Ass. Prof.
Dr. Günther OSSIMITZ:
Internetressourcen
in einem technologisch
orientiertem Mathematikunterricht
(Folienfassung samt Online-Links)
Symposium
"Mathematische Bildung
und neue Technologien"
Universität Klagenfurt, 29. 9. 1998
1. Historische Entwicklung der Mathematik und des MU
- jahrtausendealte Tradition in M und MU
- M: mehr auf Deduktion, MU mehr auf Rechnen & Algorithmen hin orientiert
- seit 1945: Computerrevolution in M stärkste methodologische Innovation seit Euklid: Verschiebung von Prioritäten ("Paradigmenwechsel")
- methodologisches Beharrungsver mögen ("träge" Reaktion) des MU
- MU/Mathematikdidaktik: keine vergleichbare Innovation in Sicht
- MU entfernt sich immer mehr von M
2. Mathematik an Schulen: Orchideen fach oder Integrationsfach?
Mathematik als "Orchideenfach":
- traditionalistisch
- auf hohem mathematischen Niveau
- keine Computerorientierung
- M als Selbstzweck
- Berufsvorbildung für künftige Spezialisten
- Pseudo-allgemeinbildende Bedeutung (vgl. Latein)
- kein Pflichtfach in der S II.
Mathematik als Integrationsfach:
- M als Darstellungs- und Kommuni kationsmittel (R. Fischer)
- M als Technologiefach: man lernt im MU moderne Technologien statt antiker Theoreme.
- offensiver Umgang mit dem Computer (z.B.: Excel als mathematische, nicht als kaufmännische Software sehen)
- Servicefunktionen für andere Fächer, z.B. systemdynamische Darstellungs- und Simulationstechniken für Projekte aus Physik, Biologie oder Geographie
- M ist Pflichtfach auch in der SII
- M als Fach mit hohem Bildungswert: man lernt dort Dinge, die man brauchen kann.
3. Einige Thesen:
- Der derzeitige MU ist auf dem besten Weg zu einem Orchideenfach
- Mathematik als Integrationsfach erfordert eine dramatische
Umorientierung des MU
- M steht als Technologiefach in harter Konkurrenz zur "Informatik" und anderen Fächern (z.B. kaufmännischen Fächern an Handelsakademien)
- Die technologische Revolution der M und des Informationswesens (v.a. Internet) bieten dennoch Chancen für die Entwicklung eines technologisch orientierten, integrativen MU.
-
Die M-Didaktik hat diesbezüglich noch kaum Impulse gesetzt.
4. Das Internet als "Wundermittel"?
Das Internet allein bewirkt gar nichts.
Sein Einsatz kann jedoch herkömmlichen Unterricht nachhaltig verändern.
Ich setze das Internet als Unterrichtsmittel an der Uni konsequent und mit Erfolg für fjolgende Zwecke ein:
- Verbreitung von Lehrmaterialien
- Information der Studierenden
- Öffnung von Lehrveranstaltungen nach aussen (Online-Lehrgänge)
- "long-distance" - Ausbildung (geplant)
- Qualitätssicherung (studentische Arbeiten im Web)
5. Was kann das Internet für den schulischen Unterricht bieten?
- neue Ideen, Lernziele, Zugänge zu Themen (z.B. "systemisches Denken", Web-Recherche zu "Pythagoras")
- Unterrichtsmaterialien (Lehrgänge, Beispiele, Modelle, Software)
- Kommunikation zwischen Lehrenden, Lehrer-Schülern oder zwischen Schülern
- distanzübergreifende Projekte
- Entwicklung spezialisierter Kompetenz
6. Beispiele aus dem Web:
Materialien zum Thema: "Was ist systemisches Denken?"
Delta Performance Systems
Overview of Systems Thinking (Daniel Aronson)
Systems Thinking: What is it? (HPS)
Unterrichts- und Lehrmaterialien
Creative Learning Exchange: hunderte didaktische Artikel im PDF-Format
WebSims: Online Simulation z.B. einer Ballonfahrt
Matheweb: Mathematik-Lektionen zum österreichischen AHS-Lehrplan
mathe-online (Embacher & Oberhuemer)
Kommunikation zwischen Lehrenden
Das Web als Treffpunkt Gleichgesinnter, z.B. in der
Mathe-Werkstatt von H.W. Elschenbroich
auch: newsgroups oder chat-rooms
Projekte & Projektbegleitung
Das Internet ermöglicht die Vernetzung von Projektpartnern, Austausch von Materialien, sowie die Projektdokumentation via Web. Beispiele dafür sind:
CC-STADUS-Projekt
System Dynamics in Education Project am MIT (Fernlehrgang zur SD)
Waters Grant Project im Catalina Foothill School District, USA
Distant Learning:
Lehrgänge und Kurse werden überdas Internet angeboten, auch ergänzend zu herkömmlicher Ausbildung, z.B. :
Ossimitz: Online-Lehrgang
"Didaktik der Systemdynamik"
System Dynamics in Education Project
Spezialisierte Kompetenz:
Web-pages, die zu einem bestimmten Thema von zentraler Bedeutung sind, ständig gepflegt und verbessert werden. Beispiele dafür sind:
M. Schwarze: Geometrie-Page
G. Ossimitz: System Dynamics Mega Link List
Ausblick: was kann das Internet für den MU leisten?
- Neue Sicht von Inhalten
- Entwicklung spezialisierter Kompetenz für Lernende und Lehrende
- neue Sicherheiten für Lehrende: Austausch, Kooperationschancen
- neues Image für das Fach. Es geht hier um die Frage:
wer "domestiziert" hier wen:
die Mathematik den Computer oder
der Computer die Mathematik?
Wenn die Schulmathematik(didaktik) sich nicht den Computer zueigen macht, wird die Computer-Revolution das weitere Schicksal der Mathematik bestimmen: dann wird M zum "Orchideenfach".
Die schriftliche Fassung dieses Vortrages ist erschienen in:
G. Kadunz, et.al (Hg.) (1998): Mathematische Bildung und neue Technologien
S. 247 - 254, Stuttgart und Leipzig: B.G. Teubner.
Feedback: G. Ossimitz