2.4. DIE PSYCHOLOGISCHEN THEORIEANSÄTZE UND IHRE SOZIOLOGISCHEN DIMENSIONEN


Bereits bei der Beschreibung der Phasen des kreativen Prozesses wurde deutlich, dass sowohl der Entdeckungszusammenhang einer These oder einer anderen Kreation, als auch der Verwertungszusammenhang und der schöpferische Prozess selbst von sozialen Prozessen und Sozialisationsprozessen (Sprachsozialisation, Identitätsbildung, usw.) zumindest indirekt abhängen. Diesen sozialen Abhängigkeiten der Kreativität soll in diesem Kapitel noch nicht näher nachgegangen werden.

Zwar ist fester Bestandteil der Ergebnisse, auch der psychologischen Kreativitätsforschung, die ja gerade, wo sie erklärungskräftige Theorien lieferte, zumindest mikrosoziologisch, das heißt sozialpsychologisch orientiert ist, dass die Umwelt insbesondere bei der Entwicklung und bei der "Praktizierung" der Kreativität den größten Einfluss hat, aber dennoch scheint es auch im  Hinblick auf eine soziologische Theorie der Kreativität rechtfertigbar, den individualpsychologischen terminologischen Entsprechungen der Rollensysteme nachzugehen(28).

Auf diese Parallelitäten kann in diesem Kapitel  nur fallweise eingegangen werden, obwohl eine vergleichende interdisziplinäre Untersuchung der Begrifflichkeit beider Wissenschaften und ihrer Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Schöpferischen grundlegend wäre, insbesondere für eine Theorie des sozialen Wandels.

In der vorliegenden Untersuchung wird nach einer begrifflichen Klärung im  Hinblick auf die Fassung des Begriffs in den einzelnen psychologischen Schulen  versucht, aufgrund des Sozialisationsaspektes der Kreativität und seiner empirischen Erforschung einen Begriff von sozialer Kreativität zu entwickeln, der es erlaubt, wesentlich differenzierter den Vermittlungen von kreativer Persönlichkeit und kreativer Gruppe durch spezifische Qualitäten von  Rollensystemen und Rollenträgern auf die Spur zu kommen als es der Begriff der  "Umwelt" oder der der "interpersonalen oder Kulturtheorie" der Kreativität vermag.

Nicht wegen, sondern trotz der gebotenen Vereinfachung wird aus der Weiterführung der Begriffsbestimmung durch die Darstellung der einzelnen Schulen  klar, wie notwendig eine Analyse sowohl der Sozialisationsbedingungen ist, als auch, was "Verhaltenskreativität" bei der Gestaltung der Sozialbeziehungen heißen könnte.

Die psychoanalytische Theorie der Kreativität soll bereits unter den soziologischen Kreativitätstheorien, welche wiederum unter sozialisationstheoretischem Gesichtspunkt zusammengefasst sind, behandelt werden.

In der Folge sei der für die psychologistische Betrachtungsweise typische assoziationstheoretische Ansatz von Mednik und Maltzmann behandelt. Weiters wird  die existentialistische Theorie der Kreativität Rollo Mays und die  "intellektuelle oder Übertragungstheorie" der Guilford-Schule in ihren  wesentlichen Grundzügen beschrieben.

Jenen Ansatz, den Ulmann in verkürzender Weise als "Denkpsychologischen Ansatz" bezeichnet, hat der Verfasser in dieser Arbeit unter dem Thema "Phasen des kreativen Prozesses" abgehandelt. Gerade die Beschreibung des kreativen Prozesses zeigte, wie sich dieser nicht  "denkpsychologisch" individualistisch fassen lässt.

Die Gestalttheorie der Kreativität, die in der Tradition von Wertheimer und Köhler steht, versucht bereits in ihren zeitgenössischen Vertretern, gerade auch  in der aus ihr entstandenen Gruppendynamik auf die Wechselwirkungen von Personen, Prozess und umgebender und sich im Individuum "speichernder" Gruppe  einzugehen.

Noch stärkere Betonung auf die Persönlichkeit und ihre Abhängigkeit vom  Mitmenschen, von der Umgebung und der Kultur legt nach einer Bezeichnung von  Erika Landau(29) die "interpersonale oder Kulturtheorie der Kreativität". Dieser "Schule" werden in dem Werk "Psychologie der Kreativität" alle jene großteils sehr verschiedenen Autoren zugerechnet, die keiner der vorher erwähnten Schule zugehören. Die Hilflosigkeit und Überforderung bei der Zurechnung zu dieser  "Schule" ist nur ein Reflex der undifferenzierten Betrachtungsweise der sozialen Determinanten der Kreativität durch die Psychologie. Dieser "Theorie" werden  dann Autoren wie Adler, Moreno, Fromm, Rogers, Tumin, Matussek, Stein, Murphy, Anderson, Mead und Moustaks zugerechnet. Trotz der Heterogenität der Ansätze  sollen die Grundkonzepte der einzelnen interpersonal orientierten Theorien  referiert werden, doch ist es aus den angegebenen Gründen sinnvoller, von kulturellen und interpersonalen Aspekten in den psychologischen Schulen zu sprechen.



2.4.1. ASSOZIATIONSPSYCHOLOGISCHE ANSÄTZE

Den Beitrag zur Assoziationspsychologie der Kreativität haben Mednick und  Maltzmann(30) geliefert. Ersterer definiert Kreativität als eine Umformung assoziativer  Elemente zu neuen Kombinationen, die spezifischen Forderungen entsprechen oder  auf irgendeine Weise nützlich sind. Je entfernter die Elemente der neuen Kombination voneinander sind, umso kreativer ist der Prozess oder die Lösung. Inhaltsanalytische Arbeiten anhand von Beschreibungen kreativer Individuen über den kreativen Prozess bringen Mednick dazu, festzustellen, dass jeder Zustand des  Organismus, der die nötigen assoziativen Elemente in der "Ideen-Kontiguität"  (räumliche und zeitliche Berührung von Vorstellungen) bringt, die Wahrscheinlichkeit der kreativen Lösung erhöht."(31) Weiters unterscheidet er drei Arten der kreativen Assoziation zu gelangen, die wiederum zu neuen Entdeckungen führen. In gerade diese Form der kreativen Assoziation verweist Mednick nach Ansicht des Verfassers auf das durch soziale Determinanten wesentlich mitbestimmte Angebot von Lernmöglichkeiten. So ist beispielsweise eine wesentliche Bestimmungsgrundlage des Möglichkeitsraums der Unterschicht-Subkultur die Tatsache des Arbeiterdaseins. Nur kurz kann auf einige der Umweltfaktoren eingegangen werden, auf deren Hintergrund "durch Zufall der Umgebungs-Kontiguität zu kreativen Assoziationen" gelangt werden  kann. Die Situation am Arbeitsplatz ist, vereinfachend gesagt, gekennzeichnet  durch den Umgang mit Dingen (statt mit Personen oder Symbolen), durch Fremdbestimmung der Arbeit (durch standardisierte Vorschriften, beziehungsweise direkte Überwachung), repetitive und monotone Maschinenarbeit, durch besonders hohe physische und nervliche Belastung, durch Schicht-, Akkord- und Bandarbeit, beziehungsweise durch Schmutz und Lärm sowie durch relativ geringe Aufstiegsmöglichkeiten.

Auch die häusliche Umgebung lässt sich, überspitzt charakterisiert, als kreativfeindliche bezeichnen. Überfüllte und hygienisch oft nicht zureichende  Wohnungen, das Fehlen einer abgeschlossenen "Privatsphäre", mangelhafte Ausstattung der Wohnung mit stimulierenden Gegenständen (monotone  Wohnungseinrichtung, wenig adäquates Spielzeug, beschränkte Möglichkeit, schon  im frühen Alter zu lernen, mit später wichtigem Kulturwerkzeug wie Bleistiften, Büchern, Zeichenpapier, usw. umzugehen) kennzeichnen für bestimmte Schichten die kreativitätsanregende Umgebung. Von den in der Unterschicht weitgehend auf den Rahmen der Familie eingeschränkten Sozialbeziehungen und den daraus entstehenden Rollenerfahrungen und Vorbildern an anderer Stelle gehandelt werden.

Weiters unterscheidet Mednick "Ähnlichkeit" und "Vermittlung" als Arten der kreativen Assoziation. "Ähnlichkeit" kann in der Kontiguität von Worten,  Rhythmen, Strukturen und Objekten für die künstlerische Kreativität förderlich  sein.

"Vermittlung" durch Symbole wie in der Mathematik, Chemie und anderen Wissenschaften kann ebenfalls zu neuen  Assoziationen anregen. Die individuellen Unterschiede der Kreativität beruhen auf der Fähigkeit des Individuums, "remote associations", das heißt, entfernte  Assoziationen oder solche, die wenig miteinander gemeinsam haben, hervorzubringen.

Auf dieser Basis entwickelte sich Mednick seinen "Remote Association Test" der, wie Landau ausführt, das Bedürfnis nach assoziativen Elementen, die  assoziative Hierarchie, die Anzahl der Assoziationen, kognitive oder  Persönlichkeitsfaktoren und die Selektion der kreativen Kombinationen messen soll. Dieser Test dient zur Vorhersagbarkeit der Kreativität. Die Kriterien, an  denen sie gemessen wird, sind Originalität und statistisch seltenes Vorkommen der Assoziationen. Die angeführten Forschungen von Maltzmann(32) hatten zum Ziel, Faktoren herauszufinden, die die Originalität und die Assoziationsbereitschaft fördern.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass der wichtigste Beitrag der  Assoziationstheorie zur Erforschung der Kreativität der "Remote Association  Test" (RAT) ist. Weiters scheint mir die Möglichkeit gegeben, verschiedene Kreativitätstechniken in diese Theorie zu integrieren, um die Frage nach der  Steigerung der Kreativität theoretisch fundiert beantworten zu können. Der Begriff "serendibity" erfordert in besonderer Weise von einer umfassenden  psychosozialen Theorie der Kreativität näher spezifiert zu werden.



2.4.2. DIE EXISTENZIALISTISCHE THEORIE DER KREATIVITÄT


Dieser Gruppe von Theoretikern sind, zumindest nach Landau(33), May und Schachtel(34) zuzuordnen. Diese Theorie  unterscheidet zwischen der Pseudo-Kreativität, die nur ein oberflächliches, ästhetisierendes Erlebnis vermittelt, und der wirklichen, "echten" Kreativität, die etwas Neues ins Leben ruft. Kreativität sei nur dann möglich, wenn das  Individuum seiner "Eigen-, Um- und Mitwelt" "begegnet". Die Intensität der Begegnung wiederum bedinge den Grad der Kreativität. So setzt Rollo May, einer  der bedeutendsten Vertreter dieser Schule, Kreativität überhaupt mit Begegnung gleich. Der Künstler kommuniziert intensiv mit der Landschaft, die er malen möchte, betrachtet sie aus verschiedenen Blickwinkeln und geht in ihr auf. Nur eine sekundäre Rolle spielen die Mittel, die er zum Ausdruck seines Erlebens für diese Begegnung ist nicht etwa eine willentliche Anstrengung, sondern der Grad  des Vertieftseins. Für May ist Kreativität nicht auf einen neurotischen Zug,  oder wie bei Adler auf die konstruktive Überwindung der Einsicht des Individuums in seine Unzulänglichkeit zurückzuführen, sondern für ihn ist Kreativität das Produkt der maximalen emotionalen Gesundheit. May entwickelte seinen Begegnungsbegriff aus seinem existentialistischen Konzept von Psycho- und  Soziotherapie her.

Mit der Kritik an dem herkömmlichen psychonanalytischen Konzept der Kreativität und dem Konzept der Begegnung von May stimmt Schachtel überein. Für ihn bedeutet das, dass das kreative Individuum der Umwelt gegenüber aufgeschlossen und dadurch rezeptiver und zur Begegnung prädisponiert ist. Der Kreativitätsbegriff meint in diesem Bezugsrahmen nicht die Befriedigung verdrängter Triebe (vergleiche etwa das Sublimationskonzept), sondern die Erfüllung des Bedürfnisses, mit der Umwelt zu kommunizieren. Die Formen der  Kommunikation des Subjektes mit dem Objekt (der Umwelt) finde nach Schachtel auf  zwei Wegen statt: dem subjektorientierten - autozentrischen und dem  objektorientierten - allozentrischen Weg. "Schachtel spricht von einem  'existenziellen Ringen' zwischen zwei Strebungen im Menschen: der Umwelt  gegenüber offen zu bleiben (allozentrische Wahrnehmung) einerseits und der Sicherheit in einer geschlossen, vertrauten Welt zu verharren (autozentrische Wahrnehmung) andererseits. Kreativität ist  der Sieg der allozentrischen, offenen Wahrnehmung über die autozentrische, in Gewohnheit eingebettete Perspektive."(35)

Auch bei diesem Ansatz zu einer psychologischen Theorie der Kreativität zu kommen, werden die komplexen Vermittlungsformen von Individuum und Sozialsystem, in denen das Individuum "begegnet" und kommuniziert, deutlich.

Zusammenfassend kritisiert K.H. Wolff, der einzige soziologische Vertreter der existenzialistischen Schule der Kreativitätstheorie, den gegenwärtigen Forschungsansatz in seiner wissenssoziologischen Untersuchung folgendermaßen: Sowohl die "Kreativität" wie der soziale Scientismus können auch als inadäquate Versuche gekennzeichnet werden, mit den Schwierigkeiten der gegenwärtigen Gesellschaft und dem mehr oder weniger ausdrücklichen Unbehagen an deren Zustand zurechtkommen. Beiden fehlt eine der Grundlagen eines entsprechenden adäquaten  Versuchs: eine Theorie dieser Gesellschaft oder zumindest das Bewusstsein der Relevanz einer solchen Theorie.

Ein wesentlicher Zug der Betonung von "Kreativität" ist die Opposition gegen das zwanghafte, oft kompulsive Abbrechen (closure) der Forschung, wie sie der Scientismus praktiziert und gern allgemein erzwingen würde. Doch ignoriert sie ihrer eigenen Zielsetzung nach historische und soziologische Analyse. Damit  bedeutet sie die Flucht vor eben der Wirklichkeit, als Protest gegen die sie  entstand. Beschäftigung mit Kreativität ist politisch harmlos und kann daher von jedem politischen System toleriert und genutzt werden.(36) In der Folge kommt er noch einmal auf die Parallelität von Kreativitätsforschung und szientistisch verstandener Sozialwissenschaft zurück.

"Dieses Vermeiden von 'Werturteilen' aber ist ein  Merkmal des sozialen Scientismus. Er macht die Sozialwissenschaft, die es praktiziert, politisch so harmlos und daher so akzeptabel oder doch wenigstens  tolerabel, wie die Beschäftigung mit der Kreativität das tut. Eine derartige  Sozialwissenschaft ist vortheoretisch, da sie noch nicht die Notwendigkeit einer  Theorie der Gesellschaft gestoßen ist, die der Kreativität selbst angemessen wäre."(37) Doch gerade diese Theorie der Gesellschaft im Hinblick auf die Beschäftigung mit dem Phänomen der Kreativität und die Entwicklung eines Begriffs von Verhaltenskreativität bleibt der Autor uns schuldig.



2.4.3.DIE ÜBERTRAGUNGSTHEORIE DER KREATIVITÄT

Guilford(38) spricht von einer intellektuellen Theorie der Kreativität, die er in den Arbeiten von Spearman und Thurstone bereits vorzufinden glaubt. Er meint, dass das kreative Individuum durch den intellektuellen Drang motiviert sei, Probleme zu suchen und ihre Lösung zu finden. Obwohl im Kapitel "Untersuchungsergebnisse zur schulischen Sozialisation kreativen Verhaltens" noch näher auf das Verhältnis von Kreativität und Intelligenz eingegangen wird, muss an dieser  Stelle bereits kurz auf das von ihm entwickelte Modell der "Struktur des  Intellekts" eingegangen werden. Das Modell besteht aus drei Dimensionen, in denen die Faktoren der Operationen (Denken, Erinnern, usw.), des Inhaltes (verbal, symbolisch, usw.) und des Produktes (Einheit, Klassen, Systeme, usw.) liegen. Wird - so kann in etwas abkürzender Weise gesagt werden - ein operativer  Faktor auf einen inhaltlichen angewendet, ergibt sich ein Produkt. Der Autor meint weiters, dass es dabei nicht wichtig sei, auf welchem Gebiet man Kreativität entwickelt. Für ihn ist sie ein Moment des Lernens. Das kreative Individuum erfasst neue Informationen oder bringt alte Informationen in neue  Beziehungen.

Auch Guilford unterscheidet Lernen nach einem allgemeinen und einem spezifischen Aspekt. Der letzte ist, so führt Landau aus, einzig für eine spezifische Aufgabe geeignet und daher nicht übertragbar, während der allgemeine auf eine andere Aufgabe übertragbar ist. Der Schlüssel zu  dieser Übertragung ist die Ähnlichkeit (similarity). Die Ähnlichkeit der intellektuellen Aufgaben besteht in der Gemeinsamkeit verschiedener Faktoren der Operationsmöglichkeiten, des Inhalts und des Produkts.

Je mehr gemeinsame Faktoren, umso größer ist die Übertragbarkeit. Kreativität gehört zu den allgemeinen Aspekten des Lernens und ist daher auf andere Gebiete oder Aufgaben übertragbar. Für unsere Untersuchung besonders bedeutsam ist, das Guilford neben figuralen, symbolischen, semantischen, auch den Verhaltensaspekt als einen möglichen Denkinhalt postuliert.

Unabhängig von Guilford kam Lowenfeld(39) bei künstlerisch Kreativen durch Faktorenanalyse zu denselben Ergebnissen wie dieser bei wissenschaftlich Kreativen. Aus Lowenfelds Untersuchungen wird deutlich, dass die Entwicklung der künstlerischen zur allgemeinen Kreativität führt. In diesem Punkt unterscheidet er sich von Guilford, der glaubt, dass das Gebiet, auf dem Kreativität gelernt wird, keine Rolle spielt, da sie auf alle anderen Lernbereiche übertragen werden kann. Lowenfeld unterscheidet zwischen vier Faktoren und vier Fähigkeiten, die er als Kriterien für kreative Persönlichkeit ansieht. In der Folge seien die vier Faktoren (Sensitivität für Probleme, Variabilität, Flexibilität und Originalität) in der gebotenen Kürze beschrieben, da besonders für die Sozialisation des Kindes seine am Paradigma der künstlerischen Kreativität entwickelten Ideen bedeutend sind.


1. Sensitivität für Probleme.
Diesen Faktor hat Landau folgendermaßen beschrieben: "Kreative Menschen sind unter anderem ungewöhnlich empfindlich für alles, was sie sehen, hören, berühren und so weiter. Sie reagieren zum Beispiel intensiv darauf, wie sich ein Stück Holz oder ein Klumpen Ton anfühlen, Empfindungen, die weniger Sensitive nicht  kennen. Ein sensitives Kind versetzt sich zum Beispiel so stark in die  Personen, die es malt, dass es fühlt wie diese. Man kann die Bedeutung der Sensitivität, der Fähigkeit, die Probleme anderer Menschen, Kulturen, Rassen und Nationen gefühlsmäßig zu erfassen, nicht genug betonen."(40) Für uns ist in diesem Kontext  wichtig, dass Lowenfeld gefunden hat, dass in der Kunst die kreative Aktivität nicht nur zu einer sensitiven Offenheit für Farben, Formen und Oberflächen führt, sondern auch dazu, für Menschen und ihre Gefühle (social awareness) Sensitivität aufzubauen.


2. Variabilität
Variabilität der Gedanken und des Verhaltens ist eine weitere Eigenschaft des  kreativen Menschen. Ein Kind, das diese Eigenschaft besitzt, kann beispielsweise je nach seinem Bedürfnis, beim Zeichnen mit Kreide oder Bleistift variabel  arbeiten, indem es durch verschiedene Stellungen oder unterschiedlichen Druck die gewünschten Effekte erreicht. Genauso variationsreich wird ein solches Kind nicht nur mit Pinsel oder Ton, sondern auch mit Sprache und anderem Verhalten umgehen können. Lowenfeld versteht unter "fluency" dieselbe Fähigkeit, die  Guilford als "spontane Flexibilität" bezeichnet, und in dem sogenannten "Brick  Uses Test" misst.


3. Beweglichkeit
Jene Fähigkeit kreativer Menschen, die mit Problemen der möglichst raschen Anpassung umschrieben ist, nennt Lowenfeld Beweglichkeit. Flexible Kinder lassen  sich - zumindest wird das aus seinen Ausführungen deutlich - nicht dadurch aus  der Fassung bringen, dass auf einem Bild die Farbe verläuft. Sie verarbeiten dieses Missgeschick kreativ ohne frustiert zu sein, indem sie es in das Bild miteinbeziehen. "Malbücher etwa zerstören die Flexibilität eines Kindes, weil  sie es mit einer Serie von starren und stereotypen Umrissen konfrontieren. In einer Untersuchung ließ man Kinder Vögel zeichnen und erhielt Zeichnungen mit  vielen Einzelheiten wie zum Beispiel Federn, Füßen, Schnäbeln. Einige Wochen,  nachdem man den Kindern Malbücher mit schematisierten (V-förmigen) Vögeln gebeten hatte, zeichnete ein Drittel von ihnen auch Vorlage V-ähnliche Vögel."(41) In diesem Kontext ist es notwendig, darauf hinzuweisen, dass Stereotypisierungen ja nicht nur die Kreativität hemmen, sondern sie auch  steigern können.

So können Schemata - auch Verhaltensschemata - und ihre Beherrschung gerade dazu führen, mit ihnen zu spielen oder sie mit anderen Stereotypen und Mustern zu verbinden.


4. Originalität
Diese Fähigkeit wird beim zur Diskussion stehenden Autor als direkter  Gegensatz zu "Konformität" in Gedanken und Ausdruck verstanden. So geben kreative Studenten beispielsweise ungewöhnliche Antworten auf Fragen und finden für Probleme ausgefallenen Lösungen, die eher aus ihrer eigenen Vorstellung entspringen als etwas aus dem, was sie einmal gelesen oder gehört haben. Lowenfeld misst diese Fähigkeit, indem er seine Versuchspersonen möglichst viele unterschiedliche Verwendungszwecke für alltägliche Objekte finden lässt.

Zusammenfassend kann die Wichtigkeit dieses Ansatzes auch für eine soziologische Theorie der Kreativität nicht genug betont werden, weil sie die Übertragbarkeit der Kreativität betont. Diese wird aus einer Differenzierung eines allgemeinen und eines speziellen Aspektes des Lernens abgeleitet. Wie bereits festgestellt wurde, ist der spezifische Aspekt nur für spezifische Aufgaben geeignet, während der allgemeine auf andere Aufgaben übertragbar ist. Kreativität gehört demnach zum allgemeinen Aspekt des Lernens und ist daher übertragbar.

Kritisch im Sinne eines soziologischen Kreativitätsbegriffs wäre anzumerken, dass bei Guilford zwar als Denkinhalt der "Verhaltensaspekt" in seinem Modell  neben figuralen, symbolischen und semantischen Inhalten aufscheint, aber  kreative Fähigkeiten nur im Rahmen figuraler, symbolischer und semantischer Inhalte gemessen werden.

Abschließend ist es notwendig darauf hinzuweisen, dass zwar soziale Kreativität in den angegebenen Bereichen vorgeübt werden kann und beispielsweise künstlerische Kreativität auch einen Übertragungswert für andere Gebiete der Kreativität hat, dass sie aber nicht die einzige notwendige und hinreichende  Bedingung für soziale Kreativität ist.



2.4.4. GESTALTTHEORIE UND KREATIVITÄT


Gestaltpsychologische Erklärungen für das kreative Denken lieferten  insbesondere Duncker(42) und Wertheimer(43).

Ein Problem - der Ausgangspunkt des produktiven Denkens - entsteht nach  dieser Theorie dann, wenn ein Lebewesen ein Ziel hat und nicht weiß, wie dieses Ziel erreichen soll. Dieses Problem - ein antizipatorisches Schema - entspricht  einer offenen Figur. Es entsteht im Individuum ein Spannungszustand, der nach einer Lösung, einer geschlossenen Figur strebt. Der Denkende analysiert zuerst das Problem auf seine Gegebenheiten, er versucht die inneren Beziehungen von Form und Inhalt zu erfassen. Der gerichtete kreative Denkprozess wird ausgelöst, wenn die strukturellen Züge und Forderungen der Situation, das Prinzip, erkannt werden. Das Prinzip erkennen bedeutet in dieser Terminologie eine produktive Umformung des ursprünglichen Problems. Duncker vertritt die These, dass daraus Lösungsschritte resultieren, vermittelnde Prozessphasen, die nach rückwärts Lösungscharakter, nach vorne Problemcharakter besitzen, über die die Endform einer Lösung erreicht wird. Diese Endgestalt wiederum wird nicht in einem einzigen Schritt erreicht, sondern nach Erkennen des Prinzips wird in dessen  sukzessiver Konkretisierung die Endgestalt der betreffenden Lösung erlangt. Dieser Prozess ist eine folgerichtige Entwicklung und keine Endsumme additiver, zufälliger Operationen. Wertheimer sieht den Lösungsvorgang solcherart, dass die Situation in Richtung auf strukturelle Verbesserung verändert wird, Lücken und Störungen werden strukturell behandelt. Unter strukturellen Operationen versteht er beispielsweise Zusammenfassen, Umstrukturierung, Konzentrierung. Sie werden von Prägnanzprinzipien, wie den Gesetzen der guten Gestalt, der Nähe, der Gleichheit, usw. bestimmt. Produktives Denken (identisch mit kreativem) besteht nach der Gestalttheorie in der Lösung eines Problems, dass durch Einsicht und Erfassen dieses erreicht wird. Nur dann, wenn auch die Lücken im Ganzen ausgefüllt sind und dadurch Harmonie und Gleichgewicht wiederhergestellt sind,  kann man von einem kreativen Akt sprechen.

Produktives Denken besteht also aus der  Konfliktanalyse ("Warum geht es nicht?"), der Materialanalyse ("Was steht mir zur Verfügung?") und der Zielanalyse ("Was brauche ich und was kann ich  entbehren?").

Die gestaltpsychologischen Erklärungen des Denkprozesses standen zunächst im scharfen Gegensatz zu den historisch viel älteren assoziationstheoretischen  Konzeptionen. Allerdings zeichnet sich in den Theorien der amerikanischen Kreativitätsforscher eine Integration der gestaltpsychologischen und der assoziationstheoretischen Konzeption ab.



2.4.5. DIE INTERPERSONALE ODER KULTURTHEORIE DER KREATIVITÄT


Die soziologischen Gesichtspunkte der Untersuchung der Kreativität werden in dem einzigen systematischen deutschsprachigen Werk folgend charakterisiert:  "Diese Theorie legt besondere Betonung auf die Persönlichkeit in ihrer Abhängigkeit vom Mitmenschen, von der Umgebung und der Kultur"(44). Aus diesem Grund wird auch ein Teil der in der Folge angeführten interpersonalen Theorien der Kreativität von Arieti(45) als "cultural approaches" bezeichnet. Weiters ist sich der Autor darüber im klaren, dass in einigen der  bisher erwähnten Theorien zwar auch schon von der Umgebung gesprochen wurde,  jedoch diese nicht als Kernpunkt der Kreativitätsstimulierung angesehen wurde.  So glaubt FreudSee footnote 46 46, dass der Künstler durch sein Werk berühmt, geliebt (von Frauen) und reich werden will. Kris behauptet, dass, wo immer ein kreatives Werk auftaucht, auch  ein Publikum sehr wichtig ist, denn die Anerkennung der Umwelt ist für den Künstler notwendig. Auch Mooney schließt die Umwelt in sein Gestaltmodell ein, doch spricht er noch nicht "von den sozialen Bedürfnissen der Kreativität und von dem Einfluss der Kultur auf sie, die in der interpersonalen Kreativitätstheorie von vorrangiger Bedeutung ist"(47).

Nach der Landauschen Systematik gehört auch  Adler(48) zu den Kulturtheoretikern der Kreativität. Er meint, dass das Individuum sein  soziales Bewusstsein und seine kreative Kraft gebrauche, um seinem sich entwickelnden kreativem Selbst wie auch der Gesellschaft zu helfen. Durch  altruistische Ziele, das heißt, durch den Versuch, der Gesellschaft nützlich zu sein, versucht gleichzeitig das Individuum den eigentlichen Sinn des Lebens.

Auch Moreno(49) wird bei Landau unter die Kreativitätstheoretiker eingereiht, die den interpersonalen Aspekt, wie sie es nennt, besonders berücksichtigt. Moreno schreibt jedem Individuum Spontaenität und Kreativität zu, ein Ansatz, der zumindest als Ausgangspunkt sozialisationstheoretischer Betrachtungen erwägenswert ist. Gerade ein soziologisch gefasster Begriff von Spontaenität als einem Aspekt von Kreativität kann bei der Klärung des Verhältnisses von Individuum und Rolle und der Selbstdarstellung in ihr nützlich sein.Moreno  meint, dass Spontaneität und Kreativität in der Interaktion zwischen Personen und Dingen, Gesellschaft und Gesellschaft und endlich der Gesellschaft und der Menschheit in ihrer Gesamtheit sichtbar werden.

"Kreativität, die nur im 'Akt' erkennbar wird, und Spontaneität als  beschleunigender Faktor ergeben zusammen als Produkt ihrer Interaktion die  kulturellen Werte"(50).

Der von uns zitierten Autorin stellt sich also im Anschluss an die kurze Darstellung der Überlegungen von Moreno zum Thema der Kreativität ganz unvermittelt eine Reihe von Fragen, die zu beantworten ohne eine Sozialisationstheorie der Kreativität unmöglich ist.(51)

Bevor in zusammenfassender Weise die anderen von Landau den Kulturtheorien der Kreativität zugeordneten Autoren anhand ihrer wesentlichen Hypothesen vorgeführt werden, sei abschließend noch auf das aus dem Wiener Stehgreiftheater entwickelte Sozio- und Psychodrama hingewiesen. Unter diesen Begriffen, die Jakob Levy (vulgo J.L. Moreno) geprägt hat, ist nicht nur  eine Methode der Gruppenpsychotherapie zu verstehen(52), die sich theatralischer Mittel bedient, um zu dem Ziel der Readaption psychisch kranker oder labiler Menschen  zu gelangen, sondern auch eine Konfliktdarstellungsmethode einer kreativitätsorientierten Gruppendynamik, die sich der Selbstorganisation und  Enthierarchisierung sozioökonomischer Strukturen widmet. Der von Burkhart gesteckte Definitionsrahmen von Psychodrama im Hinblick auf eine Einengung auf den therapeutischen Effekt, führt zu Unrecht dazu, Psychodrama und in weiterer  Folge Happenings - bei denen es ja auch um die Integration der "Zuschauspieler" in das theatralische Geschehen geht, zwar individualistisch als "Befreiung durch  Aktion" zu definieren, aber den Strukturzusammenhang von Konflikt und Herrschaftsthematisierung und politischer Erziehung nicht aufzuweisen. Der im  Titel erhobene Anspruch konnte in dem sonst sehr präzisen Vergleich von soziologischer und theaterwissenschaftlicher Terminologie leider nicht eingelöst werden.(53)

Den Kulturtheoretikern der Kreativität ist auch  Fromm zuzurechnen. Er unterscheidet zwischen kreativem Tun, wie Malen, Komponieren, Schreiben, das einerseits auf Talent basiert, andererseits erlernt und geübt werden kann, und der kreativen Einstellung, die die Basis jeder  Kreativität ist, doch nicht unbedingt in einem Produkt sichtbar werden muss. Unter dem ersten Gesichtspunkt ist Kreativität eine Fähigkeit, unter dem zweiten  ist sie ein Charakterzug. Unter kreativer Wahrnehmung versteht er zum Beispiel  den Menschen offen, immer von neuem, ohne Verallgemeinerung und ohne eigene  neurotische Projektionen zu sehen. Nur die Reduzierung der Projektionen und Einstellungen gewährleistet die Erwerbung kreativer Einstellungen.

Auch er betont (wie die Philosophie schon immer), dass die wichtigste Voraussetzung für dieses Verhalten die Fähigkeit ist, "sich wundern" zu können.  Dies, so meint er, sollte man von den Kindern immer wieder von neuem erlernen.  "Wie Schachtel, der bereits in der Existential- Theorie erwähnt wurde, sieht  auch Fromm die Dichotomie in der menschlichen Existenz. Auf der einen Seite die geschützte Sicherheit des Gewohnten und der Konformität, auf der anderen Seite der Drang nach dem Neuen, dem kreativen Erleben. Der Mut, anders zu sein, von gewohnten Dingen loszukommen, ist die hervorragendste Voraussetzung zur  kreativen Einstellung. Nur indem das Individuum bereit ist, immer wieder von  neuem 'neu geboren' zu werden, keine Lebensphase als abschließend zu betrachten,  kommt es zum kreativen Verhalten."(54)
Weniger allgemein wurde  versucht, den beiden Einstellungsschwerpunkten eine bestimmte Form von  Sozialisation (ritualistische versus argumentatorisch-künstlerische) in einem österreichischen Akademikerverband zuzuordnen.(55) Handelte es sich in der  angegebenen Arbeit um den Versuch, die beiden Formen der Sozialisation im  Hinblick auf ihre Unterschiede bei der Rekrutierung der Mitglieder sowie bei den Machtstrukturen, Sozialisationsmechanismen, Sanktionen, bei der Sprachstruktur und beim Sprechverhalten, bei den Konsequenzen der beiden Sozialisationsformen für die Sozialbeziehungen und die Persönlichkeitsstruktur, bei den Differenzen im präverbalen Sozialisationsbereich beim Konfliktlösungsverhalten, beim Rollenrepertoire und schließlich im Hinblick auf die Sozialisationsergebnisse, darzustellen, so soll in dieser Arbeit versucht werden, generellere, nicht nur auf die Erwachsenenbildung in Vereinen bezogene Überlegungen anzustellen.

Der Hinweis auf die in der erwähnten Arbeit konkretisieren Dimensionen der Sozialstruktur von kreativitätsermöglichenden oder -verunmöglichenden Strukturen ist notwendig, weil gerade im sich überschneidenden Gebiet von Soziologie und  Sozialpsychologie die soziologischen Probleme der Erforschung der Kreativität  situiert sind.

Die präzise Bestimmung dieser sozialen Strukturen - wobei darunter nach Fürstenberg der "erkennbare, sich nur allmählich ändernde Wirkungszusammenhang sozialer Kräfte in der Gesellschaft"(56) gemeint ist - erfolgt gerade im Hinblick auf die Minimierung bestimmter Herrschaftsformen in jenem Abschnitt, der von emanzipatorischer Kreativität handelt.

Wie Fromm, so sieht auch Rogers(57) die besten Voraussetzungen für Kreativität darin, dass das rollentragende Individuum seine Umwelt offen und ohne Vorurteile wahrnimmt. Kreativität kann seinen Ausführungen nach aus neuen  Beziehungen, die aus der Einzigartigkeit des Individuums einerseits und der Materie, der Geschehnisse, der Menschen oder der Umstände andererseits, erwachsen. Produkte der Kreativität können menschliche Beziehungen, Kunstwerke,  Lebenssituationen, Rollen und anderes sein. Der Autor differenziert weiters in äußere und innere Voraussetzungen der Kreativität. Bei der Bestimmung der äußeren Voraussetzungen bedient er sich des Begriffs der "Atmosphäre", der psychologische Sicherheit und psychologische Freiheit ermöglicht. Wie in der psychotherapeutischen Interaktionssituation lässt das erstere - die psychologische Sicherheit - das Individuum spontaner werden, das letztere - die psychologische Freiheit - gibt ihm die Möglichkeit, seine Fähigkeiten frei anzuwenden. Unter inneren Voraussetzungen versteht er Offenheit dem Erleben gegenüber, innere Wertmaßstäbe, die Kreativität fördern und die Fähigkeit, mit Elementen zu spielen.

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, ist das Individuum frei und fühlt sich sicher, so kann es sich selbst verwirklichen. Obwohl auch Rogers vom sozialen  Drang zur Kreativität spricht, der das Individuum dazu führt, seine Individualität in der "konformen Welt" zu entfalten und zu erhalten, ist auch bei ihm kritisch darauf hinzuweisen, dass eine differenzierte Behandlung der Vermittlungsformen von "innen" und "außen" fehlt.

Auch der Soziologe Tumin(58) wird in der gegenständlichen Systematik der Schulen der Kreativitätsforschung den psychologischen Kulturtheorien zugeordnet, obwohl es ihm im wesentlichen um das Verhältnis von Konformität, Status und Kreativität  geht. Er meint, dass die Konformität der Gesellschaft das Haupthindernis für die Entfaltung von Kreativität sei. Die Gesellschaft beurteilt nämlich das  Individuum nicht nach dem, wie es ist, sondern was es ist. Daher, so schließt er, orientiert sich das Individuum am Urteil der Gesellschaft und strebt nach Status. Nach Tumin ist Status-Suche mit Konformität identisch, denn um von der Gesellschaft akzeptiert zu werden, darf man nicht "anders" sein. Auflösbar sieht  er diesen Zirkel dadurch, dass man Individuen und Gruppen dazu erzieht, im  kreativen Prozess ihre Befriedigung zu finden und nicht im Produkt und seinen sozialen Begleiterscheinungen. Die Gesellschaft müsste die Statusbetonung auf ein Minimum reduzieren.

Kritisch wäre an diesem Konzept anzumerken, dass Statussuche mit Konformität wahrscheinlich eher in Unter- und Mittelschichten, denn in Oberschichten  identisch ist und dass von gewissen Rollen sogar Kreativität und  "Gestaltungskraft" normativ gefordert wird. (Politiker, Wissenschaftler, usw.).

Stein hebt besonders die Bedürfnisse der Gruppe, wie auch die  hervorstechendsten Erfahrungen in der Entwicklung einer Kultur als für die Kreativität bestimmend hervor.
Anderson betont die Wichtigkeit der Kreativität in den menschlichen Beziehungen. Indem eine Kultur ermöglicht, dass  das Individuum sich durch seine Beziehung zur Umwelt entwickelt, wird es wiederum die Umwelt harmonisch zu gestalten wissen. Soziale Kreativität ist für  das Individuum in jedem Alter, doch besonders in den frühen Kindheitsjahren, sehr fördernd.

Mead hat in ihrer "Cross-cultural-study" die enge Beziehung zwischen dem Einfluss der Kultur und der Kreativität des Individuums aufgewiesen. "Die  Kulturen, welche ihre Kinder offen und frei dazu erziehen, die Herausforderungen  der Umgebung aufzunehmen, an diesen Fragen zu stellen, Kulturen, die divergentes  Denken akzeptieren, die am Prozess und nicht am Produkt orientiert sind, bringen  kreative Individuen hervor."(59)

Zusammenfassend kann für die Behandlung des Verhältnisses von kreativ  produzierendem Individuum und Gesellschaft durch die psychologische Forschung festgestellt werden, dass sie tendentiell individualpsychologisch, kognitivistisch verkürzt ausgerichtet ist, und weder soziologische, geschweige denn ökonomische und historische Dimensionen systematisch mitberücksichtigt  werden.

Der Verwertungszusammenhang in dem die kreative Arbeitskraft eingespannt ist, wird von dieser sich unpolitisch verstehenden Psychologie meist genausowenig begriffen, wie von den "middle creatives", deren Kreativitätssteigerung die Kreativitätsforschung ja im Auge hat.

Als eine erster Schritt der Erweiterung der  Fragestellung wurde daher versucht, nach einer kurzen Charakteristik der einzelnen Schulen der Kreativitätsforschung kapitelweise den Ertrag für eine mögliche Sozialisationstheorie zusammenzufassen.
 

Sozialisation und Kreativität

Gestaltung und Bearbeitung by Petra Hafner &
Daniela Czell

Video im real player format auf http://kanalb.de/index.php
.
siehe auch:
deportation-class.com

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Z
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