RICHARD HEINRICH / HELMUT STOCKHAMMER

 

Zur pädagogischen und fachdidaktischen Ausbildung

an “Allgemeinbildenden höheren Schulen” in Österreich

 

Die seit dem Frühjahr 1977 mit einem Durchführungserlaß verbindlich geregele päd­agogische und fachdidaktische Ausbildung der österreichischen Lehramtskandidaten gliedert sich in drei Teile:

 - die allgemeine pädagogische Ausbildung

 - die fachdidaktische Ausbildung

 - die schulpraktische Ausbildung

 

Die allgemeine pädagogische Ausbildung umfaßt einführende Lehrveranstaltungen über Pädagogik, Didaktik, Psychologie, Soziologie. Sie wird durch einen eigenen Studienplan geregelt. (Insgesamt sind 10 Wochenstunden im Laufe des Studiums zu absolvieren.)

 

Die fachdidaktische Ausbildung wird im Studienplan für die einzelnen Studienrichtun­gen vorgeschrieben, fällt also gleichsam “unter die Hoheit der Fächer”. In ihrem Zu­sammenhang müssen absolviert werden: Einführung in die jeweiligen Lehrpläne der Schulen; fachdidaktische Seminare, und in Verbindung mit diesen schulpraktische Lehrveranstaltungen (mit Schulbesuchen und Exkursionen). Insgesamt sind (nach Maßgabe der Studienrichtungen) 6 - 12 Wochenstunden zu inskribieren.

 

Die schulpraktische Ausbildung bringt ein zwölfwöchiges Praktikum, das in eine Ein­führungsphase (acht Wochen) zerfällt. Das Praktikum, das den Kern der pädagogischen Ausbildung bildet, darf frühestens im ersten Semester des zweiten Studienabschnittes, also im fünften Semester, absolviert werden, sollte aber spätestens im sechsten Semester abgeschlossen werden. Die Übungsphase läuft ausschließlich an der Schule, und soll selbständige Lehrauftritte der Studenten beinhalten; für Gruppen von höchstens vier Studenten steht ein Betreuungslehrer zur Verfügung. Die Einführungsphase wird nur in einem (von zwei) Fächern absolviert und beinhaltet: Unterrichtsbeobachtung und -analyse, Übernahme von Teilaufgaben im Unterricht usw.  Ein Teil der Einführungs­phase wird an der Universität verbracht, und zwar in Plenarsitzungen, an denen Studen­ten, Betreuungslehrer und Pädagogen der Universitätsinstitute teilnehmen. Zweck dieser Konstruktion ist die Koordination schulischer und universitärer Ausbildung. Demselben Ziel entspricht die obligate Verlegung zweier weiterer Veranstaltungen in das fünfte Semester: einer allgemeinen Einführung in die Didaktik (aus dem Bereich: allgemeine Pädagogik), und einer Übung zur Unterrichtsplanung (aus dem Bereich. Fachdidaktik).

 

Für die Zeit des Praktikums ist der Studierende der Schulbehörde disziplinarrechtlich unterstellt. Lehrer, die ein Schulpraktikum leiten, treten in den Rang von Universitäts­lektoren. Die Studierenden werden vom Praktikumsleiterüber das Schulpraktikum beurteilt. Der Student ist berechtigt, Anträge über den Ort, an dem er das Praktikum absolvieren will, zu stellen, denen nach “Maßgabe der Möglichkeiten” entsprochen werden soll.

 

 

Es leuchtet ein, daß diese Form der pädagogischen Ausbildung von Lehramtskandidaten schwere Probleme birgt, auf die vor allem von der Österreichischen Hochschülerschaft - zuletzt mit Streikaktionen im Frühjahr 1978 - hingewiesen wurde. Genannt werden:

- die ungeheure Vermehrung der Pflichtstunden und die Verschulung des Studienganges,

- die Konzentration zu einem Block am Anfang des zweiten Studienabschnittes, eine zwangsläufige Unterbrechung der Kontinuität der Fachstudien.

 

Die Philosophische Propädeutik hat an den österreichischen Gymnasien [1] eine lange, und nur in den Jahren 1938 - 45 unterbrochene, Tradition. Aber die verschiedenen Revisio­nen der Lehrpläne (1884; 1909, 1927, 1934, 1946; 1967) lassen sich am ehesten als Reaktionen auf die Image-Wandlungen der Philosophie im bildungsbürgerlichen Be­wußtsein verstehen und haben insbesondere der Strukturierung des eigentlichen Faches “Philosophie” (im Gegensatz zu Psychologie, Erziehungslehre und Logik) wenig Auf­merksamkeit geschenkt. Seit 1973 wird allerdings in einer eigens dazu installierten Projektgruppe an einer Reform des Philosophie-Lehrplanes nach akutellen curriculum­theoretischen Prinzipien gearbeitet. In diesem Zusammenhang eröffnet die bisher refe­rierte Reform der Lehrerausbildung die Möglichkeit, ein neues Curriculum auch von der Seite seiner Rezeption durch die künftige Lehrerschaft, sowie von der didaktisch-metho­dischen Seite her vorzubereiten.

 

Unter Berücksichtigung dieser Prämisse wurde die Aufgabe der Fachdidaktik, wie sie von der neuen pädagogischen Lehramtsausbildung vorgeschrieben wird, am Institut für Philosophie an der Universität Klagenfurt möglichst weit gefaßt: über die Gestaltung von Stundenbildern hinaus wurde etwa auf die vorgreifende Reflexion zu erwartender Verarbeitungsprozesse, auf die Erwartungskomplexe und auf den variablen pragmati­schen Erfahrungshorizont der Schüler Wert gelegt. Zugleich soll aber die Fachdidaktik auch die Übungsphase der direkten Lehrauftritte vorbereiten und einen Teil der effekti­ven Planungsarbeit dafür übernehmen. Die Erfüllung der beiden Aufgaben ist in der Praxis sehr schwierig. Ein Hauptgrund: das große (und legitime) Interesse der Studen­ten, in dieser Lehrveranstaltung möglichst alle, und nicht nur die planerischen, Aktivitä­ten des Unterrichtens übend vorwegzunehmen - am besten in der Gestalt vn Unterricht­simulation. In der Reflexion dieses Bedürfnisses trägt die Veranstaltung auch den allgemeinen Obertitel “Schulpraktische Übungen”. Es ist aber kaum möglich, diese übergreifende Funktion angemessen wahrzunehmen, zumal dabei oft die eigentlichen fachdidaktischen Probleme aus dem Blick geraten. Die allgemeine Einführung in die Didaktik befaßt sich zwar mit den einschlägigen Fragen, doch eher - der Absicht nach - auf theoretische Art. Und in der Einführungsphase ist ebenfalls kaum Gelegenheit, auf individuelle Probleme einzugehen.

 

 

Ein anderer Problembereich dieser Lehrveranstaltungen ergibt sich daraus, daß sie für viele Studenten die erste Auseinandersetzung mit der Fachdidaktik ist. Das bedeutet, daß notgedrungen allgemeine Prinzipien der Fachdidaktik thematisiert werden müssen, die für die spezielle Problematik der Unterrichtsplanung eigentlich vorauszusetzen wären; beispielsweise:

-             Reflexion auf das Verhältnis philosophischer Theoriebildung zum Alltagswissen und zum Kanon des Schulcurriculums

-             Grundlagen der thematischen Strukturbildung im Unterricht

-             allgemeine Reflexion auf Lehre und Lernen in der Philosophie

-           die Stellung des philosophischen Einführungsunterrichts im gesamten Fächerka­non der Schule

 

Das Problem der drohenden Vielfalt unterschiedlicher Zwecksetzungen, die Gefahr des ausufernden Theoretisierens in einer praktisch orientierten Lehrveranstaltung sollte sich jedoch beheben lassen durch eine spezielle Denomination der sechs Stunden vorge­schriebener Fachdidaktik etwa nach folgenden Muster:

 

1. Studienabschnitt:Einführung in die Fachdidaktik (allg.)

5. Semester:                            Unterrichtsplanung (praktisch)

2. Studienabschnitt:Offene Veranstaltung zur Aufarbeitung der Erfahrungen im Prakti­kum

 

Noch unabhängig von einem inhaltlichen Konzept der Fachdidaktik der Philosophie verfolgen wir einige Prinzipien, die sich gleichsam als Verstärkung gewisser, durch das Organisationsschema bedingter Momente darstellen:

 

1. Eine möglichst weit gehende Kooperation mit den Lehrern, die die Studenten im Praktikum betreuen, d.h. Zusammenarbeit von Lehreren und Universitätsangehörigen nicht nur in der Einführungsphase des Praktikums, sondern möglichst auch in der Lehrveranstaltung zur Unterrichtsplanung und über das fünfte Semester hinaus. Damit wird beabsichtigt:

- eine kontinuierliche Betreuung der Studenten im fünften Semester durch die ver­schiedenen Veranstaltungen hindurch, so daß eine koordinierte Erfahrung in den ver­schiedenen, vom Zeitausmaß ja sehr belastenden Kursen möglich ist;

- die Intensivierung der Kontakte zwischen Universitätsangehörigen und der Lehrer­schaft überhaupt;

- Herstellung einer Basis für individuelle oder organisierte Projekte einer interessenver­pflichteten Lehrerfortbildung.

 

2. Speziell in der Unterrichtsplanung wird ein Schwerpunkt auf die Frage des Medien­einsatzes gelegt. Hierher gehören: Schulbuchkritik; Anweisungen für den Gebrauch nicht approbierter Materialien (etwa Originaltexte); Möglichkeiten und Voraussetzungen für den Einsatz audiovisueller Unterrichtsmittel in der Philosophie usw.

 

 

3. Auf längere Sicht soll ein Schwerpunkt im Bereich der Entwicklung von Unterrichts­materialien gebildet werden - in dem Sinn, daß etwa aus den Lehrveranstaltungen zur Unterrichtsplanung kooperativ zusammengestellte Unterlagen zu größeren Themen­bereichen hervorgehen. Erster Schritt in dieser Richtung ist die Anlage eines Archivs zum Philosophieunterricht.

 

Die Frage der inhaltlichen Gestaltung der Fachdidaktik Philosophie soll in einer Fortset­zung dieses Artikels in einem der nächsten Hefte erörtert werden.

 

 

 

 

 


[1]           Der philosophische Einführungsunterricht wird an den österreichischen Gymnasien im allgemeinen zwei Jahre lang erteilt, und zwar in den letzten beiden Jahren vor Schulabschluß durch die Reifeprüfung (Abitur). Im ersten Jahr werden Psychologie und Erziehungslehre, im zweiten Jahr Philosophie, insbesondere Logik, im Ausmaß von jeweils zwei Wochenstunden unterrichtet.

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