Heimat Gottschee

6. Volkstumskampf

 

Der Staat der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS) konstituierte sich am 1. Dezember 1918. Er trat dem Friedensvertrag mit Osterreich, geschlossen am 10. September 1919, am 5. Dezember jenes Jahres bei. Im Artikel 51 dieses Vertrages und im Artikel 44 des Friedensvertrages mit Ungarn hatte sich das Königreich SHS Minderheitenschutzbestimmungen auferlegt, sie wurden am 29. November 1920 unter die Garantie des Völkerbundes gestellt. Der Staat verpflichtete sich, allen seine Einwohnern ohne Unterschied der Geburt, Sprache, Rasse und Religion den Schutz von Leben und Freiheit zu gewähren. Der materiell- rechtliche Charakter dieser Verträge war äußerst unzulänglich; da sie überdies auch eine Klagelegitation der Minderheit nicht kennen, die Minderheit somit gar nicht gleichberechtigte Streitpartei vor einem Schiedsgericht sein kann, war alles mehr eine Fiktion. Einige wahllos herausgegriffene Tatsachen mögen diese Behauptung illustrieren: Mit 31. Dezember 1918 wurden die deutschstämmigen Staatsbeamten zum großen Teil entlassen, das deutsche Gymnasium in der Stadt wurde, wie auch die anderen Schulen daselbst, in slowenische Anstalten umgewandelt, der Leseverein, der Lehrerverein, der Ein - und Verkaufsverein und der Vogelschutz- verein wurden aufgelöst und deren Vermögen eingezogen. Die deutschen Ortsnamen durften vorerst in der Klammer hinter den slowenischen angeführt werden (31. Oktober 1918), wurden aber dann (Juni 1924) verboten. Vor den Behörden war nur die Staatssprache zugelassen, der ihrer unkundig war, hatte sich auf eigene Kosten einen Dolmetsch zu besorgen. Und auf eine Fälschung der Matriken schlechthin lief der Erlaß von 1935 hinaus, der anordnete, die slowenische Schreibung der Vornamen (diese wurden nämlich grundsätzlich slawisiert) habe rückwirkend ab 1929 zu erfolgen!

Besonders der Schule galt der Kampf. Schon 1922 war der bei Kriegsende vorhandene Bestand gravierend geändert, denn 33 Lehrer waren entlassen, pensioniert oder nach Osterreich verzogen, da sie den Zwängen des neuen Staates nicht gewachsen waren. Nur in 16 dieser o. a. Schulen durften deutsche Nebenklassen geführt werden. Die berüchtigte Namensanalyse tat ein übriges: unter dem Vorwand, "Germanisierte" müßten ihrem slawischen Volkstum wieder zugeführt werden, wurden die Familiennamen willkürlich einer Analyse unterworfen. In der Folge gelang es auch vortrefflich, die ministerielle Verordnung vom Ende des Monats Jänner 1931 zu unterlaufen, die im § 45 bestimmte, daß in Orten mit Staatsangehörigen einer anderen Sprache für diese Volksschulabteilung zu errichten sind, wenn zumindest 30 Kinder (in Ausnahmefällen 25) gezählt werden.

So füllten sich die slowenischen Schulklassen, und 1935 waren bereits 1100 Gottscheer Kinder ohne Unterricht in der deutschen Muttersprache, nur 226 Kinder genossen diesen noch. Daß die Gottscheer dies nicht tatenlos hinnahmen, davon zeugt der "Schulaufstand" in Stockendorf (16. Jänner 1926). Aber im Jahre 1939 wurde der letzte deutsche Lehrer aus der Sprachinsel versetzt!

Und die stille, dann aber forcierte Einwanderung von Beamten, Lehrern, Pfarrern, Straßenwärtern usw. ins Ländchen sollte dazu beitragen, die Minderheit aus ihrem Lebensraum zu ver- drängen. Daß die Gottscheer mit der ,,600 Jahr-Feier" im Jahre 1930 noch einmal nachhaltig in Erscheinung traten, mag auf den ungeheuren Selbstbehauptungswillen dieses Sprachinselvolkes zurückzuführen sein, sicher aber auch auf die geistige Einflußnahme bedeutender Persönlichkeiten, wie Dr. Hans Arko, Rechtsanwalt in der Stadt Gottschee, und Geistlicher Rat Josef Eppich, Pfarrer von Mitterdorf bei Gottschee, die es vorzüglich verstanden, alle willigen Kräfte in der Volksgruppe zur gemeinsamen Arbeit anzuspornen. Anstelle der aufgelösten Parteien (Christlich-sozialer Bauernbund und Liberale Bauernpartei) gründeten diese bereits 1919 die Gottscheer Bauernpartei. Über die Bauernpartei arbeiteten die Gottscheer seit 1922 in der Partei der Deutschen im Staate SHS mit und konnten so Verbindun- gen mit dem Deutschtum in Slowenien, ja dem gesamten König- reiche, anknüpfen, insbesondere auch, da Dr. Arko im Hauptausschuß tätig war, Pfarrer Eppich aber im Hauptausschuß des "Politischen und wirtschaftlichen Vereins der Deutschen in Slowenien". Zwar waren die Gottscheer stimmenmäßig zu schwach, um einen eigenen Kandidaten durchzubringen, durch geschicktes Zusammengehen mit ihnen wohlgesinnten Parteien gelang es, Pfarrer Eppich in den slowenischen Gebietsaus- schuß zu wählen und für die Volksgruppe gewisse Erleichterun- gen zu erreichen. Als am 6. Jänner 1929 alle Parteien, die auf der Basis der Nationalität beruhten, aufgelöst wurden, konnten die Gottscheer Dr. Arko als Obmannstellvertreter des Bezirksausschusses der einzig zugelassenen Staatspartei durchsetzen.

Und wie notwendig war jede noch so kleine Minderung des Druckes auf das Volkstum! Im Jahre 1924 zählte die Stadt rund 3500 Einwohner, davon gut zwei drittel Deutschstämmige. Trotzdem waren die slowenischen Gemeinderäte mit 15 gegen die 10 deutschsprachigen in der Mehrheit, also der Bürgermeister ein Slowene. Und als sich am 30. März 1926 das Ausschußmitglied der Stadtgemeinde, Alois Kresse, in einer Wirtschaftsangelegenheit namens der Gottscheer zu Wort meldete, wurde ihm dieses entzogen, da er der Staatssprache nicht mächtig war!

Zwar fand am 20. Juni 1920 in Neusatz die Gründungsversammlung des "Schwäbisch-deutschen Kulturbundes" statt, und Dr. Hans Arko wurde in den Hauptausschuß übernommen, aber erst 1922 konnte in der Stadt Gottschee (und dies auch nur für eine ganz kurze Zeit) eine Ortsgruppe gegründet werden. Die Satzungen wurden 1931 für das ganze Königreich genehmigt, von der Stadt Gottschee ausgehend, entstanden wieder Ortsgruppen. Aber 1934 wurden vom Auerspergschen Forstbesitz mehr als zwei Drittel enteignet. Damals schrieb eine angesehene slowenische Zeitung: "Das letzte Bollwerk der Gottscheer ist gefallen." 1937 erschien ein Grundgesetz, das es den Gottscheern unmöglich machte, Grund und Boden zu erwerben, denn sie wurden als jugoslawische Staatsbürger deutscher Nationalität Ausländern gleichgestellt. Trotzdem waren nach einer privaten Zählung im Jahre 1941 von den 840 km2 des Bodens der Gottscheer Sprachinsel immer noch 547 km2 in den Händen der Gottscheer Waldbauern, 63 km2 Gottscheer Gemeindebesitz, 176 km2 enteigneter deutscher Waldbesitz und nur 53 km2, d. s. etwas mehr als 6 Prozent, slowenischer Zwergbeuernbesitz. Zwar fehlte es nicht an positiven Stimmen; so wies z. B. Banus Dr. Putz am 14. April 1935 anläßlich eines Besuches in Gottschee darauf hin, daß auf diesem Flecken schon Jahrhunderte zwei Völker ohne größere Reibungen nebeneinander leben. Und die Antwort: Am 10. Juli 1935 wurde das Kulturbund- heim in Mitterdorf eröffnet, die Teilnehmer am offiziell genehmigten Fackelzug wurden von slowenischen Extremisten tätlich angegriffen. Und Banus Dr. Natlacen erklärte 1936 in Gottschee: "Nach Gottschee sind wir um 20 Jahre zu spät gekommen."

1936 wurden die Vertreter der Gottscheer wieder bei den slowenischen Behörden in Laibach vorstellig, um auf die beklagenswerten Zustände hinzuweisen; diese reagierten mit dem Hinweis auf die Lage der Slowenen in Kärnten. Pfarrer Eppich und Dr. Arko sprachen nunmehr in Klagenfurt beim Landeshauptmann vor, wobei die Forderungen der Kärntner Slowenen "besprochen und deren Erfüllung auf Grund der Gegenseitigkeit. . ." zugesagt wurde. Die Banschaftsverwaltung in Laibach hingegen verweigerte eine Unterredung darüber mit der Begründung, dafür nicht zuständig zu sein.

Rechtsunsicherheit, Ermessensmißbrauch durch die Behörden, die in Gesetzen und Verordnungen aufscheinende Absicht, die Gottscheer als Minderheit aus ihrem Lebensbereich zu verdrängen und sie wo immer zu diskriminieren, kennzeichnen jene Zeit. Was Wunder, daß sich der Gottscheer seiner eigenen Kräfte bewußt wurde?

Den Anstoß zur wirtschaftlichen Selbsthilfe gab der Student der Philologie aus Freiburg i. Br. Volker Dick, der seine Studien in Gottschee an Ort und Stelle intensivieren wollte, hier aber erkannte, daß ein Volk im Vergehen war. Von dem Gedan- ken besessen, zu helfen, änderte er sein Studienziel, er wurde Volkswirt. Sein Plan zur "Sanierung der Gottscheer Wirtschaft dürfte zweifellos der fundamentalste Beitrag von Entwicklungshilfe gewesen sein, der je in einem volksdeutschen Gebiet geleitet worden ist" (Dr. Podlipnig). Dazu muß vermerkt werden, daß er aus der Deutschen Jugendbewegung kam (eine Organisation, die mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun hatte) und nicht im Auftrag des Deutschen Reiches arbeitete.

Sein Vorhabenging dahin, die Landwirtschaft zu modernisieren, d. h. Tierrassen auszuwählen und moderne Grundlagen für die Tierhaltung zu schaffen, Feldfrüchte auf ihren Ertrag hin zu überprüfen, Absatzmöglichkeiten für Milch und überhaupt die landwirtschaftlichen Produkte zu schaffen, das Gebiet als Fremdenverkehrsland attraktiv zu machen. Das nötige Geld sollte (nach einem Gedanken von Dr. Arko) durch die Hausierer im Deutschen Reich hereingebracht werden. Die Verwirklichung dieser Pläne war für 1943 - 44 vorgesehen, aber die jugoslawischen Behörden haben 1936 Dr. Dick und Ing. Neunteufel verhaftet, angehalten und anschließend ausgewiesen. In diesem Jahr wurden auch die Ortsgruppen des Kulturbundes wieder verboten.

Wegen seiner "Verbindung" zu Dr. Dick wurde Dr. Hans Arko von den jugoslawischen Behörden nicht mehr als integer angesehen; auf diese Art halfen sie eigentlich, daß sich die Gottscheer Volksgruppe der "jungen Führung", die sich um Willi Lampeter geschart hatte und hinter der ein Großteil der Jugend stand (Generationsproblem), anschloß; im November 1938 trat Arko zurück, und auch Pfarrer Eppich übergab die "Gottscheer Zeitung" in jüngere Hände.

 

 

 

 

 

 

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