THOMAS MACHO/HELMUT STOCKHAMMER

 

 

               Zu Konzeption und Wirklichkeit eines interdisziplinären

Philosophieunterrichts in Österreich

 

 

In Österreich wird die interdisziplinäre Erteilung des Philosophieunterrichts gesetzlich gefordert und unterstützt, und zwar in folgenden Punkten:

 

1. Die Bildungs- und Lehraufgabe des philosophischen Einführungsunterrichts wird im Lehrplan eindeutig definiert. Da heißt es:

“Die Schüler sind unter dem Gesichtspunkt einer philosophischen Anthropologie in Psychologie, Erziehungslehre und Philosophie einzuführen.”[1]

Der Lehrplan schreibt anschließend den Unterricht in Psychologie und Erziehungslehre für die siebente Klasse der Allgemeinbildenden Höheren Schulen im Ausmaß von drei Wochenstunden vor, die philosophische Einführung für die achte Klasse im Ausmaß von zwei Wochenstunden. (Lediglich die Wirtschaftskundlichen Realgymnasien für Mäd­chen bilden hier eine Ausnahme : Psychologie wird schon in der sechsten Klasse unter­richtet (3 Stunden), Erziehungslehre (2 Stunden) und Philosophie (2 Stunden) werden in der siebenten, bzw. achten Klasse erteilt).

 

2. Die Aufgabe des Philosophieunterrichts in der achten Klasse wird im Lehrplan wie folgt umschrieben:

“In der Logik und Wissenschaftslehre geht es nicht um bloße Übernahme von Denk­schemata, sondern um die Entwicklung einer kritisch prüfenden Denkhaltung. Da in den einzelnen Lehrgegenständen facheigene Methoden und Prinzipien jahrelang geübt wurden, verbleibt diesem Teilbereich der Philosophie die wichtige Aufgabe der Ergän­zung und Zusammenfassung sowie des Vergleiches und der Würdigung. Es soll ein Ziel des Unterrichts sein, philosophische Fragen, die sich aus einzelnen Unterrichtsfächern ergeben, zu erörtern. Querverbindungen ergeben sich auch zur Sozialkunde und zur Wirtschaftskunde. Auf Philosophiegeschichte, selbst nur im Überblick, muß verzichtet werden.”[2]

 

3. Mit dem Beginn des Schuljahrs 1978/78 trat der Grundsatzerlaß des Mundesministeri­ums für Unterricht und Kunst über “Politische Bildung in den Schulen” inkraft, der den Erlaß zur “Staatsbürgerlichen Erziehung” aus dem Jahr 1949 ablöste. In diesem Erlaß wird auf die Einrichtung eines selbständigen Faches “Politische Bildung” verzichtet, indem diese zum allgemeinen Unterrichtsprinzip jedes Faches erklärt wird. Im Erlaß wird u.a. betont:

 

“Politische Bildung ist eine Voraussetzung sowohl für die persönliche Entfaltung des einzelnen wie für die Weiterentwicklung des gesellschaftlichen Ganzen. Sie ist in einer zeit, die durch zunehmende Kompliziertheit in allen Lebensbereichen gekennzeichnet ist, ein aktiver Beitrag zur Gestaltung der Gesellschaft und zur Verwirklichung der Demo­kratie. (...) In einem demokratischen Gemeinwesen wird unabänderliches Merkmal sein, daß Autorität und Herrschaft aus der Quelle der freien Bestellung, der freien Kontrolle und der freien Abrufbarkeit durch die Regierten beziehungsweise durch die von diesen eingesetzten Organegeschöpft werden. (...) Ein wesentlicher Anknüpfungspunkt für die Politische Bildung liegt in den sozialen Erfahrungen der Schüler. Daher werden Lern­prozesse vor allem beim Erfahrungsbereich des Schülers anzusetzen haben.“ [3]

 

Die interdisziplinäre Verwirklichung dieses Grunderlasses wird darüber hinaus auch von einem Schreiben des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst an die Landes­schulräte und Direktionen der zentrallehranstalten betont, indem etwa die Besprechung des Erlasses in einer pädagogischen Lehrerkonferenz, in Elternversammlungen und Schülervertretungen nahegelegt wird. [4]

 

Aus dem bisher Angeführten läßt sich ableiten, daß in Österreich die interdisziplinäre Erteilung (nicht nur) des Philosophieunterrichts in zweierlei Hinsicht vorgeschrieben wird: erstens sollen die Wissensinhalte verschiedener Fächer nach Möglichkeit integriert werden, zweitens soll im Sinne einer umfassenden politischen Bildung zu einer demo­kratischen Grundhaltung auch die Konstituierung der Lerngegenstände, des “Stoffes”, durch die Einleitung sozialer Prozesse einer Interdisziplinarität zwischen Lehrern, Schülern und Eltern zufolge.

Soweit zum Himmel der Präambel und Grundsatzerlässe. Doch - “Vom Himmel auf die Erden fall´n sich die Engel tot.” Im schulischen Alltag stößt die Verwirklichung der zitierten Gesetze über die interdisziplinäre Ausrichtung des Philosophieunterrichts auf unterschiedliche Schwierigkeiten.

 

1. Die Institution der Schule ist, ob man es wahrhaben will oder nicht, von politischen und ökonomischen Bedürfnissen abhängig, die durch den sozialreformierischen Gestus einzelner Gesetzespassagen oder durch individuelle Initiativen fortschrittlicher Lehrer nicht schon aufgehoben werden können.

 

2. Damit hängt auch zusammen, daß die genannten Gesetzestexte zwar als Appellations­instanz für eine moderne Unterrichtsgestaltung angesprochen werden können, durch viele andere legistischen Regelungen und Vorschriften aber de facto konterkariert werden. Dazu zählen: die dienstrechtliche Stellung der Lehrer, die Spezifizierungen des Lehrplanes, die approbierten Lehrbücher, der Einfluß der politischen Großparteien auf Bestellung und Karriere der einzelnen Lehrer usw.

 

3. Konkret wird etwa das Verhältnis von Psychologie, Erziehungslehre und Philosophie im Lehrplan entgegen der ursprünglichen Intention so detailliert und interpretiert, als handle es sich um zwei bis drei verschiedene Fächer, die zufällig einen ähnlichen Gegenstandsbereich behandeln. Auch in der Lehrerausbildung wird auf eine Integration dieser Fachbereiche, vor allem in der Organisation von Studium und Universität, kaum Rücksicht genommen.

 

4. Die soziale Kompetenz, im Sinne des vorgeschlagenen zweiten Begriffs von Inter­disziplinarität, auf den Erfahrungshorizont der Schüler einzugehen, bzw. Prozesse der Selbstreflexion gemeinsam mit Lehrerkollegen, Eltern und Schülern zu organisieren, wird mit der derzeit gültigen Form der Lehrerausbildung kaum geschult. Konkurrenz­druck unter den Lehrern, Leistungsdruck unter den Schülern, Angst vor der “Einmi­schung” durch die Eltern usw. besorgen den Rest.

 

5. Auch die Installierung des Pädagogischen Begleitstudiums in der Lehrerausbildung hat die Reglementierung eines Rahmens, in dem etwa Schule und Universität nach wie vor als separate Institution operieren, mit den angeführten Schwierigkeiten bis heute nicht fertigwerden können.

 

Soweit es möglich ist, sollten folgende Gesichtspunkte die erst kürzlich auf einer gesamt-österreichischen Tagung [5] wieder aufgenommene Diskussion um die schul­praktische Ausbildung der Lehramtskandidaten bestimmen:

 

1. Universitätsausbildung und schulpraktische Ausbildung müssen stärker verzahnt werden. Zum Beispiel sollten sowohl die universitären Fachdidaktiker als auch die Betreuungslehrer in den Schulen die Möglichkeit praktischer Betätigung in beiden Institutionen wahrnehmen können; gemeinsame Lehrauftritte und Universitätsver­anstaltungen müßten gefördert werden.

 

2. Die interdisziplinäre Ausrichtung der Lehrerausbildung könnte auch in der verstärkten Integration von Erst- und Zweitfach weiterentwickelt werden; das gilt in besonderer Weise für das - an sich schon interdisziplinäre - Fach “Philosophischer Einführungsunter­richt”.

 

3. Der Schulung und Entfaltung sozialer Kompetenz und Sensibilität ist - vor allem im Hinblick auf den Grundsatzerlaß“Politische Bildung” - ein gewichtiger Stellenwert einzuräumen. Gruppenpädagogische Seminare, Projektstudienmodelle usw. sollten sowohl in der universitären Ausbildung als auch in der Lehrerfortbildung aufgewertete und verstärkt angeboten werden.

 

 

 

4. Das Modell des “Philosophischen Einführungsunterrichts” in Österreich muß grundsätzlich überdacht und gemeinsam mit allen Beteiligten und Betroffenen diskutiert werden. Wir schlagen vor, diese Diskussion auch in der “Zeitschrift für Didaktik der Philosophie” zu eröffnen, und bitten deshalb alle österreichischen Philosophielehrer, uns ihre Erfahrungen mit der Praxis des Philosophieunterrichts, mit den Möglichkeiten und Chancen interdisziplinärer Arbeitsformen in den vorgeschlagenen Bedeutungen, ebenso mit den Schwierigkeiten einer Verwirklichung der zitierten Gesetzesregelungen usw. zur Veröffentlichung zu übersenden.


[1]            Bundesgesetzblatt 295 v. 24.8.1967, S. 1817 ff.

[2]            ebda.

[3]          Grundsatzerlaß“Politische Bildung in den Schulen”, in: Freie Lehrerstimme, Jahrgang 84 (1978), Heft 1.S.11 ff.

[4]            BmfUuK, Zl.33464/15-19a/78 vom 3.7.1978.

[5]           Gesamtösterreichische Tagung “Schulpraktikum” vom 21.23.11.1979 an der Universität für Bildungswissenschaften in Klagenfurt

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