind demokratische Kommunikationsmöglichkeiten dem Medium gerade auf der technischen Seite inhaerent: seit sechzig Jahren weiß man, daß jeder Radioempfänger relativ leicht in einen Radiosender umgebaut werden kann. Zwar heißt es im Staatsgrundgesetz Österreichs von 1867: “Jedermann hat das Recht, durch Wort, Schrift, Druck oder durch bildliche Darstellung seine Meinung innerhalb der gesetzlichen Schranken frei zu äußern”[1]; dieses Grund- und Freiheitsrecht ist aber selbstverständlich durch die weite Auslegung des Begriffs “gesetzlicher Schranken” so deformiert worden, daß uns die Forderung nach “Sendefreiheit” kaum mehr als beanspruchbares Recht zu erscheinen vermag. So wissen wir etwa von keiner Universität oder Schule im deutschsprachigen Raum, die je von der Möglichkeit gesprochen hat, einen eigenen Sender zu betreiben. (Beispielsweise gibt es am Campus der Universität Ljubljana seit Jahren einen legalen Studentensender, der sich übrigens in der ganzen Region einer bemerkenswerten Beliebtheit erfreut.) Mit der Forderung nach Sendefreiheit lassen sich natürlich die Probleme der Medienkonzentration durch internationale Konzerne in keiner Weise lösen: es geht aber nicht an, längst ausstehende bürgerlich-demokratische Rechte zu verweigern, indem auf die potentielle Gefährlichkeit des “BILD”-Fernsehens verwiesen wird. Darüber hinaus kann eine solche Argumentation auch den widersprüchlichen Tendenzen der Entwicklung der Produktivkräfte auf dem Mediensektor kaum Rechnung tragen: so ermöglicht die preiswerte Herstellung von Tonbändern, Videogeräten, Sendern usw. längst Gegenstrategien für die Entwicklung medienunterstützter Dialoge. Die Arbeiterradiobewegung, Brecht und Enzensberger mit ihrer Medientheorie, die alternative Videoarbeit sowie die freien Sender Italiens haben schon zu zeigen vermocht, welche verallgemeinbaren Potenzen im Medium selbst stecken. (Beispielsweise scheint es bereits heute möglich, daß sich Bürgerinitiativen - vielleicht auch akademische Institutionen? - einen Terminal für Bildschirmtexte leisten, um Öffentlichkeit für ihre Anliegen herzustellen.)

Aus dem bisher Gesagten folgt für den Philosophieunterricht: im Rahmen der Verwirklichung des Unterrichtsprinzips “Politische Bildung” im Fach PPP sollten die Medien selbst zur Sache gemacht werden, über die es nachzudenken gilt. Gerade der dialogische Umgang mit Medien muß erst gelernt werden: weder soll auf Medien (quasi puristisch, und mit dem Risiko des Verlusts eines wichtigen Zugangs zur Alltagsrealität vieler Jugendlicher) verzichtet werden, noch dürfen sie bloß - im Sinne eines audiovisuellen “morbus hermeneuticus” - philologisiert werden. Die Durchführung eigener Untersuchungen (auch durch Schüler!), sowie die Aufzeichnung und in Zukunft vielleicht sogar die regionale Ausstrahlung dieser Lernprozesse ist ein notwendiges und noch viel stärker zu förderndes Moment bei der Entfaltung eines medienkritischen Philosophieunterrichts, der eben nicht bloß theoretisch (im Sinne abstrakter Medienkritik) bleiben will.


Bestände der Mediathek

Die Klagenfurter Mediathek hat Filme und Materialien aus folgenden Bereichen gesammelt:

- Philosophie: z.B.: “Über Kant”, “Über Wittgenstein”, “Über Albert Einstein”, zur Anthropologie der Frau usw.

- Psychologie: “Über Sigmund Freud”, über “Psychoanalytisches Erstinterview”, über “Sitzungen einer Psychotherapie” usw.

- Politische Bildung: z.B.: “Studentenrevolte 1968" (Club 2), “Jugendunruhen”, Regionalbewegungen, Slowenenfrage, Frauenhäuser usw.

- Gruppendynamik und Organisationsentwicklung: z.B.: “Dokumentation einer Gruppendarstellung”, Entscheidungsprozesse im Unternehmen, Rollenspiele usw.

- Alltagsphilosophie und Oral History: z.B.: Interviews mit Arbeitern, Haufrauen und Angestellten usw.

- Didactica: z.B.: Unterrichtssimulation, Vorträge usw.

[1] vgl. Reichsgesetzblatt 142 vom 21.12.1867, Artikel 13 siehe auch Artikel 10 der Menschenrechtskonvention: “Jedermann hat Anspruch auf freie Meinungsäußerung. Dieses Recht schließt die Freiheit der Meinung und die Freiheit zum Empfang und zur Mitteilung von Nachrichten oder Ideen ohne Eingriffe öffentlicher Behörden und ohne Rücksicht auf Landesgrenzen ein.

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