Heimat Gottschee

3. Dorf und Volkstum

 

Gibt es das typische Gottscheer Dorf?

Zentren der Uransiedlung und Innenkolonisation, vertikale Gliederung und Zwänge der Gegebenheit bedingen es, daß wir eine Vielfalt von Dorfformen vor uns haben. Eigenartig berührt, daß der Einzelhof des Alpengebietes nirgends anzutreffen war, ebenso nachdenklich stimmt, daß auch die Gründungssiedlungen in ihrem oft vollkommen regellosen Charakter schwer zu deuten sind, vielleicht, weil der Grundherr (fast) keine Vorschriften dazu erließ, um die Dorfanlage ideal den Geländeformen anpassen zu können.

Ansehnlich ist die relative Höhe zwischen dem am tiefsten gelegenen Dorf der Sprachinsel, Pöllandl (200 m), und der höchstgelegenen Siedlung, Gatschen (942 m); letztere wurde allerdings bereits 1927 aufgelassen. Die Siedlungen des Hauptbeckens liegen zwischen 459 m (Lienfeld) und 492 m (Schalkendorf), die Stadt selbst liegt auf 460 Metern Seehöhe. In kleinen Mulden mit Humusdecke liegen die Orte knapp westlich des Hornwaldes (Altlag 402 m). Allerdings gibt es auch viele Dorfan- lagen in Hochbecken, so im Suchener Hochtal, aber auch am SW -Fuße des Hornwaldes, z. B. Reichenau (665 m). An den beidseitigen Abdachungen des Hornwaldes entstanden Hangsiedlungen, ebenso an dessen Süd- und Südostrand: Lichtenbach (674 m), Stockendorf (737 m). Wie Inseln heben sich die Ortschaften in den Waldungen ab; sie fehlen zwar im Göttenitzer und Friedrichsteiner Gebiet, liegen aber an den Abdachungen des Hornwaldes über 900 m hoch, z. B. Untersteinwand (938 m).

Der Muldenform der Böden und dem Verlauf der diese durchziehenden Straßen folgen die Straßendörfer, in der Regel ohne Seitengassen (Grafenfeld); unregelmäßige Straßendörfer, die den Eindruck eines Haufendorfes erwecken, entstehen, wenn sich zwei Verkehrswege kreuzen (Mitterdorf bei Gottschee) oder die Talfurche eine Ausdehnung auch nach einer anderen Seite gestattet (Nesseltal). Haufendörfer entstanden auf Kuppen (z. B. Mösel). Zu den Reihendörfern, in denen die Häuserreihen senkrecht zum Verkehrsweg stehen, zählen wir u. a. Malgern.

Nicht in jeder Landschaft sind die gleichen Baumaterialien gleich leicht erreichbar, daher prägt jede Landschaft ihren Häusertyp; in Gottschee war es ein einfaches Haus, das seinen Giebel der Straße zukehrte, wobei sowohl Holz als auch Steine als Baumaterial verwendet wurden.

Unverkennbar ist die Ähnlichkeit der Kirchen von Gottschee mit jenen von Unterkrain, trotzdem wirken jene viel zurückhaltender, es fehlt ihnen die Beschwingtheit, die den Unterkrainer Gotteshäusern ihre heiteren Glockentürmchen verleihen.

Es fällt auf, daß die zweite bairische Ortsnamenschicht, nämlich jene, deren Bezeichnungen von den Landschaftsformen und der Besiedlung abgeleitet sind, fast ausschließlich vorkommt. Es gibt z. B. 13 Ortsbezeichnungen, die mit -dorf enden, ebenso viele enden mit -berg, 12 mit -bach (-bacher), 7 mit -büchel usw. Daß keine einzige Ortschaft den Namen eines Hei- ligen trägt, ist vielleicht daraus zu erklären, daß die Siedler vor- erst auf sich selbst angewiesen waren; daß die geistliche Betreuung erst später kam, dafür ist uns u. a. die Urkunde vom 1. September 1339 ein Beweis. 17 Ortsnamen entstammen dem Sla- wischen, bei 37 Zwitterformen kann dies der Fall sein; 124 Orts- bezeichnungen sind deutsch. Eine nach allen Richtungen hin befriedigende Deutung des Namens Gottschee, dürfte über- haupt nicht zu geben sein - aber, das ist heute nicht mehr wesentlich.

„ . . sintemal durch das Wort Gottschee nicht nur eine Stadt, sondern auch eine Grafschaft. . . verstanden wird, deren Einwohner. . . sowohl ihre eigene Sprache als Kleidertracht haben. . . Überdies ist ihre Sprache recht altväterisch und grobdeutsch und begreift gar alte deutsche Worte. . .". Das lesen wir schon bei Valvasor (1689).

Diese erste Erkenntnis, daß unsere Gottscheer Mundart altertümlich sei, hat sich nach 300 Jahren nicht geändert, wie folgendes Zitat aus 1916 beweist:

"Wer sich mit der geistlichen Dichtung der ausgehenden Babenbergerzeit beschäftigt, dem werden sicher bald Parallelen zur Motivik der Gottscheer Volkslieder auffallen. Noch viel überraschender wird uns aber die Feststellung treffen, daß besonders Satzbau und Wortwahl dieser frühmittelalterlichen Literatursprache bis heute im Gottscheerischen fortleben. Kaum ein anderer Dialekt hat sich soviel vom Reichtum dieses frühmittelalterlichen deutschen Literaturidioms bewahrt." (Dr. Günter LipoId, Germanistisches Institut der Universität Wien).

Unsere Mundart hat zwar keinen einheitlichen Charakter, trotzdem ergeben sich keine festen Grenzen zwischen den Talschaftsmundarten. Einheitlich wurde überall die Lautverschiebung durchgeführt, und es finden sich Formen, die in das Mittel- hochdeutsche, andere, die ins Althochdeutsche reichen, wie wir Dr. Walter Tschinkels "Wörterbuch der Gottscheer Mundart", I. Bd., Seite XV, entnehmen können. Zwei lautliche Parallelen, die es im gesamten Bairischen nur in Tilffach und in Gottschee gibt (Dr. Hornung, a. a. 0., Seite 146), haben der Annahme, die Gott- scheer Uransiedler müßten aus den tirolisch-oberkärntnerischen Besitzungen der Ortenburger stammen, von der Lautforschung her starken Rückhalt gegeben. Was Schröer 1861 für unsere Mundart sagt, sie sei nämlich „ . . eine äußerst wertvolle . . . Quelle für germanistische Studien. . .", gilt in besonderem Maße für das Gottscheer Volkslied. Die umfangreiche Sammlung, die Dr. Hans Tschinkel schon vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges zusammengetragen hatte (1110 Nummern), ging wegen des Krieges nicht mehr in den Druck.

Davon sind heute einige Kostbarkeiten bereits festgehalten; es liegen vor:

  • drei Bände "Gottscheer Volkslieder",
  • Schott, Mainz (1969); "Gottscheer Volkslieder mit Bildern und Weisen", Berlin (1930),
  • "Gottscheer Volkslieder aus mündlicherUberlieferung" (drei Langspielplatten, Freiburg, 1967),
  • je eine Platte der Gottscheer Chöre, New York und
  • der "Gottscheer Sing- und Trachtengruppe Klagenfurt" (1976).

Wo unsere Trachtenträger in der Öffentlichkeit auftreten, erregen sie Interesse. "Ein Relikt mittelalterlicher Mode" nennt Dr. Kundegraber die Frauentracht; zum in acht Zwickel ausgehenden Frauenhemd hat sie Parallelen in Stoffresten aus Wikingergräbern auf Grönland gefunden!

 

 

 

 

 

 

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