Helmut Stockhammer

Herren und Knechte
In: Academia, Heft 9, Juni 1970, Wien

 

Ihr Reichen, was bildet Ihr Euch auf Eure Almosen ein, Ihr gebt doch nur einen Teil von dem zurück,
was Ihr den Armen genommen habt.”

Hl. Ambrosius

Zit. In Populorum Progressio

 

 

Unter Entwicklungsländern versteht man Staaten mit sehr niedrigem Pro-Kopf-Einkommen und entsprechend geringem Ausbau der Infrastruktur (fehlendes Bildungs-, Gesundheits-, Transport-, Nachrichten- und Wohnungswesen). Entwicklung bedeutet also nicht, wie viele irrtümlich meinen und wie es auch die Initiatoren der „Weltentwicklungsdekade“ gehofft hatten, dass sich der Abstand zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern verringert. Entwicklungsländer sind vielmehr jene Länder, die sich im Verhältnis zur Ersten Welt, zu Europa und Amerika, immer weniger entwickeln.

 

Marionetten. Es gibt viel Heuchelei in der „Entwicklungshilfe“ der reichen Nationen. Zynisch werden Gelder, die für militärische Interventionen gegen nationale Befreiungsbewegungen – etwa in Vietnam oder in der Dominikanischen Republik – aufgewendet werden, als „Hilfe“ bezeichnet. Gelder, die zur Aufrechterhaltung der Einflusssphäre in Politik und Wirtschaft der Gliedstaaten des Britischen Commonwalth, der Communante Francaise oder von den Vereinigten Staaten in Lateinamerika aufgebracht werden. Denn wie immer sich diese „Unterstützung“ äußert, ob als massive „brüderliche russische Hilfe“ oder als gezielte Stärkung einer Diktatur wie der in Brasilien – die Gründe sind nur zu oft Selbstsucht und nationaler Egoismus, die Folgen politische und wirtschaftliche Unfreiheit, soziales Elend und ein Defizit von etwa vie Milliarden Dollar für die Entwicklungsländer in der Zahlungsbilanz zwischen Dritter und Erster Welt.

Ein Kapitalstrom wird in Entwicklungsländer gepumpt und ergießt sich über willfährige Marionettenregierungen. Amerika, Europa und Russland beherrschen in einem weltweiten System wirtschaftlicher, politischer und kultureller Abhängigkeit die Welt. Nichtproduzierende eignen sich fremde Arbeitsleistungen an, die Gewinne fließen ins Ausland. Auf Grund ihrer schwachen Ausgangspositionen und ihrer Zersplitterung sind die Entwicklungsländer nicht in der Lage, gegen Monopole eine angemessene Gegenkraft zu bilden, um den Anteil am Produkt ihrer Arbeit zu erhalten. Herrschaftsverhältnisse bilden ein System außerökonomischer Herrschaftssicherungen. Wenn sie im Lauf der Entwicklung auch teilweise wieder aufgehoben wurden – der Neo-Kolonialismus als Ausbeutungsverhältnis blieb bestehen. Ölgesellschaften und die Fruit-Companies dominieren die Wirtschaften, einige internationale Trusts bestimmen das wirtschaftliche Geschehen. Fremde Normen und die fremde Sprache suggerieren den „Eingeborenen“ durch Schulen, Zeitungen, Bücher Massenmedien durch die christlichen Missionen ihre Minderwertigkeit. Damit wird das rassistische Stereotyp vom Kolonisierten selbst übernommen.

Auf dieses Dilemma reagiert er, wie der algerische Psychiater Frantz Fanon nachwies, mit Kompensation, Überanpassung und schließlich Selbsthass.

Hilfe bringt einzig jene Art von Unterstützung, die nicht das Wohl herrschender Eliten im Auge hat, sondern das Wohl des Entwicklungslandes selbst. Die Einstellung, die der herrschenden Weltmoral diametral entgegensteht, hat ihre Wurzeln im Christentum und in verschiedene philosophischen Humanismen. Doch Gedanken dieser Art –in der Enzyklika Populorum Progressio wurde sie überaus scharf formuliert – sind gegenwärtig nicht sehr gefragt. Nur wenige Menschen sind, wie der Erzbischof Dom Helder Camara, gewillt, moralischen Druck gegen die Herrschenden und Ausbeutenden zu üben.

 

Kampflos akzeptiert. So griffen die Entwicklungsländer zur „Selbsthilfe“ und entwickelten Modelle für revolutionäre Strategien und nationale Befreiungsbewegungen: Frantz Fanon wendet Marxsche Kategorien auf das Verhältnis von „Kolonialherr“ und „Kolonialknecht“, sein Entfremdungsbegriff kommt der Marxschen Analyse der „Frühschriften“ nahe: Entfremdung des Menschen von seinen Möglichkeiten. Das „Hier und Jetzt“ der Armut der Kolonialisierten, ihre Frustrationen, ihre völlige Entfremdung von der eigenen Geschichte, Kultur und Sprache, ihre psychosomatischen Erkrankungen und ihre Kriminalität ist zu negieren im Hinblick auf die tendenzielle Aufhebung der Entfremdung.

Die Entfremdung als Unmöglichkeit, sich selbst und seine eigenen Potentialität zu erkennen und entfalten zu können, hat immer zugleich ökonomische und intellektuelle Aspekte. Diese intellektuelle Entfremdung, die sich insbesondere in der Identifikation mit dem rassistischen Stereotyp manifestiert, wird durch Fanons psychologisch-therapeutischen Ansatz gut beschrieben: Der Weiße hat den Schwarzen kampflos akzeptiert, als er die Sklaverei abschaffte, die wirkliche Befreiung hat jedoch nie stattgefunden, weil sich der Neger nicht selbst befreit hat. Er ahmt den Weißen nach, ist auf ihn fixiert. Diesen Spannungen sucht er durch Mythen, überdurchschnittlich hohe Kriminalität und psychosomatische Erkrankungen zu entfliehen.

Bei Fanon wird jedoch der materielle Arbeitsprozess, die Chance der Aufhebung der Entfremdung durch Arbeit, zugunsten des psychologischen Emanzipationsprozesses durch Gewalt vernachlässigt. Fanons Analyse hat einen Gewaltbegriff ausschließlich emanzipatorischer Art; er versteht Gewalt als Gegengewalt, als Gewalt gegen die Bajonette der Kolonialherren.

Die von Mao-Tse-tung entwickelten Theorie des Guerillakrieges, die von Castro und Guevara und von vielen anderen Theoretikern und Praktikern der Revolution übernommen und für nationale Notwendigkeit adaptiert wurde, ist die militärische Seit einer solchen revolutionär-emanzipatorischen Theorie.

 

Gangbarer Weg. Eine andere Guerillaorganisation ist die „Tupamaro“ in Uruguay. Das bisher einzige Dokument, das über diese Bewegung besteht, kennzeichnet die Ziel dieser Organisation wie folgt:

„... die revolutionäre Aktion an sich, die Tatsache selbst, sich zu bewaffnen, sich vorzubreiten, die Dinge voranzutreiben, die bürgerliche Legalität zu verletzen, schafft revolutionäres Bewusstsein, Organisation und revolutionäre Bedingungen“.

Die „Tupamaro“ zählt etwa 1000 Mitarbeiter und Sympathisanten, die ihrer Herkunft nach aus der Mittel- und Oberschicht stammen. Sie sind konspirativ organisiert und arbeiten in Kleingruppen von fünf bis zehn Personen: „Drei Männer und eine Frau betreten durch den Haupteingang die Bank ‚Finanziera Monty’. Höflich, doch bestimmt, drohen sie dem Personal, fesseln es, entwenden die Geschäftsbücher und das vorhandene Geld. Die vier Personen kennen sich bestens aus, sie wissen, wo die Schlüssel liegen, welche Aktenordner wichtig sind. Nach wenigen Minuten verlassen sie das Haus. Die ‚Finanziera Monty’ hatte offensichtlich kein Interesse daran, Polizei und Öffentlichkeit von dem Vorfall in Kenntnis zu setzen – sie schwieg. Dafür wandte sich die Organisation ‚Tupamaro’ an die Presse und erklärte, dass sie für den Überfall verantwortlich sei und dass ihre Spezialisten dabei seien, die Geschäftsunterlagen der Bank zu überprüfen – um die Korruptheit der Oligarchie und des Staatsapparates zu beweisen. Die ‚Tupamaro’ werde sodann das gesamte Material der Justiz übergeben, damit die bestehenden Gesetze Anwendung finden können.“

 

„Vielleicht“ so meinte ein Agitator in Lateinamerika, „vielleicht ist nach dem Scheitern Debrays und Guevaras die ‚Tupamaro’ in der Lage, einen gangbaren Weg für die Revolution in Lateinamerika zu erproben.“

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