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Das berüchtigtste Rauschgift des 20. Jahrhunderts ist eine Erfindung von Bayer. Jahrzehntelang verkaufte der Konzern Tonnen von Heroin in alle Welt - nicht als Droge, sondern als allseits beliebte Arznei. Ein Berliner Arzt hat jetzt die seltsame Historie des Heroins aus Leverkusen untersucht.
Kann so eine Geschichte wahr sein? Ein deutsches
Pharmaunternehmen mischt ein zweifelhaftes Mittel zusammen und probiert es
an Ahnungslosen aus. Nach spärlichen Tests lässt der Konzern das Zeug als
Arznei auf die Menschheit los. Angepriesen als Mittel der Wahl gegen fast
jedes Übel, von der Bronchitis bis zur Multiplen Sklerose, entwickelt sich
das Medikament zum internationalen Bestseller. Der Pharmamulti aus
Deutschland scheffelt Millionen-auch deshalb, weil das Präparat süchtig
macht. Einige Jahre später will sich im Konzern niemand mehr an das
Mittel erinnern. Nun gilt der Stoff nicht mehr als sein Werk, sondern als
das des Teufels. Die einst weit verbreitete Arznei ist weltweit illegal.
Wer sie herstellt, ist ein Verbrecher. Wer sie verkauft, dem wird in
einigen Teilen der Welt der Kopf abgeschlagen. Und wer sie benutzt, der
steht im Abseits - er gilt als asozial und als Todeskandidat. Solche
Geschichten gibt es, und dies ist eine davon. Der Pharmakonzern, um den es
geht, heißt Bayer. Und das Präparat, das Bayer entwickelt und hemmungslos
vermarktet hat, heißt Heroin.
Am 21. August 1897 hatte Felix Hoffmann,
ein Chemiker von Bayer, in seinem Labor die Substanz Diacetylmorphin
zusammengemischt. Davon versprachen sich seine Chefs allerhand - sie sahen
in ihr einen Ersatz für das abhängig machende Schmerzmittel Morphin. Als
Fische, Meerschweinchen und Katzen das neue Mittel schluckten und
überlebten, mussten Werksangehörige und ihre Kinder ran. Tote gab es
nicht, Süchtige auch nicht, und kaum ein Jahr später brachte der Konzern
das Mittel - unter Verzicht auf gründliche klinische Tests - auf den
Markt.
Jetzt hieß es "Heroin", denn diesen Namen hatten sich die
Bayer-Bosse für ihre, wie sie fanden, "heroische" Neuentwicklung
ausgedacht und schützen lassen. Was nun folgte, ist in der Rückschau eines
der bizarrsten Kapitel aus der Arzneimittelgeschichte. Bis in die
dreißiger Jahre hinein verkaufte Bayer weltweit hochreines Marken-Heroin.
Überall wurde das bis heute unbestritten stark und vielfältig wirkende
Mittel gefeiert und als Arznei an Millionen verabreicht. Nur ganz langsam
mutierte es zur Dämonendroge.
Der Berliner Mediziner Michael de Ridder,
53, hat in einem neuen Buch nachgezeichnet, wie Heroin auf die Welt, auf
den Markt und schließlich auf die schiefe Bahn kam*. Als erstem ist es de
Ridder gelungen, in die Bayer-Firmenarchive vorzudringen. Seine Vorgänger
hat der Konzern stets abgewiesen, denn an seine Vergangenheit als
Heroin-Küche lässt sich Bayer nicht mehr gern erinnern.
De Ridder
beschreibt eine staunenswerte Epoche, in der die Welt scheinbar Kopf steht
- oder kollektiv high ist. In der guten alten Zeit ist Deutschland der
größte Heroinproduzent der Erde. Heroin ist "ein recht schönes Geschäft",
finden stolze Bayer-Direktoren. Und die Mehrheit der Ärzte preist es als
wertvolles und sicheres Arzneimittel mit "zauberhafter Wirkung", hilfreich
gegen Husten, Schmerzen und allerhand andere Gebresten. Schulkinder,
Gebärende, Polizisten, Alte und Gebrechliche konsumieren Heroin. Sie
nehmen es ein als Pulver, Mixtur, Saft oder Zäpfchen, für Frauen gibt es
heroinhaltige Tampons. Heroin ist überall und doch: Kaum jemand wird
abhängig, keine Secie verfällt der Beschaffungskriminalität, wozu auch:
Bayer-Heroin ist in den Apotheken vorrätig, nicht eingewickelt und
verpanscht in winzigen Stanniolkügelchen, sondern abgepackt in eleganten
Heroin-Flakons oder in Gläsern, die bis zu 25 Gramm fassen - eine Menge,
die heute reichen würde für viele Dutzend einsame Tode auf dem
Bahnhofsklo.
Was war los mit Bayer und den Ärzten aus dem Kaiserreich?
Hielten wirklich alle das Heroin für so harmlos, dass sie es scheinbar
ohne Sorge als Hustenmittel schon den Säuglingen einflößten? Haben
Bayer-Direktoren gewusst, was die Substanz anrichten kann und dennoch ohne
Skrupel ihr Geschäft betrieben? Oder hatten die damaligen Ärzte Recht?
Sollte Heroin auch jetzt noch eher als Medikament denn als Droge gesehen
werden?
Als die Substanz auf den Markt kam, war nichts ungewöhnlich
daran - außer dem durchschlagenden Erfolg: Nach nur einem Jahr verdealte
Bayer sein Heroin in mehr als 20 Länder, vor allem in die USA. Schon 1902
fuhr es fünf Prozent des Gewinns in der Pharmasparte ein, und der Absatz
stieg rasant - von 45 Kilogramm 1898 auf 783 Kilogramm zehn Jahre später.
Weil Bayer kein Patent auf Heroin bekommen hatte (die Substanz war in der
wissenschaftlichen Literatur schon bekannt), mischten bald auch andere
Firmen im Geschäft mit: Sandoz, Hoffmann-La Roche, Boehringer, Gehe, Knoll
und Merck.
Erfolgreich war der Stoff auch deshalb, weil zumindest
Bayer am Markt mit der bis heute branchentypischen Brutalität vorging.
Carl Duisberg, damals Bayer-Prokurist und noch heute prominent vertreten
in der Gedächtnisgalerie der Deutschen, verlangte von seinen Untergebenen,
sie sollten ihre Gegner "mundtot schlagen", wenn diese behaupteten, Heroin
sei nicht sicher. Eine kleine Zahl unbeugsamer Mediziner nämlich
unterstellte dem Mittel von Anfang an Giftigkeit oder Suchtpotenzial. "Wir
dürfen nicht dulden", bleute Duisberg seinen Forschern ein, "dass in der
Welt behauptet wird, wir hätten unvorsichtigerweise Präparate poussiert,
die nicht sorgfältig probiert sind."
Mit Fanfaren und Getöse statt mit
sicherem Wissen bahnte Bayer seinem Heroin den Weg. Bayers "starker und
straff organisierter Propaganda-Apparat" (de Ridder) ging damals mit nach
wie vor aktuellen Branchentricks vor. Unverlangt schickte der Konzern
Probepackungen an Mediziner bis nach China. Er versorgte Ärzte mit der
aktuellen, jeweils für den Konzern günstig ausfallenden Fachliteratur. Er
gab 'gezielt Studien bei willfährigen Ärzten in Auftrag. In Anzeigen in
der "Deutschen Ärztezeitung" forderte Bayer die Mediziner auf, den damals
weit verbreiteten Morphinismus doch einmal mit dem "anerkannt
vorzüglichen" Heroin zu heilen - schließlich sei Heroin ein
Morphinabkömmling, der nicht abhängig mache.
Die Mühen machten sich
bezahlt. Die Mediziner verschrieben Heroin, als wären sie selbst süchtig
danach. Der Wert des Medikaments werde durch seine "absolute Ungiftigkeit
noch gehoben", urteilte ein Arzt in einer Fachzeitschrift. Ein anderer
jubelte, Heroin sei "das sicherste und exzellenteste aller
Hustenmittel".
Doch beim Husten blieb es nicht. Sehr rasch entdeckte
Bayer, dass Heroin einfach gegen alles gut war. Seit 1906 riet der Bayer-
Konzern zu dringendem Heroin-Konsum unter anderem bei Schmerzen,
Depressionen, Bronchitis, Asthma oder Magenkrebs- ein Einsatzspektrum,
"das nur wenige der damals bekannten Erkrankungen ausschloss" (de Ridder).
Selbst die Gesunden hatten viel Spaß mit Heroin. Alpenclubs empfahlen
ihren Mitgliedern, vor einer Tour ins Hochgebirge das Zeug zu schlucken,
weil das die Atmung erleichtere. High kamen die Wanderer
höher.
Natürlich war die Bayer-Droge auch in den Irrenhäusern zu Hause.
Der Mediziner Pastena verabreichte das Mittel im Jahre 1900 an die
Insassen der Psychiatrie von Neapel - an "Irrsinnige, Idioten,
maniakalische Halluzinanten, Epileptiker, Paralytiker und Delirante".
Pastena verzeichnete "andauernde Beruhigung" und "in einigen Fällen sogar
Heilung". Russische Psychiater rückten mit Heroin "seelischem Schmerz" zu
Leibe, polnische Ärzte disziplinierten "extreme Masturbanten", ein
Düsseldorfer Doktor brachte "schmerzhafte Erektionen" zum Abklingen.
Heroin war ein Teufelszeug, das offenbar immer half - auch der armen
Patientin des Wiener Gynäkologen Mirtl: Sie lag 1899 im Maria Theresia
Frauenhospital mit schier unheilbarer "Nymphomanie" - "erst mit Heroin
trat die gewünschte Besserung ein".
An Nebenwirkungen verzeichneten die
Mediziner Benommenheit, Schwindel und Verstopfung, sonst nichts. Die
Ärzte, die teils schon im Geburtsjahr von Heroin vor seinen starken
Suchtgefahren warnten, blieben eine Minderheit. Es galt die Ansicht des
Mediziners Grinewitsch, der immerhin 2000 Kranken Heroin eingeflößt hatte:
"Ein krankhaftes Gelüste nach dem Mittel" sei nicht zu befürchten.
Diese Aussage steht in krassem Gegensatz zu dem, was die Kinder
Jahrzehnte später in der Schule lernen. Warum wurden Heroin-User unter
Wilhelm Il. anders als ihre Urenkel nicht abhängig? Was unterschied die
Untertanen des Kaisers von Billie Holiday, Charlie Parker, Janis Joplin,
River Phoenix und den Kindern vom Bahnhof Zoo? Entscheidend für die
ausbleibende Sucht war die damals vorherrschende Art der Heroin-Aufnahme.
Die Kranken schluckten nur wenige Milligramm - weniger als ein Zehntel
dessen, was sich Fixer spritzen. Oral aufgenommen gelangt es nur langsam
ins Gehirn. Einen Flash erlebten die damaligen Konsumenten nicht, wohl
aber Schmerzlinderung und mitunter leichte Euphorie. Beides war sehr
willkommen. Auf Heroin fühlten sich die Kranken besser an Körper und
Seele.
Die Idee, ihre Arznei zu sniefen, zu rauchen oder hoch dosiert
intravenös zu spritzen, kam den Leuten nicht in den Sinn. Deshalb blieb
Europa, was Heroin-Sucht anging, lange clean: Noch 1920 war den deutschen
Medizinalbehörden der Begriff "Heroinismus" völlig unbekannt.
Schneller
zur Sache ging es in den USA, dem besten Kunden von Bayer. Die Amerikaner
lebten damals ohnehin in einer Art Junkie-Staat. Zehn Prozent aller Ärzte
galten als opiatabhängig, mehrere hunderttausend Menschen spritzten sich
Morphin, zahllose eingewanderte Chinesen waren süchtig nach Rauchopium.
Etwa seit 1910 stiegen viele um auf Heroin. Als sich die Kliniken mit
Heroinisten füllten, wurde das Mittel staatlich stärker kontrolliert und
seine Verschreibung erschwert. Der Heroin-Handel entwich auf den
Schwarzmarkt, die Preise stiegen, die Beschaffungskriminalität auch. Für
die Hersteller war dies ein Segen - denn im Untergrundgeschäft machten
deutsche und andere Pharmafirmen erst richtig Kasse. Gegen Ende der
zwanziger Jahre lag der legale Weltbedarf an Heroin bei zwei Tonnen -
hergestellt wurden aber bis zu neun Tonnen im Jahr.
Renommierte
Hersteller dealten konspirativ wie die Mafia. Hoffmann-La Roche war eine
dieser Schurken-Firmen: Regelmäßig, so de Ridder, lieferte der Schweizer
Konzern Drogen an Schmugglerorganisationen. Die Hamburger Polizei deckte
Mitte der zwanziger Jahre auf, dass der Schweizer Konzern Heroin, Morphin
und Kokain verschiffte und als "harmlose Chemikalien" tarnte. Als Codewort
für Ileroin war den Schiebern bei Hofftnann-Laa Roche "Yeaxt" geläufig;
"Yamyk" stand für Kokain. Für seine Taten handelte sich der Konzern 1927
eine Verwarnung von der internationalen Opium-Kornmission ein. Voll von
Abscheu urteilte der Kommissionsvorsitzende, Hoffmann-La Roche sei einer
Lizenz zum Handel mit Betäubungsmitteln nicht würdig.
Nach immer
restriktiveren, internationalen Opium-Abkommen kamen die Heroin-Geschäfte
von Bayer und anderen Firmen nach 1931 fast gänzlich zum Erliegen. Das
bißchen Heroin, das sie noch herstellten, wurde genau überwacht. Heroin
war in Ungnade gefallen und aus den Apotheken verbannt. Doch davon, so
schreibt de Ridder, haben die Patienten nicht profitiert. Opiate, zu denen
das Heroin zählt, vermögen "wie keine andere Arznei Todesangst zu lindern
und das Sterben zu erleichtern", sagt de Ridder. Zu den Opiaten zählen
auch die wirkungsvollsten Schmerzmittel. Weil die unverzichtbaren Opiate
jetzt insgesamt zu restriktiv gehandhabt würden, müssten Schwerstkranke
und Sterbende in Deutschland oft Schmerzen durchstehen, die ihnen mit
Leichtigkeit zu nehmen wären.
Heroin wird heute legal nur noch in einem
Land hergestellt - in Großbritannien. Die Briten schätzen es als wirksames
Schmerzmittel und verbrauchen rund 300 Kilogramm im Jahr. Heroin wirkt
schneller als Morphium, allerdings klingt seine Wirkung auch schneller ab.
Ungesund ist es nicht. Es verändert weder das Erbgut noch ist es auf Dauer
giftig. Dass viele Junkies wie Zombies aussehen, so de Ridder, habe nichts
mit der Substanz zu tun. Teures Straßen-Heroin ist vielfach mit Giften
gestreckt und bakteriell verseucht, die oft obdachlosen Fixer handeln sich
mit unsterilen Nadeln Abszesse und Infektionen ein.
Der Vater des
Heroins hat den Absturz seiner Schöpfung nicht mehr ganz miterlebt. Felix
Hoffmann starb 1946 kinderlos, allein stehend und nahezu vergessen in der
Schweiz. Bayer widmete ihm nicht einmal einen Nachruf.
Dazu hätte die
Firma durchaus Grund gehabt. Am 10. August 1897, elf Tage bevor er das
berüchtigtste Rauschgift des 20. Jahrhunderts zusammenrührte, hat Hoffmann
eine Substanz erschaffen, die gleichfalls weltberühmt wurde:
Acetylsalicylsäure. Seine Chefs hielten sie anfangs für zu giftig und
hätten sie fast verworfen. Dieses Bayer-Produkt ist nach wie vor legal.
Sein Name: Aspirin.
Marco Evers
Michael de Ridder: "Heroin – vom Arzneimittel
zur Droge" Campus-Verlag, Frankfurt am Main
Quelle: "Der Spiegel" vom 26.06.2000
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