Tübingen, Jänner*

Zur Blindheit über-
redete Augen.
Ihre ->ein
Rätsel ist Rein-
entsprungenes<-, ihre
Erinnerung an
schwimmende Hölderlintürme, möwen-
umschwirrt.

Besuche ertrunkener Schreiner bei
diesen
tauchenden Worten:

Käme,
käme ein Mensch,
käme eine Mensch zur Welt, heute, mit
dem Lichtbart der
Patriarchen: er dürfte,
spräch er von dieser
Zeit, er
dürfte
nur lallen und lallen,
immer-, immer-
zuzu.

(>Pallaksch. Pallaksch.<

 

 

 

 

 

 

 

 

Chymisch*

Schweigen, wie Gold gekocht, in
verkohlten
Händen

Große, graue;
wie alles Verlorene nahe
Schwestergestalt:

 

Alle die Namen, alle die mit
verbrannten
Namen. Soviel
zu segnende Asche. Soviel
gewonnenes Land
über den leichten, so leichten
Seelenringen.

Große. Graue. Schlacken-
lose.

Du, damals.
Du mit der fahlen,
aufgebissenen Knospe.
Du in der Weinflut.

(Nicht wahr, auch uns
entließ diese Uhr?
Gut,
gut, wie dein Wort hier vorbeistarb.)

Schweigen, wie Gold gekocht, in
verkohlten, verkohlten
Händen.
Finger, rauchdünn. Wie Kronen, Luftkronen
um --

Große. Graue. Fährte-
lose.
König-
liche.

Aus der Lehrveranstaltung: Adamas und Alabanda im Chymischen Lustgärtlein

Paul Celan Homepage

Paul Celan: Atemwende IV. In: Ders.: Gedichte in zwei Bänden. Frankfurt/Main 1975, 1987. Bd. 2, S. 82 bzw. 83

Paul Celan: Die Niemandsrose. In: Ders.: Gedichte in zwei Bänden. Frankfurt/Main 1975, 1987. Bd. 1, S. 226 bzw. 227 f.

Solve*

Entrosteter, zu
Brandscheiten zer-
spaltener Grabbaum:

an den Gift-
pfalzen vorbei, an den Domen,
stromaufwärts, strom-
abwärts geflößt.

vom winzig-lodernden, vom
freien
Satzzeichen der
zu den unzähligen zu
nennenden un-
ausprechlichen Namen aus-
einandergeflohenen, ge-
borgenen
Schrift.

 

Coagula*

Auch deine
Wunde, Rosa.

Und das Hörnerlicht deiner
rumänischen Büffel
an Sternes Statt überm
Sandbett, im
redenden, rot-
aschengewaltigen
Kolben.

Helmut Stockhammer

“Wer in Gallizien eintraf, konnte sich bereits in der Nähe von Santiago wähnen...”
Lokalanthropologische Überlegungen zu Symbolen des mercurialen hermetischen Weges

 

Die ursprünglich romanische und mehrmals umgebaute Kirche ist dem Heiligen Jakob geweiht. Der Name des Ortes und die Jakobsmuschel in seinem Wappen verweisen ebenfalls auf den historischen Bezug zu den mittelalterlichen Jakobsfahrten.

Die Jakobsmuschel – sie begegnet heute den Autofahrern auch als Tankstellen-Emblem – stand in der alchimistischen Geheimsymbolik für das Prinzip des Mercurius (Hermes), der auch der „Reisende“ oder „Pilger“ genannt wurde. Der heilige Jakob galt als Schutzpatron der Heilkünstler und Alchimisten. Der legenda aurea nach hatte er in Spanien den Hermes Trismegistos besiegt und so dessen geheimes Wissen erworben. Die irdische Route nach Santiago de Compostella entsprach somit der himmlischen Jakobsleiter oder Milchstraße, dem Symbol des mercurialen hermetischen Weges. Die Jakobsmuschel trug, wer den „Stern“ zu erlangen suchte (lat. compos = im Besitz, stella = Stern).

Der weite Weg dorthin führte für manche Pilger durch Unterkärnten. Sie orientierten sich an den Kirchen, die dem Heiligen Jakob geweiht waren. Wer in Gallizien eintraf, konnte sich bereits „in der Nähe von Santiago“ wähnen; und wer in St. Jakob Station machte, war gewissermaßen „schon da“. Das alte Spottlied „Bruder Jakob, schläfst Du noch?“ kann als Anspielung auf die manchmal schwankende Motivation der Jakobspilger verstanden werden.

Ab dem 12. Jahrhundert verkörperte der Heilige auch die Rolle des „Maurentöters“, d.h. des militanten Glaubenskämpfers. (Seiner bedienten sich später die spanischen Konquistatoren bei der blutigen Christianisierung der Neuen Welt. Entsprechend viele Ortschaften wurden dort nach ihm benannt. Zuletzt ernannte General Franco den schon fast vergessenen Kämpfer zum Schutzpatron Spaniens gegen die gottlose Republik.)

Für viele Pilger bedeutete die Jakobsfahrt nicht nur religiöse Erbauung, sondern auch einen Ausbruch aus der Enge und Borniertheit des Abendlandes. Jüdische und arabische Einflüsse, die im 12. Jahrhundert in Spanien eingedrungen waren, fanden nicht zuletzt durch die Jakobspilger im ganzen christlichen Europa Verbreitung. Dieser emanzipatorische Aspekt der Jakobsfahrten bereitete der kirchlichen Obrigkeit immer wieder Unbehagen. Manche Pilger hielten sich überdies mit Gelegenheitsdiebstahl und Mundraub über Wasser und schürten damit Zweifel an ihrer Frömmigkeit. Das Schimpfwort „Pilcher“, es leitet sich von Pilger ab, verweist auf den Ruf vieler Wallfahrer als „Kriminalitätstouristen“. Mögen die Weitwanderer der Gegenwart dereinst besser beleumundet sein!

 

aus: KÄRNTEN. UNTEN DURCH. Ein UNIKUM-Wander-Reise-Lesebuch. Gerhard Pilgram. Wilhelm Berger. Gerhard Maurer. Seite 199. Klagenfurt 1998.

Vorderseite

Rückseite

Helmut Stockhammer

Gestaltung und Bearbeitung by Petra Hafner &
Daniela Czell

Video im real player format auf http://kanalb.de/index.php
.
siehe auch:
deportation-class.com

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