1. Einleitung
 

Abgesehen von individuellen Motivationen, die sich auf die eigene eher unkreative Sozialisation beziehen lassen, scheinen mir folgende Gründe für die  Behandlung der Thematik ausschlaggebend.
Jenen geistigen Prozessen, deren Resultat die Produktion neuer Elemente, die Entdeckung neuer Beziehungen  zwischen gegebenen Elementen, Objekten, Phänomenen und Beziehungen darstellt, deren Ergebnis die Erfindung neuer Methoden, Vorrichtungen oder Systeme und die Entdeckung neuer Probleme und Problemlösungen oder neuer künstlerischer Formen ist - jenen geistigen Prozessen liegt nach der allgemein üblichen Auffassung eine Kraft zugrunde, die man als Produktivität, Originalität, "imaginative  thinking" oder eben als Kreativität bezeichnet. Die Frage ist, ob es gelingen kann, über die Konstruktion und das Funktionieren dieser schöpferischen Kraft etwas zu erfahren oder ob wir uns weiterhin damit begnügen müssen, sie als  irrational aus dem Bereich des Erforschbaren auszuschließen.

Diese Frage wird hier nicht zum ersten Mal gestellt. Vielmehr gibt es  inzwischen eine nicht unbeträchtliche Literatur, die von verschiedenen  Standpunkten und Disziplinen her den Versuch unternommen hat, das Problem der Kreativität näher zu untersuchen.

Als wesentliche Ausgangspunkte, die auch den Entdeckungs- und  Verwertungszusammenhang bestimmen, können folgende historische Momente der Kreativitätsforschung festgestellt werden: Die Heerespsychologie, die mit ihrer Kritik und Weiterentwicklung herkömmlicher Intelligenztests, mit ihren Fragen nach Strukturen von Problemlösungsprozessen in kleineren Gruppen (z.B.  Bomberbesatzungen) die Erforschung dieses Gebietes vorantrieb und die  Wissenssoziologie, die die Frage nach produktiveren Strukturen des Wissenschaftsprozesses stellt.
Damit steht in engster Verbindung die von der  sogenannten progressiv-education-Bewegung, ausgelöst durch den 'Sputnikschock', gestellte Frage: "Wie können die kreativen Potenzen der Vereinigten Staaten erhöht werden?"
Als vierter Ausgangspunkt der neueren Kreativitätsforschung kann schließlich die Werbepsychologie angesehen werden, die unter dem Zwang, dauernd neue Kreationen hervorbringen zu müssen, die Methode des brainstormings entwickelte.

Aus verschiedenen individualgeschichtlichen Notwendigkeiten war eine Beschäftigung mit diesen Gebieten nötig, und es wurde klar, dass sie um das Problem der Kreativität, wenn auch in recht unterschiedlicher Weise zentriert sind.

Die Rezeption, inhaltliche Verarbeitung, Prüfung und Anwendung der Theorien  und empirischen Ergebnisse der internationalen Kreativitätsforschung ist auch für Österreich zu einer der dringenden Aufgaben der Bildungs- und  Hochschulplanung geworden.

Die Ergebnisse und Programme amerikanischer Kreativitätsforschungsinstitute reichen zum Beispiel von der Entwicklung von Techniken, die es ermöglichen, kreative Menschen früh zu identifizieren, bis zur Erforschung und Anwendung von kreativitätsermöglichenden und kreativitätsfördernden Formen interdisziplinärer  Bildungsorganisation.
Die Ergebnisse im soziologischen und im sozialpsychologischen Bereich der Kreativitätsforschung sind soweit gediehen, dass nicht nur an verschiedenen amerikanischen Universitäten (University of Buffalo,University of Minnesota, University of Utah, Mayne State University and Drake University) eigene Institute eingerichtet wurden, die für Studenten und  Wissenschaftler Kurse für kreatives Problemlösen anbieten, sondern auch rein pragmatisch orientierte Zentren für kreatives Problemlösen, wie z.B. die  Creative Education Foundation in New York und die Synectic Group in Massachusetts, die diese Ergebnisse der Kreativitätsforschung anwenden.

In dem von der Creative Education Foundation 1967 ins Leben gerufenen und vierteljährlich erscheinenden 'Journal of Creative Behaviour' (5000 Abonnenten)  wurden über 4000 Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Kreativitätsforschung gezählt.

Amerikanische Ministerien und Industrieunternehmen, die sehr stark von der wissenschaftlichen und organisatorischen Kreativität ihrer Mitarbeiter abhängen, haben ebenfalls eigene Institute dafür eingerichtet und berücksichtigen die  Erkenntnisse in der Forschungs- und Entwicklungsorganisation, sowie in der Personalausbildung und -auslese. Bei uns hingegen sind die Ergebnisse der ersten gesamtamerikanischen Konferenzen (ab 1956) über Kreativität, die von der National Science Foundation an der Universität Utah abgehalten wurden, nicht einmal bekannt.

Der Umfang der Resultate über kreative Prozesse  und die Untersuchungen zum Problem der Entwicklung von Kreativität auch im  Bereich der Sozialisation (kreativitätsermöglichende Didaktiken), sowie die daraus zu ziehenden Konsequenzen für die Organisation der Erziehung und  Forschung, legten eine kritische Aufarbeitung der relevanten Literatur nahe. Außer der Darstellung und Kritik dessen, was bislang unter dem Etikett  'Kreativitätsforschung' gemacht wurde, wird auch auf eine mögliche soziologische  Kreativitätstheorie eingegangen. So wird der Versuch unternommen, das  Rollenkonzept von Habermas zur Erklärung kreativen Verhaltens in Gruppen  darzustellen und kritisch zu würdigen, um so einen Begriff von sozialer Kreativität zu entwickeln, der sich als soziologischer Grundbegriff eignet.

Nach der Analyse des Begriffes der Kreativität und der Kritik der einzelnen Kreativitätstheorien im Hinblick auf ihre soziologischen Dimensionen werden die  Bedingungen schöpferischer Prozesse im primären und sekundären Sozialisationsprozess aufgezeigt. Im Hinblick darauf versteht sich die vorliegende Arbeit als notwendige Voruntersuchung, da eine eingehende Kritik der Kreativitätstheorien und des Sozialisationszieles Kreativität nicht vorliegt. Eine präzise Untersuchung vor allem schulischer Sozialisationsbedingungen und ihre theoretische Fassung durch bestimmt geartete Rollensysteme wird begonnen. Dies erscheint auch deshalb umso dringlicher, weil ein kreativierend geartetes  Sozialisationssystem zugleich Richtung und Rahmen von detaillierten Fachdidaktiken skizziert, als deren Ziel mit fataler Einigkeit die "Erziehung  und Kreativität" angegeben wird. Die von Herrschaftsinteressen geprägten  Implikationen der selektiven Kreativitätsvermittlung werden besonders durch eine Kritik des Habermasschen Ansatzes entschlüsselt werden.
Gerade die Vertiefung  der Habermasschen, teilweise aus der Psychoanalyse entnommenen Kategorien, macht  es notwendig, etwas genauer auf den psychoanalytischen Kreativitätsbegriff und den von ihm zutage geförderten Ergebnissen, besonders die primäre Sozialisation betreffend, einzugehen. Dies schien auch deshalb geboten, weil für eine große Zahl der amerikanischen Kreativitätsforscher implizit die Psycho- und  Soziodynamik unter psychoanalytischen Gesichtspunkten gesehen wird.

Das katathyme Bilderleben, eine in Fortsetzung der psychoanalytischen Kur entwickelte Tagtraumtechnik, wird deshalb dargestellt, weil an ihr gezeigt werden kann, welche Möglichkeiten fundamentaler, die eigene  Sozialisationsgeschichte aufarbeitender und kreativ verändernder Möglichkeiten es im Grenzbereich von angewandter Soziologie und Therapie gibt, und wie sie  theoretisch zu verwerten und zu beurteilen sind.

Im Anschluss daran wird der Versuch unternommen, die jeweiligen biogenetischen Phasen, ihre soziale Vermittlung durch Erziehungsvorgänge wie Entwöhnung,  Reinlichkeitserziehung und Beschränkungen der kindlichen Sexualbetätigung den Stufen der kreativen Ich-Entwicklung und der Entfaltung eines flexiblen Über-Ichs zuzuordnen.

Untersuchungsergebnisse zur schulischen Sozialisation kreativen Verhaltens werden in einem ersten Schritt dazu dienen müssen, den ersten Schritt der  Kreativität noch präziser zu fassen und abzugrenzen, indem er dem Intelligenzbegriff gegenüber gestellt wird. Empirische Vergleiche des Intelligenzquotienten und der Kreativitätstestergebnisse werden helfen, diese Fragestellung unserer Arbeit einer Beantwortung näherzubringen.

Für die Konkretisierung unserer Fragestellung nach der Sozialisierbarkeit kreativer Fähigkeiten ist es vermutlich wichtig, jene Charakteristika des Schülers zu untersuchen, die ein positives Lehrerurteil hervorrufen, und inwieweit dieses Lehrerurteil eine Vorhersage für potentielle Kreativität ist. Durch die Sichtung der Ergebnisse zum Problem des kreativen Lehrers und den Einflüssen der Schulkameraden auf den kreativen Schüler müsste es gelingen, auch konkrete Vorschläge gerichtet sein, die innerhalb der gegenwärtigen Schule liegen, da die Reformversuche, die außerhalb unserer organisierten Bildungsinstitutionen praktiziert werden, nicht dem Anspruch empirisch gesicherter Ergebnisse gerecht werden.

Im Kontext der sozialisationstechnischen Aufarbeitung wird versucht, einen Beitrag zum allgemeinen kreativitätswissenschaftlichen Problem der Bewertung der kreativen Produkte durch die Gesellschaft dahingehend zu leisten, indem untersucht wird, inwieweit die schulische Leistung und Leistungsbeurteilung mit der Kreativität der Schüler zusammenhängt.

Vorschläge zur Förderung der Kreativität im Sozialisationsbereich sowie ein  Anhang, in dem sich eine annotierte Bibliographie, eine Zusammenstellung von pädagogischen Programmen und Kreativitätstests befindet, sollen weitere sozialwissenschaftliche Fragestellungen im Bereich der Theorie der kreativitätsermöglichenden und -verunmöglichenden Sozialisation erleichtern, deren Beantwortung mich auch weiterhin beschäftigen wird.

Klagenfurt, im Februar 1974
 

Sozialisation und Kreativität

Gestaltung und Bearbeitung by Petra Hafner &
Daniela Czell

Video im real player format auf http://kanalb.de/index.php
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siehe auch:
deportation-class.com

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