Heimat Gottschee

5. Türken und Franzosen

 

Schweres Leid brachten die Türkeneinfälle über das Land. Schon beim ersten Raubzug, 1469, verbrannten sie den Hauptort, 1471 fielen sie dreimal ein, 1.476 und 1477 je zweimal; 1480 plünderten sie, der schwerste Einfall erfolgte 1491. Auch die Jahre 1522, 1528, 1530, 1540, 1546, 1557, 1558, 1559, 1584, 1598 sahen die Türken im Land. Siebenmal zündeten sie die Stadt Gottschee an, aus Krain verschleppten sie 1471 rund 40.000 Menschen, 1475 brannten sie 200 Dörfer nieder und verschleppten 20.000 Bewohner. Einigermaßen Schutz boten die Tabore, Befestigungen, in der Regel um die Kirche angelegt, vor allem aber die Warnfeuer, die ab 1522 von den Bergen (über den Spahaberg bei Preriegel bis zum Schweineberg) die drohende Gefahr kündeten; auch Wälder wurden mit Schlägerungsverbot belegt. Die Gottscheer waren damals "des Landes Chrain Warnung und gleichsam Schildwach" (Valvasor).

Was für eine Zeit! Ständig drohte der mordende, plündernde Türke, der Kaiser verlangte Geld für die Abwehr, die Grundherren versuchten, es aus den Untertanen herauszupres- sen, Robot zum Anlegen von Sperren (Gottscheer kamen dabei bis in die Gegend von 0gulin) , ständiger Wachdienst bei den Kreithfeuern, was Wunder, daß das Faß übervoll war: 1515 erschlugen die Bauern ihren Herrn Thurn und dessen Pfleger Stersen, der Aufstand breitete sich von hier über ganz Krain aus.

Auch die Reformation fand bis nach Gottschee, und Stadtpfarrer Leonhard Zieglfest nahm die Schwester des Stadtrichters Philipp Schweiger zur Ehegemahlin. . .

Die Grafen von Blagay, 1512 aus Slunj-Karlstadt vor den Türken geflohen, wurden 1547 Pfandinhaber der Herrschaft Gottschee. Graf Franz steigerte den Wert der Herrschaft durch kluge Wirtschaft: 25 neue Dörfer entstanden im NO entlang des Hornwaldes, der Neuberg bei Tschermoschnitz wurde mit Reben bepflanzt. Und das Urbar von 1574 verzeichnete 136 deutsche Dörfer und Weiler, in denen 1400 vollberechtigte Bauernfamilien, 30 Halbhübler, 14 Viertelhübler und 133 Keuschler wohnten, vielleicht rund 8000 Menschen. Graf Franz war der zweite Kolonisator von Gottschee. Am Rande sei erwähnt, daß in den Schreibstuben der Blagay kroatische Schreiber saßen, daß in der Folge in Gottschee Namen mit der Endung auf -itsch auftauchen (z. B. Michitsch, Jaklitsch).

Ein kurzes Zwischenspiel boten die Freiherren von Khysel (1619); ihnen folgten die Auersperge 1641, seit 20. März 1792 Her- zöge von Gottschee.

Die Unruhen des 17. Jahrhunderts (Dreißigjähriger Krieg, Glaubenskämpfe) scheinen unser Land nicht sonderlich berührt zu haben. Diese Feststellungen dürfen wir auch aus der Tatsache folgern, daß viele der Bildstöcke ("Pillain") aus dem 18. Jahrhundert stammen. Aus dieser Zeit, u. zw. aus dem Jahre 1745, haben wir auch eine exakte Angabe über die Bevölkerung: fünf Pfarren werden auf dem Gebiete der Sprachinsel aufgezählt, u. zw. Gott- schee (3250 Einwohner), Rieg (1562 E.), Mösel (910 E.), Nesseltal (1665 E.) und Tschermoschnitz (1692 E.), also insgesamt 9079 Einwohner; und eine Niederschrift aus dem Jahre 1770 läßt erkennen, daß die Innenkolonisation weiter fortgeschritten ist, denn der Ostsaum der Sprachinsel (u. a. auch Maierle) wurde besiedelt, ebenso deren Nordosten. Wenige neue Siedlungsstätten erstehen am Westfuß des Hornwaldes, im Suchener Hochtal nur Suchen und Merleinsrauth. Die nächste Siedlungsphase endet um 1825, mit ihr ist aber die Aufnahmsfähigkeit des Gottscheer Bodens restlos erschöpft. Wohin also mit den Menschen?

Inzwischen fegte der Sturmwind der Französischen Revolution, vor allem in der Kriegsfurie der Napoleonischen Heere, über Europa. 1797 errichten südlich des Schweineberges 2892 qottscheer, 833 Reifnitzer und 565 Kostler fünf Befestigungsanlagen, sie wurden von den Franzosen 1809 durchbrochen. Am 7. Juli legte Napoleon Krain eine Kriegskontribution von 15,260.000 Franken auf, deren erste Rate (2,000.000) nach drei Monaten fällig war. Da das Land dies nicht leisten konnte, führten die Behörden 20 angesehene Bürger Krains (unter ihnen Graf Alexander Auersperg) auf die Festung PaIrnanova. Darauf- hin rotteten sich am 10. September 600 Gottscheer zusammen1 der Aufstand wurde zwar eingedämmt, aber am 8. Oktober überfielen die Aufständischen die französischen Garnisonen in der Stadt Gottschee und in Möttling. Diese Unruhen, bei denen es auf beiden Seiten Tote gab, breiteten sich über ganz Krain aus und veranlaßten die Besatzungsmacht zu rücksichtslosem Eingreifen. Die Stadt Gottschee wurde vom 16. bis 18. Oktober zur Plünderung durch die Soldaten "freigegeben" (welches Leid verbirgt sich dahinter!) und die Rädelsführer Johann Jonke (Gottschee), Matthias Dulzer und Georg Eisenzopf (Malgern), Johann Erker (Windischdorf) u. a. wurden am 18. Oktober 1809 standrechtlich hingerichtet. Trotz allem beruhigte sich das Ländchen erst, nachdem die Freilassung der Geiseln erfolgte (8. November 1809).

Die Illyrischen Provinzen (Teile von Kärnten und Osttirol, Krain) existierten als Bestandteil des Kaiserreiches von Napoleon I. nur vom 14. Oktober 1809 bis zur Völkerschlacht bei Leip- zig (16. bis 19. Oktober 1813). Dieses Zwischenspiel genügte jedoch, den Nationalismus zu entfachen1 er erlebte den ersten großen Ausbruch 1848 und endete nicht, bis der letzte Deutsch- stämmige assimiliert oder vertrieben war (Dr. Podlipnig). In dieser Richtung zielte auch die durch kaiserliches Patent 1851 erlas- sene neue Verwaltungseinteilung des Gottscheer Ländchens: ein Teil des Waldens (mit Langenton) kam zu Seisenberg, die Moschnitze zu Rudolfswert, Masern zu Reifnitz und Stockendorf zu Tschernembl. Der Wahlbezirk Gottschee, der alle deutschsprachigen Gemeinden vereinte, um einen eigenen Delegierten in den Reichsrat zu entsenden, war ein später und schwacher Ersatz dafür. Der Delegierte war übrigens (1907) Fürst Karl von Auersperg.

In der Stadt Gottschee bestand schon im 17. Jahrhundert eine gut besuchte Schule, 1818 wurde die öffentliche Schule in Altlag, 1819 jene in Mitterdorf gegründet, es folgten weiter Eröffnungen, die Periode vor dem Erlassen des Reichsvolksschulgesetzes schloß Ebental1863 ab. Nach dem 14. Mai 1869 kamen kleinere Orte an die Reihe. Nicht zu übersehen sind die Eröffnung des Untergymnasiums in der Stadt Gottschee (1872) und der Fachschule (1882).

Die kurze Zeit zwischen 1860 und 1880 bedeutete den Höhe- punkt der Entwicklung des Gottscheer Ländchens. Im Jahre 1857 zählte man 898 Pferde, 5086 Schafe, 4261 Ziegen, 5728 Schweine und 12.829 Stück Vieh. Der Höchststand der Einwohner ist 1867 mit 25.916 erreicht. Dann beginnt ab 1880 der rasche Rückgang (19.790) mit der Auswanderungswelle, im Jahre 1921 leben noch 12.680 Gottscheer in der alten Heimat, und im Jahre 1938 waren 22 Prozent der insgesamt 4586 Häuser schon unbewohnt.

Die Überzeugung des Gottscheers, in die Welt hinaus zu müssen, da ihm die Heimat bei allem Fleiße nur ein kümmerliches Dasein gewähren könne, brachte eine geistige Umorientierung mit sich. 1835 wagten die ersten drei Gottscheer aus der Moschnitze den Weg über das Meer, es fdlgten weitere. Sicher, verheiratete Väter kehrten wieder zurück ging es ihnen doch in erster Linie darum, Geld für die Erhaltung des Hofes zu verdienen. Die Jungen, Ledigen aber bauten sich in der Ferne ihre Existenz auf, und ab 1885 hatte sich die Zielrichtung geändert: man fuhr in die Neue Welt und - blieb dort. Dabei verfielen die Häuser daheim, die Landwirtschaft blieb zurück, denn die Alten konnten es nicht mehr schaffen, es entwickelte sich eine Art "Rentnerbauerntum": der Zuschuß aus den Staaten ließ die Daheimgebliebenen einigermaßen leben, ohne die Möglichkeiten, die das Land bot, ganz auszuschöpfen. Im April 1905 zählte man schon 5059 Ausgewanderte, und 1913 lag bereits ein Drittel

der Äcker brach. Als Beispiel dafür, wie die Dörfer starben, möge Altfriesach stehen: 1870 sind 30 Häuser bewohnt, 1935 noch 18! Der Erste Weltkrieg unterbrach den Auswandererstrom; trotzdem lebten 1919 schon rund 20.000 Gottscheer in Amerika.

Ich zitiere Dr. Viktor Michitsch (Gottscheer Zeitung. vom Dezember 1973, Seite 11, Beilage 56):

    Eine Bestandsaufnahme um diese Zeit ergibt: Geschlossener deutscher Siedlungsraum von 860 km2, ohne slowenische Enklaven, mit natürlichen Grenzen. Das Land gehörte zu drei politischen Bezirken, umfaßte fünf Gerichtsbezirke, 25 deutsche politische Gemeinden, 42 Katastralgemeinden und war ein Reichsratswahlkreis. Die Seelsorge wurde über 17 deutsche Pfarreien ausgeübt. Die Stadt Gottschee hatte ein deutsches Vollgymnasium, besaß ein deutsches Studentenheim (21. Mai 1909 gekauft), eine deutsche Bürgerschule, eine Holzfachschule, eine Gewerbliche Fortbildungssschule, das deutsche Stiftungshaus der Maria Stampfl in Prag (Waisenhaus), zwei Kindergärten, Turnverein, Gesangsverein, Theaterverein, Handwerksverein, eine deutsche Bibliothek, einen deutschen Lehrerverein, 20 Schulvereinsortsgruppen (1880 gegründet), 22 Südmarkortsgruppen (1893 gegrün- det) und eine Filiale der alten Landwirtschaftsgenossenschaft von Krain. Über das Land verstreut waren 33 deutsche Volksschulen mit 65 Klassen (keine einzige slowenische Volksschule) und zwei deutsche Kindergärten. Es amtierte seit 1891 ein deutscher Schulinspektor. 60 deutsche Lehrer unterrichteten. Die 25 deutschen Feuerwehren des Landes bildeten einen Gauverband. An Finanzinstituten waren eine Sparkasse und zwölf Raifteisenkassen vorhanden. Pressemäßig wurde der Gottscheer durch die Schrift "Der Landwirt", die periodische Schrift "Der Gottscheer Bote", in der Folge durch die "Gottscheer Nachrichten" und die "Gottscheer Zei- tung", welche heute noch erscheint, versorgt,. weiters durch den seit dem Jahre 1921 erscheinenden "Gottscheer Kalender".
Es verwundert daher nicht, daß der "Gottscheer Volksrat", 1906 analog jenen im Buchenland, in Galizien usw. gegründet, "um die nationalen Belange Gottschees zu wahren", den Versuch initiierte, eine "Deutsche Republik Gottschee" unter dem Patronat der USA zu gründen, wobei darauf hingewiesen wurde, daß z. B. der größte europäische Zwergstaat, Andorra, um die Hälfte kleiner sei als Gottschee. Zugleich bemühte man sich auch um den Anschluß von Gottschee an die Republik Deutschösterreich. Beide Versuche scheiterten; nichtsdestoweniger erklärte er am 19. März 1919 im Namen der Gottscheer dem neuen Staate deren Loyalität.
 

 

 

 

 

 

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