2.3 PHASEN DES KREATIVEN PROZESSES


Obwohl auf dem Gebiet der Erforschung der Kreativität noch nicht sehr lange  systematische Untersuchungen betrieben werden, haben sich Philosophen und Psychologen schon viel früher mit dem kreativen Denken und Handeln auseinandergesetzt. 1910 stellte Dewey sein klassisches Modell für die vollständige Analyse eines Denkaktes auf. Er unterscheidet fünf Stufen der gedanklichen Reflexion:

1. Begegnung mit einer Schwierigkeit (Es wird versucht, Verbindungsglieder zu entdecken, die zwei divergierende Faktoren aneinander bringen. Die Bedeutung eines Gegenstandes muss erkannt und problematisiert werden.)

2. Abgrenzung der Schwierigkeit (Das Problem wird begrenzt und lokalisiert.)

3. Entstehen einer möglichen Lösung (Das Denken führt vom Gegebenen zum  Nichtgegebenen. Ein Ansatz, der nicht akzeptiert, sondern versuchsweise unterhalten wird, bildet eine Idee als eine Annahme, Vermutung, Hypothese  oder Theorie. Da das Aufschieben der endgültigen Schlussbildung, um weitere Beweise zu entdecken, teilweise vom Vorhandensein rivalisierender Vermutungen, die eine Wahl zulassen, abhängt, ist es von größter Wichtigkeit, das Entstehen zahlreicher, verschiedener Einfälle nach Möglichkeit zu fördern.)

4. Rationale Durcharbeitung einer Idee (Es kommt zur logischen Entwicklung der Konsequenzen des Ansatzes.)


5. Verifizierung (Die Idee muss sich bewähren, um endgültig angenommen zu  werden.)


Mit geringfügigen Modifikationen haben sich diese analytischen Kategorien zur  Analyse des Denk- und Verhaltensaktes lange Zeit erhalten, wenn sie auch nicht so stark beachtet wurden. Modifikationen hiezu stammen von Johnson(14). Er vereinfacht das Modell, indem er es von fünf auf drei Stufen reduziert.
a) Vorbereitungsphase
b) Produktionsphase
c) Beurteilungsphase

Merrifield(15)stellte wieder ein Fünfpunkteprogramm auf.

a) Präparation
b) Analyse
c) Produktion
d) Verifikation
e) Reapplikation

Der letzte Punkt wurde eingeführt, da es sich zeigte, dass diese Person während eines Denkaktes öfters in frühere Stadien zurückkehrt.

Die Beschreibung dieser vorher erörterten Denk- und Verhaltensakte trifft grundsätzlich auf alle Akte zu, kreatives Denken und Handeln zeichnet sich  jedoch dadurch aus, dass eine neue Denk- und Verhaltensstrategie zum ersten Mal eingeschlagen wird. In allen angegeben Phasen spielen soziologische Faktoren direkt oder indirekt eine große Rolle. Der Mathematiker Poincare(16)fand, dass produktiv denkende Personen - sowohl wissenschaftliche als auch künstlerische - ihre Lösungen über vier Stufen finden. Aus seiner eigenen  Erfahrung heraus unterscheidet er:

a) Präparationsphase
b) Inkubationsphase
c) Illuminationsphase
d) Verifikationsphase

Poincare's Modell wurde von der nachfolgenden Kreativitätsliteratur übernommen, die Terminologie zur Analyse des kreativen Prozesses bezieht sich immer wieder auf ihn. Forscher, die Poincare's Vierstufenmodell untersuchten,  zeigten, dass die Schritte nicht immer in der Ordnung a - b - c - d ablaufen müssen, sondern sich auch überlappen können, manchmal wären sogar Rückschritte feststellbar(17).

Auch Eindhoven und Vinacke(18) stießen auf diese Phasen, doch  vertreten sie die Meinung, dass es sich hier um einen dynamisch-kontinuierlichen Prozess handelt, der in genau begrenzten Phasen nicht vollständig erfasst werden kann. Sie fanden ebenso wie Wallas(19) dass Künstler und Wissenschafter den gleichen Prozess durchmachen, der Unterschied liegt nur in der  Technik, in der Geschwindigkeit und in der Art der Inangriffnahme des  Problems.

Als ein letztes Modell sei das von Rossmann(20)dargestellt, das nach einer  Untersuchung an 710 Erfindern aufstellte. Es handelt sich um ein "Siebenstufenmodell".
a) Ein Bedürfnis oder ein "Fehlen" wird bemerkt
b) Analyse des Bedürfnisses
c) Die verfügbare Information wird überprüft und angewandt
d) Objektive Lösung wird formuliert
e) Die Lösung wird kritisch überprüft
f) Neue Ideen, Lösungen werden formuliert
g) Neue Ideen werden überprüft und akzeptiert

Dieses Modell wird in der Literatur zwar öfters genannt, es hat sich jedoch  nicht weiter durchgesetzt.

Die Liste der sogenannten Modelle ließe sich noch fortsetzen, sie würde jedoch das Bild von der Anarchie wissenschaftlicher Begriffsbildung auf  diesem Gebiet nur komplettieren.
Nach übereinstimmender Meinung der Autoren ist dennoch, trotz der neueren Modelle, die sich jedoch nicht durchsetzen  konnten, Poincare's Modell all das brauchbarste anzusehen, um einen kreativen Denkakt darzustellen. Im folgenden wird nun dieses Modell, das auch die erste Phase von Prozessen des sozialen Wandels beschreibt, stufenweise bahandelt,  wobei die einzelnen relevanten Theorien und Untersuchungsergebnisse bei ihren Bezugsstufen behandelt werden.



2.3.1. DIE VORBEREITUNG - PROBLEMERZEUGENDE SPANNUNGEN

Jeder Denkprozess und jeder Prozess des sozialen Wandels- auch der kreative -  wird durch eine Spannung, durch ein Problem ausgelöst. Was ist ein "Problem"?  Dewey(21) spricht davon, dass man einer Schwierigkeit begegne. Für andere bedeutet "ein Problem sehen" zu entdecken, dass Fakten, die nie vorher kombiniert waren, übereinstimmen oder sich überlappen. Ein Problem bzw. eine Spannung kann auch  als eine Art "weißer Fleck" in einer vorhandenen Theorie oder gedanklichen  Konstruktion gesehen werden. Besonders im künstlerischen Prozess besteht das  Problem oft darin, dass ein realer Tatbestandanders, meist symbolisch,  organisiert werden muss. Das Vorhandenseins eines Problems bedeutet also immer, dass antagonistische Tendenzen, kognitive Dissonanzen oder Rollenkonflikte im Individuum koexistieren. Genauso aber können diese Konflikte zwischen  Umwelttatbeständen und zwischen Individuum und Umgebung bestehen. Die Gruppendynamik betont, dass das Aufdecken von Spannungen ebenso wichtig ist, wie das Lösen dieser Spannungen. Hilgard(22) betont denselben Sachverhalt für das Finden von Problemen und Lösungen.

Das selbständige Entdecken des Problems ist ein Aspekt, der kreatives Denken vor bloßem Problemlösen auszeichnet. Allerdings wird in den meisten  amerikanischen Experimenten dieser Aspekt kreativen Denkens vernachlässigt.

Entweder wird Versuchspersonen eine Aufgabe  gestellt, oder es werden ihnen bereits gut vorformulierte Probleme gestellt. So ist selbst in der Anweisung: Zeichne ein Bild zu diesem Gedicht bereits die Möglichkeit vorgegeben, dass ein Gedicht bildhaft ausgedrückt werden könnte. Ulmann sieht und kritisiert zwar diesen Aspekt der amerikanischen Kreativitätsforschung, auf Grund ihres psychologischen Ansatzes jedoch kann sie die Sozial- und Sozialisationsbedingungen für diesen Aspekt des kreativen  Verhaltens nicht näher angeben, vielmehr fordert sie nur die Angabe dieser Randbedingungen wenn sie schreibt. "Jedes Problem, jeder sinnvolle Gedanke wird zwar in irgendeiner Weise von der Umwelt ausgelöst, es wäre jedoch interessant zu untersuchen, wie weit ein Problem in der Umwelt vorstrukturiert sein muss, damit es überhaupt gefunden werden kann."(23)Die Voraussetzung für die Entdeckung eines Problems kann einerseits die intensive Beschäftigung mit einem bestimmten Gebiet sein, andererseits ist es durchaus möglich, dass sozusagen die  Not (dies kann durchaus auch die Not sein, die durch assymetrische  Rollenbeziehung entsteht) problemauslösend ist. Bei wissenschaftlichen Entdeckungen spricht man oft davon, dass ein Problem "in der Luft gelegen habe", weil etwa Tatsachen den Theorien nicht mehr entsprechen. Auch ist es möglich, dass in einer Gruppe beziehungsweise in einem Individuum ein besonderes Bedürfnis  auftaucht das zu seiner Befriedigung die Lösung bestimmter Probleme nahelegt. Von Künstlern wird wiederum eine intensive, stark emotional gefärbte Begegnung des Subjektes mit seiner Umwelt beschrieben, die zum Absorbieren von Objekten  und deren Umgestaltung führt. Spannungen und Probleme können auch dadurch  entstehen, dass verschiedene soziale Faktoren in der Relation zueinander gesehen werden. Dieses erste Phase ist auch eine Zeit des Ansammelns von Wissen. Jedoch  darf das vorhandene Wissen - für die soziale Kreativität das vorhandene  Rollenrepertoire - nicht zu rigide gehandhabt werden. Für diese Phase ist ein starker Ausprägungsgrad in der Sensitivität der Wahrnehmung wichtig, wobei für unsere Arbeit insbesondere die Sensibilität auf dem Sektor der social perception relevant ist.

Das kreative Individuum und die kreative Gruppe  nehmen in dieser Phase jede Information, jedes Wissen auf, ohne sie vorher  primär zu zensurieren. Dies schafft eine breite Basis, auf die dann der eigentliche kreative Prozess aufgebaut werden kann. Die nicht kreativen Gruppen  und Personen kategorisieren von Anfang an nach Stereotypen und nehmen dadurch viel weniger Information auf. Der Wert dieser Phase liegt darin, dass die  Spannung ganz genau definiert werden muss, ihre Bedingungsfaktoren und -komponenten in bezug auf das Gesamtsystem zu sehen sind.



2.3.2. INKUBATIONSPHASE

Inkubation ist ein Zeitintervall, in dem keine sichtbare Aktivität der Gruppe oder des Individuums zur Lösung feststellbar ist, während der aber oft,  überhaupt am Ende, eine Evidenz dafür vorhanden ist, dass sich das Material in  Richtung zur Lösung fortbewegt hat. Diese Zeitspanne kann Minuten, Tage, Monate oder sogar Jahre dauern und wird oft vom angenehmen Gefühl des Erfolgserlebnisses begleitet. Diese Phase ist oft mit dem anhaltenden Wunsch  gekoppelt, die Spannung zu lösen, vielleicht auch mit der Intention, darauf später wieder zurückzukommen.
Bezüglich der Inkubationsperiode werden von den  verschiedenen Forschern auch unterschiedliche Theorien vertreten. Die These, dass während der Inkubationsphase die Probleme ihrer Lösung unbewusst zustreben, wird im Kapitel über die psychoanalytischen Kreativitätstheorien noch behandelt. Andere Forscher stellten eine Ermüdungstheorie auf; der Problemlöser wird müde, währenddessen sein performance-Spiegel höher wird. Wieder andere Forscher favorisieren eine Hypothese, die besagt, dass Entspannung eine besonders aussichtsreiche Bedingung ist, um sich gespeicherte Information in Erinnerung zu rufen. Guilford stellt eine Informationshypothese auf. Während der Inkubationsperiode gehen einige Transformationen der Information - Transformationen, die eine Zeit in Anspruch nehmen - vonstatten. Es wird angenommen, dass hiebei Beziehungen erkannt werden und auf andere Systeme übertragen werden.

Einen andersgearteten, nämlich lerntheoretischen Ansatz entwickelte  Woodworth(24).

In der Inkubationsphase wird nicht probiert oder gedacht, sondern vergessen. Die zur Lösung des Problems notwendigen Anhaltspunkte wurden während der Vorbereitungsphase mit irrelevanten Gedanken verknüpft. Diese Verknüpfungen, so referiert Ulmann den Autor, interferieren so lange, wie sie "recencyvalue" verloren hat, wird das Problem wieder klarer gesehen, und die relevanten Anhaltspunkte führen zur Lösung.



2.3.3. DIE ILLUMINATIONSPHASE

Die Illuminationsphase wird alltagssprachlich auch als das "aha" oder  "heureka"-Erlebnis bezeichnet. Es ist ein ganz unfreiwilliger Moment, in welchem das Material der Inkubationsphase sich zu einer deutlichen, sinnvollen Erkenntnis verwandelt, die plötzlich auftaucht. Da diese Erfahrung gewöhnlich von sehr starken Gefühlen begleitet ist, wird sie vom unvorbereiteten Individuum oft gehemmt. Das unkreative Individuum kann die Illuminationsphase nicht  erreichen, da die Voraussetzungen der Inkubationsphase fehlen. Die Erfahrungen sind bei unkreativen Gruppen und Individuen sehr stark an stereotype Kategorien  gebunden. Die Gedanken kommen während der merkwürdigsten Momente, so zum Beispiel beim Aufwachen, Baden (Archimedes), beim Spazierengehen, usw. Auch  Guilford vertritt die Ansicht, dass ein dramatischer Aspekt des kreativen Prozesses der Moment der Illumination ist, wenn sich eine Person in einem plötzlichen großen Schritt der Lösung (bei sozialer Kreativität, z.B. der Artikulation von verspürter Herrschaft) nähert.



2.3.4. DIE VERIFIKATIONSPHASE

Im zur Diskussion stehenden Modell ist dieser Schritt der Beurteilung und Verifizierung der letzte im kreativen Prozess. Hier handelt es sich darum festzustellen, ob Gedanken der Kriterien oder Forderungen (Neuigkeit, Richtigkeit, Brauchbarkeit) entsprechen. Dieser Vorgang gehört jedoch einerseits zur Wissenschaftstheorie und Mehtodenlehre, andererseits zur Kunstkritik und zur Beurteilung von Prozessen  des sozialen Wandelns.

Leary(25) versteht nur den als eigentlichen Kreativen, der außer der neuen Idee auch  neue Wege zur Mitteilung dieser Idee findet. Ulmann(26) meint, dies impliziere, dass die Kommunikationsform nicht beliebig sei, sondern, dass zu einer bestimmten Idee  meist auch ganz bestimmte Art der Kommunikation, des Ausdrucks dieser Idee, gehöre. So kann eine Idee nur im Sozialverhalten, eine andere im Bild oder in der Musik, eine dritte in semantischen Einheiten mitgeteilt werden, und daraus ergibt sich, ob es sich um ein rollenschöpferisches, ein künstlerisches oder ein  wissenschaftliches Produkt handelt.

Welche Kriterien gibt es nun, um eine kreative Idee oder einen kreativen Verhaltensentwurf zu beurteilen? Das am häufigsten genannte Kriterium ist die  "Neuheit", wobei zu klären wäre, was "neu" bedeutet. Auch darüber herrscht  Uneinigkeit. Manche Autoren definieren den Begriff der "Neuheit" durch Tests. So operationalisiert Guilford "neu" mit dem Begriff des "Ungewöhnlichen" (unusual)  und meint damit Seltenheit im statistischen Sinn. Damit ist gesagt, dass je nach dem, wie gering der Prozentsatz eines bestimmten Gedankens in der betrachteten  Population ist, umso seltener, ungewöhnlicher, das heißt neuer, ist der Gedanke. Andere Autoren werten nur Antworten als neu, die einzigartig in einer bestimmten Population sind. Jackson und Messick(27) zeigen auf, dass es sich bei all  diesen Bestimmungen um ein Problem dessen handelt, was als Normalität bezeichnet wird und diese jeweiligen Normen relativ beliebig fortgesetzt werden können. Setzt man die extremste Norm, dass ein kreatives Abweichen nur dann als neu  bezeichnet werden kann, wenn es innerhalb der Geschichte noch nie aufgetreten ist, erhebt sich die Frage, ob ein solches nicht mehr kreativ ist, wenn die Sozialperson feststellt, dass ein anderer das selbe Verhalten vor einiger Zeit auch schon hatte.


Eine begriffliche Klärung wäre insofern möglich, als Verhalten dann als "originell" bezeichnet wird, wenn es zum ersten Mal innerhalb einer Epoche bzw. einer Gesellschaft hervorgebracht wurde.

Auch wäre festzustellen, dass das Eingehen auf eine kreative Verhaltensweise manchmal ebenso als kreativ bezeichnet werden kann, wie ihre Erfindung.

Insgesamt kann jedoch gesagt werden, dass die so definierte "Neuheit" eine zwar notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Kreativität ist. Man hat immer wieder das Merkmal des kreativen Verhaltens hervorgehoben, dass es "wertvoll", "richtig" und "brauchbar" sein soll. Alle diese Kriterien bleiben in ihrer individualpsychologischen Beliebigkeit, wenn sie nicht durch eine  Darstellung ihres historischen und soziologischen Bezugssystems konkretisiert  werden.
 

Sozialisation und Kreativität

Gestaltung und Bearbeitung by Petra Hafner &
Daniela Czell

Video im real player format auf http://kanalb.de/index.php
.
siehe auch:
deportation-class.com

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