Heimat Gottschee

7. Umsiedlung

 

Dann brach der Krieg aus. Um Ereignissen vorzubeugen, wie sie die "Bromberger Blutnacht" gebracht hatte, wurde die "Mannschaft" als Selbstschutzorganisation aufgestellt. In Blitzkriegen überrannten unterdessen die Truppen des Deutschen Reiches große Teile von Europa. Der Balkanfeldzug begann am 6. April 1941, die Armee.Jugoslawiens kapitulierte am 17. April 1941, und der Staat wurde auf das Deutsche Reich, Italien und Ungarn aufgeteilt. Was hellsichtige Realisten unter den Gott- scheern befürchteten, trat ein: das Ländchen fiel mit der Provincia di Lubiana an das Kaiserreich Italien! Es zeigte sich, daß die Vorsprache der Gottscheer am 6. November 1939 beim Deutschen Konsul in Laibach, bei der sie anführten, die Tatsache, daß Gottschee in die italienische Interessensphäre falle, sei kein Argument für die Aussiedlung, vollkommen nutzlos gewesen war, denn für die außenpolitischen Entscheidungen waren die Weichen mit dem Runderlaß von Ribbentrop (25. März 1939) und der Rede Hitlers vor dem Reichstag (6. Oktober 1939) bereits gestellt: im Adria- und im Mittelmeerraum hatte die Haltung des Reiches auf die Wünsche der italienischen Regierung Rücksicht zu nehmen.

Bei den Wiener Verhandlungen (20. bis 22. April 1941) wurde das ehemalige Kronland Krain zwischen dem Deutschen Reich und Italien aufgeteilt. Himmler verkündete der Gottscheer Führung am 20. April 1941, daß sich die Gottscheer an der Südostgrenze des Reiches zu bewähren haben werden. Inzwischen hatte Prof. Peter Jonke "ein Memorandum verfaßt, hatte Fürst Auersperg in Berlin für den Anschluß von Gottschee an das Reich interveniert; aber als die Volksgruppenführer am 26. April 1941 in Marburg von Hitler empfangen wurden, teilte ihnen dieser mit, daß die Aussiedlung beschlossen sei. Der betroffene Gottscheer war Objekt, Schachfigur geworden und wußte nur, daß er umgesiedelt wird. Ein eigenartiges Schlaglicht auf die Vorgänge wirft die Tatsache, daß die Gottscheer den Umsiedlungsvertrag ("Vereinbarung zwischen der deutschen Reichsregierung und der italienischen Regierung vom 31. August 1941 über die Umsiedlung der deutschen Staatsangehörigen und Volksdeutschen aus der Provinz Laibach") erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit vollem Text erhalten konnten, u. zw. aus einem Londoner Archiv! Auf den vollen Ersatz des Vermögens, der ihnen darin zugesagt wurde, warten sie heute noch.

Langsam sickerten doch Einzelheiten durch, so ungefähr die Lage des Ansiedlungsgebietes (Fachausdruck "Ranner Dreieck") und die Tatsache, daß dort Slowenen ausgesiedelt würden; die Folge war massiver Widerstand. Da die Volksgruppenführung nicht Stellung bezog, setzte eine straff organisierte Propaganda der deutschen Dienststellen ein: Beschimpfungen der "Gegner", Drohungen mit der Absiedlung nach Sizilien oder gar Abessinien, Beteuerungen (Dr. Wollert), daß alles in Ordnung ablaufen werde. Und die italienischen Behörden bewiesen in diesen kritischen Tagen wenig Taktgefühl, denn deutsche Aufschriften mußten entfernt werden, neben dem Italienischen wurde das Slowenische Amtssprache, willkürliche Hausdurchsuchungen waren an der Tagesordnung, wobei Besitzer von z. B. alten Vorderladern vor dem Standgericht nur durch massive Int- ervention der Gottscheer Geistlichkeit bewahrt werden konnten. Dazu kamen die ersten Aktivitäten der Partisanen.

Letzten Endes optierten offiziell 12.093 Gottscheer, zur Erledigung der Formalitäten erschienen 11.818. Im November 1941 begann der Abtransport mit der Eisenbahn, die Züge bestanden aus Personen-, Viehtransport-, Geräte- und Mobiliarwagen. Im Ansiedlungsgebiet gab es drei größere Endstationen:

in Rann trafen 5431 Personen ein, in Lichtenwald 1583 und in Gurkfeld 4154, insgesamt also 11.114. Laut Statistik gab es 511 A- Fälle (Ansiedlung, da "unzuverlässig", im Alt-Reich), wurden 66 Optanten abgelehnt und blieben letziich rund 380 Gottscheer in der Heimat; diese wurden fast alle 1945 nach Osterreich aus- gewiesen.

Die Enttäuschung, die die Umsiedler im Ansiedlungsgebiet erwarteten, sind kaum zu beschreiben. Wo war der "gleichwertige Ersatz des Zurückgelassenen", wo die "geschlossene Ansiedlung", wo die Heimat? Aber es gab niemanden, der für

Beschwerden zuständig war. Als sich Lampeter direkt an Himmler wendet und die Mißstände anprangert, wird er (am 16. Jänner 1942) abgesetzt, mit ihm, und das ist bezeichnend für die Art, mit der die deutschen Dienststellen das Problem der Gottscheer Umsiedler lösen wollten, alle der "Mannschaft" vorstehenden Sturmführer. Um die Angesiedelten nicht völlig zu verwirren, wurde der zweite Teil der Maßnahmen rückgängig gemacht; Lampeter jedoch blieb abgesetzt.

So übte der Gottscheer passiven Widerstand, indem er das ihm zugewiesene Haus nicht annahm, er sich, der bisher selbständige Bauer, als Arbeitnehmer bei der DAG (Deutsche Ansiedlungs-Treuhandgesellschaft) verdingte, um am Unrecht nicht mitschuldig zu sein.

Dann vermerkt die Geschichte die ersten nächtlichen Angriffe von Partisanentrupps auf einzelne Gehöfte und Siedlungen, es erfolgte der verantwortungslose Einsatz der "Mannschaft", nunmehr "Wehrmannschaft" genannt, gegen geschulte Einzelkämpfer. Und die Bombergeschwader der Alliierten, die schon längere Zeit ihre Bahnen nach Norden zogen, ließen am 6. April 1944 die ersten Bomben über dem Ranner Dreieck fallen. Was arbeitsfähig und noch nicht in Uniform war, wurde zum Bau von Schützenlöchern, Panzergräben und anderen Hindernissen eingesetzt. Zwar ließen die Behörden zu Beginn des Jahres 1945 verlautbaren, daß jeder Vorbereitungen zur Flucht zu treffen habe, aber der Befehl zum Abmarsch der Trecks kam aus Graz erst am 8. Mai 1945. Auf den Straßen, die mit sich zurückziehen- den Soldaten und Flüchtlingen aus dem tieferen Südosten verstopft waren, kamen die Pferdefuhrwerke nur langsam vorwärts. Bald beherrschten Partisanen die Rückzugsstraßen, wiederholte "Kontrollen" des Gepäcks fanden statt, mit dem, was sie auf dem Leibe hatten, wurden die Gottscheer von Lager zu Lager getrieben, unter denen Sterntal traurigen Ruhm besaß. Es wurde im Oktober 1945 über Einspruch des Internationalen Roten Kreuzes geschlossen.

Die Uberlebenden dieser Apokalypse fanden sich nach und nach in den Auffanglagern Osterreichs ein.

Der rasch einsetzenden Hilfe der Gottscheer in Amerika, deren Vereine sich 1945 zum .Gottscheer Hilfswerk zusammenschlossen, das den Status einer karitativen Organisation 1946 erhalten hatte, die zur Direkthilfe berechtigt war, verdanken es viele der Flüchtlinge, daß sie die ersten Hungerzeiten überlebten. Dann setzte die weitere Wanderung ein: in die Bundesrepublik und nach Obersee.

In Osterreich betreuten ab 1952 die Hilfsvereine (später in Landsmannschaften umgewandelt) die Landsleute; sie wurden auch Träger kultureller Tätigkeit, wie die Wiedergründung der .Gottscheer Zeitung 1955 in Klagenfurt beweist.

 

 

 

 

 

 

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