Mitten in der Arbeit kam mir der
Gedanke, wieviel Büroklammern wohl ein Karton enthält,
auf dem groß zu lesen war: »Inhalt 1.000 Stück«. Ich
rechnete mühelos aus daß die Post geschädigt würde,
wenn in jeder Packung, die sie kauft, nur je 5 Stück
fehlten. Bei 50 Packungen würden gleich 250 Stück
fehlen, bei 1.000 Packungen gleich 5.000 Stück und bei
10.000.000 Packungen würden sage und schreibe 50.000.000
Stück fehlen. Diese Erkenntnis ließ mich nicht mehr zur
Ruhe kommen, und so schüttete ich kurzentschlossen den
Inhalt einer unangebrochenen Packung aus und begann
eifrig, den Inhalt nachzuzählen.
In 15 Minuten war ich fertig und stellte fest, daß in
der Packung drei Büroklammern fehlten, denn es waren nur
997 Stück vorhanden. Das war ein Präzedenzfall, mit dem
ich ganz allein und in persönlicher Verantwortung fertig
werden mußte. Ich entschloß mich, bei der Lieferfirma,
die auf der Packung vermerkt war, eine schriftliche
Beschwerde einzureichen, denn schon im zarten Knabenalter
hatte ich gelernt: »Wehret den Anfängen!«
Um noch ganz sicher zu gehen, zählte ich zum zweitenmal
durch. Jetzt fehlten nur noch 2 Stück. Hatte ich mich
geirrt? Konnte ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, in
einem Beschwerdeschreiben an die Lieferfirma unwahre
Angaben anzuführen? Nein! Schließlich hatte ich einen
Beamteneid geschworen und besaß die besonders wertvolle
postalische Beamten-Ethik. Also zählte ich nochmals
durch. Jetzt fehlten 4 Stück. Um ganz sicher zu gehen,
zählte ich bis zum Abend mehrmals durch und kam in den
nächsten Tagen nach Anwendung mathematischer Regeln der
Häufigkeitsverteilung aus der
Wahrscheinlichkeitsrechnung zu dem wissenschaftlichen
Ergebnis, daß drei Büroklammern tatsächlich fehlten.
Ich setzte ein forsches Beschwerdeschreiben auf und
erhielt nach drei Tagen die Antwort der Lieferfirma, es
könne gut sein, daß die Stückzahl nicht gestimmt habe,
weil man aus Rationalisierungsgründen die Büroklammern
vor dem Verpacken nicht abzählen, sondern abwiegen
würde. Um aber mangelhafte Lieferungen in Zukunft
auszuschließen, würde man ab sofort jeder Packung
zusätzlich 10 Büroklammern beifügen.
Ein Postheamter ist nicht irgendein Mensch, sondern ein
Lebewesen, das aufrichtig und gradlinig denkt. Mir
widerstrebte es, mehr Büroklammern entgegenzunehmen, als
die Postverwaltung bezahlt hatte. Ich sah also keine
andere Möglichkeit, als einen Bericht an die
Oberpostdirektion zu verfassen, worin ich um
grundsätzliche Klärung und Stellungnahme bat. Die
Oberpostdirektion antwortete in einem Zwischenbescheid,
daß sie die Verantwortung nicht ohne weiteres
übernehmen könne. Man habe in zwei weiteren Schreiben
Stellungnahmen des Posttechnischen Zentralamts und des
Ministeriums angefordert.
Nach zwei Jahren entschieden Posttechnisches Zentralamt
und Ministerium in einheitlicher Auffassung:
Büroklammern werden nicht mehr gekauft, sondern in
eigener Produktion hergestellt.
Seitdem gibt es Packungen mit Büroklammern, auf denen
ein gelbes Posthorn aufgedruckt ist. Die Stückzahl 1.000
ist zwar nicht aufgedruckt, aber ich habe zur Probe 200
Packungen nachgezählt, und jede Packung enthielt genau
1.000 Stück, was mich nicht überraschte, denn die
Postbeamten, die die Packungen ordentlich füllen,
arbeiten nach dem ehrwürdigen postalischen Prinzip, daß
jeder Postler mehr sein müsse, als er scheine.
lienhard@pallast-publisher.com
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