Heimat Gottschee

4. Vorgeschichte und Ortenburg

 

Die wissenshungrige Gruppe, die Pfarrer Josef Eppich um sich sammeln konnte, lüftete an jenem 23. Juli des Jahres 1924 den Vorhang über die frühe Geschichte unserer Heimat ein wenig: auf dem "Hianarpichl" bei Obrern wurde ein Aschengrab freigelegt, es datiert aus der Hallstattzeit (750 bis 450 v. Chr.). In eine ältere Periode der Menschheitsgeschichte reichen die Funde bei Seele, wo 1971 neben verschiedenem Steinwerkzeug auch Knochen des Alpenmurmeltieres und Hirschknochen gefunden wurden. In die ausgehende Bronzezeit bzw. in deren Übergang in die Aschengrabkultur (12. Jahrhundert v. Chr.) führt der Depotfund vom 8. April 1977 bei der Anlegung des Forstweges im Gebiet Buchberg-Vornschloß. Die gefundenen dreizehn Bronzewerkzeuge und -waffen gehören neben den Funden in den Grotten von Seele zum Bedeutsamsten, was bisher von der vorgeschichtlichen Besiedlung zeugt.

Dann hören wir lange nichts, können aber mit einiger Gewißheit annehmen, daß die Römerstraße Emona-Weißkrain das Ländchen berührte. Nach der Zeit der Völkerwanderung kamen die Slawen aus dem 0 und SO, in den Alpenländern stießen sie auf die Bayern, die aus dem Norden vorrückten und, wie jene, den Flußtälern folgten, um neues Land zu gewinnen. Die Herrscher des Frankenreiches belehnten Adelige und Bistümer mit Grund und Boden, und daß es dabei nicht ohne Streitigkeiten abging, beweist der Schiedsspruch Kaiser Karls I., in dem er am 14. Juni 811 die Drau zur Grenze zwischen den Bistümern Salzburg und Aquileja bestimmte. Im Jahre 1011 belehnte Kaiser Heinrich N. den Patriarchen Siegehard mit Krain und der Windischeli Mark, und zwar, soweit sich diese nicht schon in der Hand anderer Herrschaften befand. Der Patriarchenstaat erkor sich Inner- und Unterkrain als Siedlungsgebiet; das Zirknitzer Becken, das ihm schon Kaiser Heinrich 111. 1040 überantwortet hatte, wurde zum Zentrum der kolonisatorischen Ausstrahlung nach SO.

"Ohne die Ortenburger hätte es den mittelalterlichen Oberkärntner in der Gottscheer Ausprägung nicht gegeben", sagt Dr. Erich Petschauer (a. a. 0.). Die Ortenburger treten 1010 auf, sie werden 200 Jahre später (am 20. September 1211) Lehensnehmer der Patriarchen, zugleich aber deren militärische Schutzmacht, wie es der Prunktitel "Schwert von Aquileja" verrät. Daß das Adelsgeschlecht um diese Zeit bereits in Unterkrain, und zwar in unserem Ländchen, begütert gewesen sein muß, geht aus dem Teilungsvertrag (1263) zwischen den Brüdern Friedrich 11. und Heinrich 111. von Ortenburg hervor (" . . . und Reivenz mit Leuten, Gütern und allen Zugehörungen bis zum Wasser, welches insgemein Chulp heißt.. ."). Die Ansiedlungen dürften jedoch um das spätere Gottscheer Land angelegt worden sein. Im Vertrag auf Burg Treffen (1211) hat Patriarch Raimund della Torre den Vasall gedrängt, die Besiedlung des Waldes in Unterkrain zu beginnen bzw. voranzutreiben. Jedoch die Nachwirkungen der "kaiserlosen, schrecklichen Zeit" (1254-1213) waren noch zu spüren, die politische Lage, besonders die Absichten des neuen Herrn in Osterreich, Rudolfs I., des ersten Habsburgers, noch sehr unklar, es fehlte an Geld und auch an Menschen, denn auch in Oberkrain lief damals die Ansiedlung noch. Dazu lagen die Ortenburger mit dem alteingesessenen Geschlecht der Auersperge, deren Schloßbau auf dem Auersperg auf das Jahr 1061 zurückgeht, in Streit, der 1320 in Laibach beigelegt wurde. Anlaß zur Fehde müssen Uberfälle der Ortenburger auf Auerspergische Güter gewesen sein, um sich Leute anzueignen, die sie auf ihren Ländereien ansetzten. Diese "stille" Ansiedlung dürfen wir als jene erste Phase der Kolonisation von Gottschee betrachten, die als Randbesiedelung des Unterkrainer Waldes mit gemischtsprachigen Gruppen aufzufassen ist. Zwischen 1310 und 1314 könnte dies unter Graf Meinhard I. geschehen sein, damals dürfte auch Göttenitz entstanden sein. Nach Meinhards Tode (1332) wurde dessen Bruder Otto V. zum erfolgreichen Kolonisator, wobei ihm die Zusammenkunft am 11. Juni 1336 in Villach mit Patriarch Bertrand von Aquileja und die neuerliche Belehnung mit den Schlössern Orteneck, Pölan und Grafenwarth (das spätere KosteI) ". . . wie von alters her. . ." den Rückhalt gaben. Es werden dann, eher unauffällig, im Verlaufe von zumindest 20 Jahren rund 500 bis 600 Menschen als Uransiedler gekommen sein.

Jede Siedlergruppe erhielt von der Herrschaft ein abgestecktes Stück Waldland zur gemeinsamen Rodung zugewiesen, dann erst wurde es aufgeteilt, und zwar in der germanischen Gewannflurart mit dem Wiesenland als Allmende; diese und der Wald waren der gemeinsamen Nutzung freigegeben, soweit letzteren die Herrschaft nicht für sich behielt. Die gerodeten Teile wurden von den Neubauern in unkündbarer Erbpacht gegen die Verpflichtung übernommen, der Herrschaft Zins zu zahlen. Es kann angenommen werden, daß jeder Ansiedler eine volle Hufe (Hube) mit sämtlichen Rechten bekam. Im Urbar von 1514 scheinen jedoch die meisten Besitzer als Halbhübler auf; sicher hat die natürliche Volksvermehrung innerhalb dieses Zeitraumes zur Aufteilung der Vollhufe geführt (Dr. Podlipnig).

Der Freisinger Besitz in Oberkrain gliederte sich (nach Prof. Saria) um 1300 in fünf Ämter, die nach den Herkunftsländern der Siedler bezeichnet wurden. Leider finden wir über Gottschee keine derartigen Niederschriften. Einen fast vollwertigen Ersatz jedoch bieten die Ergebnisse der vergleichenden Sprachforschung, bahnbrechend die These von Dr. Kranzmayer, daß ". . . Gottschee. . . von Kolonisten aus dem tirolisch-kärntnerischen Grenzgebiet. . ." besiedelt wurde. Weitere Arbeiten, so von Dr. Maria Hornung und Dr. Walter Tschinkel, haben dies untermauert.

Die Urkunde vom 1. September 1339 mutet ausgesprochen "heimisch" an, denn sie nennt den Ort Mooswald, wo Graf Otto V. auf Erlaubnis des Patriarchen Bertrand von Aquileja einen Kaplan anstellen darf. Es verwundert - wie so vieles in der Geschichte Gottschees - wieder, daß in der Urkunde vom 1. Mai 1363, also knapp 24 Jahre später, diese "villa" Mooswald als Landgut, vielleicht auch als "Basisdorf" für die Ansiedlung zu verstehen, nicht mehr aufscheint, vielmehr tauchen, neben den bis jetzt bekannten Orten (Pölland, Kostel und Ossiunitz), nunmehr zwei neue Namen auf: Goteniz und Gotsche.

Da es sich bei der Ansiedlung um keine nationale, sondern um eine wirtschaftliche Sache handelte (nationale Momente spielen erst ab etwa 1848 jene Rolle, die in der Katastrophe der 1. Hälfte unseres Jahrhunderts gipfelt), sollen hier die jahrzehntelangen Streitereien um die Herkunft der Ortsbezeichnung "Gottschee" außer acht bleiben. Da Mooswald in der zweiten Urkunde, 1363 vom selben Lehensherrn wie jene aus 1339 ausgestellt, nicht mehr vorkommt, aber das in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene "Gotsche" bereits Pfarre ist, muß letztere Siedlung größer, bedeutender gewesen sein. Sie könnte also in der ersten Ansiedlungsphase durch Meinhard I. (s. d.) angelegt worden sein, der die Siedler von den Oberkrainer Gütern der Ortenburger geholt und an der Rinse angesiedelt hat; diese Menschen brachten die Ortsbezeichnung "Hocevje" aus ihrer Heimat mit. Die Neusiedler deutscher Zunge machten daraus in der Mundart, indem h zu g wurde, je am Ende wegfiel, v als b gesprochen und e der Schlußsilbe durch den Druck der Betonung zu ea wurde, "Göttscheab" (Dr. Petschauer). Kaiser Friedrich 111. nennt den Ort in einer Urkunde vom 23. November 1377 "unsern Markt ze Gotse". Er erhebt ihn am 1. Mai 1471 zur Stadt, wobei er die Befestigung und Verlegung in den Rinsebogen anordnet. Im Jahre 1574 hatte die Stadt 600 Einwohner, 1817 erst 900, aber 1857 bereits 1500. Die Volkszählung von 1910 weist in 304 Häusern 2531 Einwohner auf, 1931 sind es 3079, 386 Häuser werden 1938 gezählt.

Inzwischen waren die Urheber der Ansiedlung, die Ortenburger, schon ausgestorben (1418), ebenso die Cillier, die sie beerbten (1456), und das Gebiet war an die Habsburger gefallen. Mit ihnen, die bald dieses, bald jenes Stück des Landes bald diesem, bald jenem Adelsgeschlechte verpfändeten, begann der Zerfall der deutschen Besiedlung von Unterkrain. Absplitterungen im Norden, wo Reifnitz, 1415 mit einer deutschen Schule genannt, wo Ortsnamen wie Deutschdorf, Neustift usw. vorkommen, von der Umgebung aufgesaugt wird; im Süden, wo die Herrschaft Kostel in den Türkenkriegen verlorengeht, eine Landschaft, in deren Urbaren (1573, 1574) trotz der von Beginn an stark gemischten Besiedlung deutsche Familiennamen reich vertreten sind.

 

 

 

 

 

 

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