2.2. DIMENSIONEN DES BEGRIFFS: SOZIOLOGISCHE, KULTURTHEORETISCHE,  ANTHROPOLOGISCHE, ETHISCHE, KOGNITIVE, EMOTIONALE, DIDAKTISCHE,  METHODISCHE, POLITISCH-ÖKONOMISCHE.


Eine weitere Annäherung an den Begriff der "Kreativität" soll in der Folge in  Fortsetzung einer Arbeit von Karl-Heinz Flechsig(5)erfolgen. Der Vorschlag soll dahingehen, "Kreativität" als Terminus einer Metasprache aufzufassen, der sich  auf die Deskription beobachtbaren menschlichen Verhaltens bezieht, das durch Sozialisation beeinflusst werden kann und dessen Charakteristikum es ist, dass es nicht als Reproduktion tradierter oder gattungsmäßig vererbter Verhaltensäußerungen interpretiert werden kann. Diese Begriffsdimensionen weisen auf bestimmte Ebenen theoretischer Erörterung ebenso hin, wie auf spezifische  Bereiche empirischer Forschung. Ebenso sind damit bildungsideologische Konzepte genauso angesprochen wie sozialisationspraktische.

Eine genauere Bestimmung des Begriffs "Kreativität" wird unter anderem die folgenden Dimensionen zu berücksichtigen haben:



2.2.1. DIE SOZIOLOGISCHE DIMENSION

Kreatives Verhalten kann, dies wurde im letzten Kapitel bereits festgestellt, bereits von der vorläufigen Definition her als seltenes Verhalten angesehen  werden. Das kreative Individuum gerät damit ins Spannungsfeld von Gruppennormen die, so meint Flechsig, als Ausdruck sozialer Konformität angesehen werden können. Kreatives Verhalten kann somit in bezug auf auf bestimmte Gruppennormen als ein Abweichen vom rechten Weg aufgepasst und den entsprechenden Sanktionen unterworfen werden(6). Somit steht der Kreative in der Außenseiterproblematik.

Die soziologische Dimension der Kreativität jedoch auf eine sozialpsychologische (Konformität - Nonkomformität) reduzieren zu wollen, hieße, die rollen- und sozialisationstheoretische Seite der soziologischen Dimension  der Kreativität zu wenig zu berücksichtigen. Besonders im Begriff der emanzipatorischen Kreativität wird versuchtwerden, soziologische Dimensionen eines kreativitätsermöglichenden Rollensystem zu entwickeln. Nicht übersehen werden kann weiters, dass in der Folge dargestellten Dimensionen jeweils wieder unter kreativitäts- und wissenssoziologischen Gesichtspunkten gesehen werden können.



2.2.2. EINE ANTHROPOLOGISCHE DIMENSION: REZEPTIVITÄT - SPONTANEITÄT

Bei der Weltoffenheit des Menschen, wie Portmann sie versteht, und seiner Fähigkeit, nicht nur von der Umwelt beeinflusst zu werden, sondern auch auf sie verändernd einzuwirken, handelt es sich um eine gattungsmäßig vorgegebene und eine gattungsgeschichtlich je verschiedene Potenz, die in allem erlernbaren Verhalten wirksam werden kann. Dass nicht nur für das soziale Handeln, das Denken und die Affekte jene Plastizität der Anlagen gegeben ist, sondern bereits für die Wahrnehmung, wird in den Forschungsberichten über "social perception" nachdrücklich herausgestellt. Die Fähigkeit, sich vorgegebenen Verhaltensmustern anzupassen, ist dem homo sapiens in prinzipiell gleicher Weise gegeben wie  diejenige, neue Verhaltensweisen zu entwickeln. Wenn hier, wie es in dem Artikel von Flechsig auch geschieht, der Schleiermachsche Begriff der  "Rezeptivität" und "Spontaneität" verwendet wird, um die beiden Pole der  anthropologischen Dimension zu bezeichnen, so aus dem Grund, weil sie sehr abstrakt gemeint und am ehesten geeignet sind, systemunabhängig verwendet zu werden. Ob der Name homo sapiens für die hier gemeinten Fähigkeiten der richtige Terminus ist, kann als fraglich gelten; zutreffender als Bezeichnung für unsere  Spezies scheinen mir in diesem Kontext die Begriffe homo faber, homo ludens, wie ich glaube, und homo creator.



2.2.3. EINE KULTURTHEORETISCHE DIMENSION: TRADITION - INNOVATION


Kreatives Verhalten erhält, wenn es sich objektiviert, eine kulturelle Relevanz, die Flechsig annäherungsweise durch die Begriffe "Tradition" und  "Innovation" markiert, sei es in dem Sinn, dass durch kreatives Verhalten Traditionen weiterentwickelt werden, sei es, dass sie von ihm negiert und durch Innovationen verdrängt werden. Kulturtheoretische und geschichtsphilosophische Schulen, die determnistische Modelle vertreten, haben daher nur geringe Möglichkeiten, die positive Rolle des kreativen Individuums und kreativer  Gruppen anzuerkennen. In ähnlicher Weise werden von Vertretern eines statischen Traditionsbegriffes Einwände gegen die Sozialisation zur Kreativität formuliert(7). Eine Konkretisierung in diesem Bereich nimmt Toynbee(8)für Amerika vor, wenn er von der wichtigen Rolle einer "kreativen Minderheit" spricht, die aufzubauen eine  wesentlicher Aspekt bei der Veränderung einer falsch verstandenen Demokratie in Amerika ist, die ihr eher eine Nivellierung und Anpassung des Menschen anstrebt,  als eine Differenzierung.



2.2.4. EINE ETHISCHE DIMENSION: REGEL - FREIHEIT,  SITTE - SITTLICHKEIT

Die ethisch-normativen Systeme haben, ihrem historisch-sozialen Hintergrund  entsprechend, Wertsysteme entwickelt, in denen entweder das Ethos der Freiheit  (Selbstverwirklichung, Autonomie, Entscheidung) oder das Ethos der Anpassung  (Gehorsam, Zucht, Pflicht) akzentuiert werden. Kreatives Verhalten wird dem sittlichen Urteil unterworfen, und es ist einigermaßen verständlich, das Kreativität vom Ethos der Freiheit der Sittlichkeit in stärkerem Maße  gerechtfertigt wird, als vom Ethos der Regel und Sitte. Wobei unter Sitte kurz gesagt erstarrte Sittlichkeit verstanden werden kann.

"Freiheit" als ethisch-philosophisches Synonym für Kreativität genommen ist ebenso gefährdet, durch zu wenig konkrete - historische und soziologische  Bestimmung zu einer Leerformel zu werden, wie Kreativität.
Das Sich-Befreien von Freiheitshemmnissen ist Voraussetzung der Freisetzung aller schöpferischen Kräfte der Gesellschaft(9) Die Benennung dieser Hemmnisse in einer je konkreten Gesellschaft setzt  eine Theorie der realen Möglichkeiten dieser Gesellschaft voraus. Dies ist zur Angabe der politisch erreichbaren positiven Seite der Kreativität notwendig. Denn die nur ethische Forderung nach einer Entfaltung der Kreativität ist etwas Frivoles, wenn man sie nicht mit Politik und Gesetzgebung vereint und die konkreten Ursachen beseitigt, die "unkreative Mehrheiten" produziert.



2.2.5. EINE KOGNITIVE DIMENSION: KONVERGIERENDES - DIVERGIERENDES DENKEN

Diese beiden, Guilfords Strukturmodelle des Intellektes(10)entnommenen Begriffe bezeichnen kognitive Operationen. Während konvergierendes Denken als ein auf die (eine)  richtige Lösung abzielender Prozess verstanden wird, ist unter divergierendem Denken ein Prozess definiert, der auf mehrere verschiedene Lösungen hinausläuft und somit Wahlmöglichkeiten und Freiheitsräume erzeugt. Dass diese Dimension in engem Zusammenhang mit anderen Faktoren der psychischen und sozialen Organisation steht, wurde durch umfangreiche faktorenanalytische Untersuchungen sichtbar(11).



2.2.6. EINE EMOTIONALE DIMENSION: DEFENSIVES - EXPRESSIVES VERHALTEN

Verschiedene Autoren, die sich mit der Frage der affektiven Grundlagen von Kreativität beschäftigen, arbeiten heraus, welche affektiven Dispositionen  kreatives Verhalten begünstigen und welche ihm im Weg stehen. Eine defensive, introvertierte Affektlage wird dabei als ein kreatives Verhalten hemmendes  Moment angesehen, während eine expressive, sachorientierte Einstellung günstige Voraussetzungen für Kreativität schafft.



2.2.7. EINE DIDAKTISCHE DIMENSION: GESCHLOSSENHEIT - OFFENHEIT

Flechsig meint, Didaktik auf Unterrichtsziele und -inhalte reduzierend, dass: "Unterrichtsziele und -inhalte von geschlossener Charakteristik (Beherrschung eines 'klassischen Kanons', Reproduktion von Lehrsätzen, 'Grammatiken',  Anwendung begrenzter Techniken auf begrenztes Material usw.) Auf konformes Verhalten abzielen und Kreativität nur mittelbar stützen können. Unterrichtsziele und -inhalte mit offener Charakteristik (freie Gestaltung sprachlicher, symbolischer und materieller Produkte, Modellentwurf, Hypothesenbildung usw.) haben demgegenüber eine größere Affnität zum kreativen Verhalten."(12)Weder ein so gefasster Begriff von didaktischer Dimension von Kreativität,  noch die im folgenden beschriebene methodische Dimension sind in der Lage, die  Bedingungen für kreativitätsermöglichende schulische Rollensysteme anzugeben.



2.2.8. EINE METHODISCHE DIMENSION: LEITUNG - SELBSTÄNDIGKEIT

Sozialisationspraktiken (zum Beispiel Unterrichtsverfahren) bei denen die  Fremdkontrolle und -steuerung im Mittelpunkt steht, bei denen ein  Sozialisationsagent (zum Beispiel Lehrer) oder andere Instanzen alleine über  Auswahl der Inhalte, Abfolge der Schritte und Beurteilung der Ergebnisse entscheiden, lassen für die Ausbildung kreativen Verhaltens wenig Raum.  Methoden, bei denen das zu sozialisierende Individuum an diesen methodischen Funktionen beteiligt wird, oder diese selbst entwirft, erhöhen die Chance der Kreativität.



2.2.9.EINE POLITISCH-ÖKONOMISCHE DIMENSION: SOZIALISMUS - KAPITALISMUS

In der dichotomisierenden vorläufigen Bestimmungsweise der Dimensionen des Begriffs verbleibend, kann gesagt werden, dass die jeweiligen Theoretiker der beiden politisch-ökonomischen Konzeptionen die leichtere Einlösbarkeit des Anspruchs nach mehr und sinnvollerer Kreativität für ihr System beanspruchen.  Von verschiedenen Autoren(13)wird für das kapitalistische System, der zwar für dieses notwendige, aber  doch weitgehend irrationale Bereich der ästhetischen Innovationen von Waren im Dienste des Kapitalverwertungsinteresse, sowie die Steuerung wissenschaftlicher und sonstiger Kreativität ebenfalls durch dieses als kritikwürdig angegeben. Auch  die Formen und Legitimationen für Herrschaft und somit die Qualitäten emanzipatorischer Kreativität differieren je nach dem die Rahmenordnung herstellenden System. Zwar lässt sich noch relativ leicht der Begriff des Neuen bestimmen, unmöglich jedoch ist es, den Begriff des Nützlichen und Wertvollen systemneutral zu fassen.

Die neuen Dimensionen des Begriffs "Kreativität" haben damit nur eine sehr vorläufige Bestimmung erhalten. So ist diese kurze Übersicht sicher nicht eine vollständige Aufzählung der möglichen analysierbaren Dimensionen des Begriffs. Beispielsweise wurde nur ein Aspekt der historischen Dimension des Begriffs im  Abschnitt über die "kulturtheoretische Dimension" behandelt.
 

Sozialisation und Kreativität

Gestaltung und Bearbeitung by Petra Hafner &
Daniela Czell

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.
siehe auch:
deportation-class.com

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