0 ZIELRICHTUNGEN DER SYSTEMDYNAMIK-DIDAKTIK
Die aktuelle Forschung zur Didaktik der Systemdynamik läßt sich in folgende Hauptrichtungen gliedern:
1) Vermittlung systemischen Denkens und systemgerechten Handelns
2) Fragen der Modellierung vernetzter Systeme
3) Numerische Simulation am Computer - Einsatz von Simulationssoftware
4) Systemdynamische Behandlung spezieller Sachthemen
5) Spezielle Ausbildungsformen (fächerübergreifender Unterricht, Projektunterricht, berufsbegleitende Weiterbildung, Ausbildung mit tutoriellen Systemen)
Dem Tagungsthema entsprechend wird in diesem Papier vorwiegend den ersten drei Aspekten Raum
gewidmet werden. Die vorwiegend didaktisch orientierte Herangehensweise ergibt sich aus meinem
persönlichen wissenschaftlichen Erfahrungshintergrund.
1 SYSTEME UND SYSTEMISCHES DENKEN
Eine der Grundideen der Systemdynamik-Didaktik ist es, "vernetztes Denken" (systemisches Denken) zu
vermitteln. Im Österreichischen Mathematiklehrplan der 11. Schulstufe Realgymnasium beginnt das
Kapitel "Untersuchung vernetzter Systeme" mit folgender Präambel:
"Durch die Analyse von Systemen (aus Komponenten, die einander beeinflussen) soll vernetztes
(systemisches) Denken gefördert werden, das heute in vielen Bereichen notwendig geworden ist.
Insbesondere soll die Fähigkeit zur Erfassung von komplexeren Zusammenhängen verstärkt werden,
die über einfache Ursache-Wirkungsbeziehungen hinausgehen." (Bürger u.a. 1991, S 152).
1.1 Was ist ein System?
Der Begriff "System" wird in verschiedenen Fachgebieten in recht unterschiedlicher Weise verwendet (vgl.
Klir 1991, S 4). Dennoch kann man einige allgemeine Charakteristika von Systemen angeben, die ingesamt
eine Art Definition des Systembegriffs liefern:
a) Systeme bestehen aus (abgrenzbaren) Elementen - etwa in dem Sinne, wie sich eine mathematische Menge aus bestimmten, wohlunterschiedenen Elementen zusammensetzt.
b) Zwischen diesen Elementen bestehen (meist funktionale) Wechselbeziehungen. Ein System ist mehr als eine bloße Anhäufung von Elementen, es muß auch eine bestimmte Beziehungsstruktur zwischen
diesen Elementen bestehen.
c) Jedes System besitzt eine Grenze nach außen, die mehr oder weniger durchlässig ist. Sie kann materiell (wie etwa ein Zaun um ein Grundstück) oder immateriell sein (wie etwa die Zugehörigkeit zu einer
bestimmten sozialen Gruppe). Systemgrenzen sind aus mehreren Gründen bedeutsam:
- Grenzen sichern (oder determinieren sogar) die Identität des Systems.
- Die Beziehungen eines Systems zu seiner Umgebung vollziehen sich hauptsächlich an den Systemgrenzen. Hier entscheidet sich, was in ein System hineinkommen bzw. herauskommen kann
(Input bzw. Output).
d) Systeme zeigen i.a. ein zeitliches Entwicklungsverhalten. Dieses Verhalten hängt meist mit dem Ziel zusammen, auf welches ein System ausgerichtet ist. Biologische Systeme (Lebewesen) sind auf
Selbsterhaltung ausgerichtet (Homöostase); Produktionssysteme auf die Erzielung eines bestimmten
Outputs; Transportsysteme auf einen bestimmten Durchsatz usw.
e) Einzelne Systemelemente können bei einer detaillierteren Sicht oft als eigene Subsysteme aufgefaßt werden; es kann aber auch ein bestimmtes System ein Element eines übergeordneten Systems sein. So
ist beispielsweise der Motor ein Subsystem eines Autos, dieses wiederum ein Element in einem
Verkehrssystem. Auf diese Weise können ganze Systemhierarchien entstehen.
Rapoport (1988, S 30ff) nennt Identität, Organisation und Zielgerichtetheit als drei fundamentale Eigenschaften von Systemen. Er assoziiert dabei mit Identität "Konstanz innerhalb von Veränderung", mit
Organisation den Aufbau, aber auch das Handhabbarmachen von Komplexität; mit Zielgerichtetheit
schließlich die Zweckbestimmung von Systemen.
1.2 Systemansätze in verschiedenen Wissenschaftszweigen
Die Systemansätze verschiedener Wissenschaftsbereiche unterscheiden sich z.T. beträchtlich. Ich möchte
nun (eher willkürlich ausgewählt) einige wichtige Ansätze diskutieren:
1) mathematisch-physikalischer Ansatz: Differentialgleichungssysteme (Newton)
2) der Ansatz der Allgemeinen Systemtheorie (Bertalanffy, Rapoport)
3) regelungstechnisch - kybernetischer Ansatz (Wiener)
4) der "System Dynamics" - Ansatz: Simulationsmodelle in Dynamo (Forrester)
5) ökologisch-biologischer Ansatz: Ökosysteme (Vester)
6) kommunikationstheoretischer Systemansatz: Beziehungssysteme (Watzlawick)
Die meisten dieser Ansätze nutzen in irgendeiner Form mathematische Darstellungs- und Analysewerk
zeuge; einige Ansätze sind überhaupt ohne mathematisches Gerüst nicht vorstellbar. Die obige Liste ist in
etwa nach sinkendem Grad an Affinität zur Mathematik angeordnet.
1.2.1 Der Mathematisch-physikalische Systemansatz
In der Mathematik denkt man bei "Systemen" zunächst an Gleichungssysteme, Koordinatensysteme,
Axiomensysteme usw. Im engeren Kontext "Dynamische Systeme" findet man eine umfangreiche Theorie
von Differentialgleichungssystemen von Funktionen mit der Zeit als unabhängiger Variabler. "Klassische
Dynamik ist im wesentlichen eine Theorie der Differentialgleichungssysteme" (Rapoport 1988, S 38).
Innerhalb dieser Theorie wurden auch Verfahren zur numerischen Auswertung von Differentialgleichungs
systemen entwickelt (z.B. das Verfahren von Euler-Cauchy, das Runge-Kutta-Verfahren 4. Ordnung), die
auch in anderen Systemansätzen (z.B. im "System-Dynamics-Ansatz") wichtig sind.
1.2.2 Der Ansatz der Allgemeinen Systemtheorie
Die Allgemeine Systemtheorie (Systems Science, vgl. Rapoport 1988, Klir 1991) versucht, allgemeine
Systemeigenschaften mit mathematischen Hilfsmitteln zu untersuchen. Der dabei verwendete System
begriff ist mathematisch-formaler Natur. Klir (1991, S 4f) schreibt:
"We are likely to find that a system is "a set or arrangement of things so related or connected as to
form a unity or organic whole" (Websters New World Dictionary). It follows from this common-sense definition that the term "system" stands, in general, for a set of some things and a relation among things. Formally, we have
1.2.3 Der regelungstechnisch-kybernetische Ansatz
Geistiger Vater der Kybernetik ist der Mathematiker Norbert Wiener mit dem 1948 erschienenem Werk
Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine. Wiener betrachtet in erster Linie Regelungs- und Informationsverarbeitungssysteme, bei denen es primär um das Aufrechterhalten
bestimmter Systemparameter geht (Homöostase, Adaption). Eine wesentliche Rolle spielt dabei der
Informationsfluß innerhalb des Systems sowie zwischen System und seiner Außenwelt.
1.2.4 Der "System Dynamics" - Ansatz
Dieser Ansatz wurde von Jay Forrester um 1960 entwickelt (vgl. Forrester 1961). Im Mittelpunkt steht
einerseits eine leistungsfähige Methode zur Darstellung vernetzter Vorgänge (Flußdiagramme, flow
diagrams) und andererseits die quantitative Beschreibung und numerische Simulation von solchen
Systemen in der Simulationssprache Dynamo. Die Flußdiagrammnotation ist eine quantitativ orientierte Weiterentwicklung von Ursache-Wirkungsdiagrammen. Dabei werden verschiedene Typen von Modell
elementen, insbesondere Bestands- und Flußgrößen, unterschieden (Forrester 1961, Ossimitz 1990,
Ossimitz 1991a).
Im Gegensatz zur traditionellen mathematischen Analyse spielen im "System Dynamics"-Ansatz ge
schlossene Lösungen keine Rolle. Das Erkenntnisinteresse richtet sich in erster Linie auf die Sachsituation,
die (mit relativ elementaren mathematischen Hilfsmitteln) modelliert und numerisch simuliert werden soll.
Anders als beim stetigen Konzept der Differentialgleichungstheorie geht man dabei von diskreten
Zeitintervallen aus. Dies macht eine Unterscheidung von zeitpunktbezogenen Bestandsgrößen und
zeitintervallbezogenen Flußgrößen erforderlich, die auch in der Flußdiagrammdarstellung und in der
numerischen Simulation eine Schlüsselrolle spielt. Der systemdynamische Ansatz besitzt eine Reihe von
Vorteilen, die ihn für den Mathematikunterricht geeignet erscheinen lassen (vgl. Ossimitz 1994a). Er ist
von allen hier vorgestellten Systemansätzen am weitesten entwickelt und international standardisiert (vgl.
Ossimitz 1990, Winkelmann 1991, Winkelmann 1992a) und auch mit relativ geringem Aufwand im
Unterricht implementierbar.
1.2.5 Der biologisch-ökologische Systemansatz
Im Zentrum dieses Ansatzes stehen ökologische Systeme. Ein bekannter Vertreter dieser Richtung ist
Frederic Vester, der mit Werken wie "Unsere Welt - ein vernetztes System" oder "Leitmotiv vernetztes
Denken" oder dem Spiel "Ökolopoly" die Idee des vernetzten, systemischen Denkens ganz wesentlich
popularisierte. Seine Systemsicht ist wesentlich stärker qualitativer Natur als die bisher skizzierten
Systemansätze. Das wichtigste Darstellungsmittel ist das Ursache-Wirkungsdiagramm. Typisch für den
biologisch-ökologischen Ansatz ist auch der oft sehr hohe Aggregationsgrad einzelner Systemelemente
(wie z.B. "Umwelt", "Technik" oder "Stadt").
1.2.6 Der kommunikationstheoretische Systemansatz
Auch zwischenmenschliche Beziehungen können als Systeme betrachtet und mit Hilfe systemtheoretischer
Konzepte untersucht werden. Einer der Begründer und herausragenden Vertreter dieser Richtung ist der
Kommunikationswissenschaftler und Psychotherapeut Paul Watzlawick. Eine systemische Betrachtung
zwischenmenschlicher Interaktionen liefert völlig neue Erklärungs- und auch Therapieansätze für
psychische Störungen. So kann man z.B. schizophrenes Verhalten durch paradoxe Beziehungs- und
Kommunikationsstrukturen erklären und durch entsprechende Veränderungen in den zwischenmensch
lichen Interaktionen auch therapeutisch behandeln.
1.3 Systemisches Denken und Handeln
In der Literatur gibt es eine Reihe von weitgehend synonymen Begriffen für "Systemisches Denken":
1.3.1 Denken in Modellen
bildung bereits identifiziert oder untersucht worden sind.
1.3.2 Vernetztes Denken
1.3.3 Denken in dynamischen Zeitgestalten
ven) Denken in Zeitgestalten und dem Modellbildungsaspekt deutlich. Nur an einem (wie auch immer
gearteten) Modell kann man eine Entwicklung vorausschauend untersuchen.
1.3.4 Lenkungseingriffe in Systeme
1.4 Empirische Untersuchungen zur Vermittlung systemischen Denkens im Unterricht
Kann unter den Rahmenbedingungen üblicher schulischer Lernorganisation überhaupt systemisches
Denken in irgendeiner Form vermittelt werden? Dieser Frage wird in einigen jüngeren empirischen
Forschungsvorhaben (Klieme/Maichle 1991, Klieme/Maichle 1994, Ossimitz 1994) nachgegangen. In den
genannten Studien wurde untersucht, inwieweit computerunterstützte Modellbildung mit dem Simulations
system Modus zur Entwicklung systemischen Denkens beitragen kann. Die Pilotstudie von Klieme/ Maichle 1991 war eine Breitenerhebung an ca. 200 Schülern in zehn Klassen der neunten und zehnten
Schulstufe. Die Schüler wurden anhand eines vorbereiteten Themenheftes in einem der Fächer Mathematik
(Thema: "Wachstum"), Biologie (Thema: "Nahrungsketten") oder Chemie (Thema: "Kohlenstoffkreisläu
fe") in die Modellbildung mit Modus und in das systemdynamische Modellieren eingefügt. Der Unterricht umfaßte im Mittel ca. 13 Unterrichtsstunden. Alle Schüler wurden vor und nach der Unterrichtseinheit
einem ausführlichen schriftlichen Test unterzogen. Bei diesem Test wurden u.a. die Fähigkeit zum
Systemdenken, die Vertrautheit mit Systembegriffen und die Vertrautheit mit relevanten mathematischen
Begriffen erhoben.
Bei den Schülern hing das Interesse sehr von ihrer Bereitschaft zur Arbeit am Computer ab.
2 SYSTEMISCHE MODELLBILDUNG
2.1 Qualitatives versus quantitatives Modellbilden
Systeme können qualitativ oder quantitativ modelliert werden. Eine ausführliche Gegenüberstellung findet
man in Ossimitz (1991b). Die Unterscheidung zwischen qualitativem und quantitativem Modellieren
vollzieht sich bereits an den verwendeten Darstellungsformen: verbale Beschreibungen und Wirkungs
diagramme gehören zum qualitativen, Flußdiagramme und Gleichungsdarstellung von Systemmodellen
zum quantitativen Modellierstil. Obwohl Wirkungs- und Flußdiagramm strukturell einander ähnlich sind,
entsprechen ihnen verschiedene Modellierparadigmen.
2.2 Eigenständiges Modellieren oder fertige Vorzeigemodelle?
Systemische Zusammenhänge können entweder an vorgefertigten Modellen oder anhand von selbst
entwickelten Modellen untersucht und exploriert werden. Selbst entwickelte Modelle haben den Vorteil, daß dem Schüler die von ihm selbst entwickelte interne Modellstruktur explizit bekannt ist. Der
Modellentwicklungsprozeß ist in der Regel jedoch oft recht zeitaufwendig. Dies bedeutet für die Praxis
häufig, daß eigenständige Modellentwicklung meist bereits bei recht einfachen Modellen endet oder in
einem sehr direktiven Unterricht erfolgt, in dem die Schüler zu einem bereits vorgeplanten Modell
hingeleitet werden. Die Entwicklung größerer, realistischer Simulationsszenarien übersteigt meist den in
der Schule verfügbaren Zeitrahmen. Realistische Systemmodelle sind auch hinsichtlich ihrer Kalibrierung
(Herstellen eines stabilen Ausgangszustandes) und der Datenbeschaffung und Dokumentation recht
aufwendig.
2.3 Entwicklung eigenständiger Systemmodelle
Beim eigenständigen Entwickeln von Simulationsmodellen ist darauf zu achten, daß man mit einem
möglichst einfachen Grundmodell beginnt, das möglichst nur eine einzige oder ganz wenige Bestands
größen enthält. Rund um diese Bestandsgröße(n) können die zugehörigen Flußgrößen und anschließend die
benötigten Hilfsgrößen und Konstanten entwickelt werden.
kompliziertes Modell zu entwickeln, meist kläglich scheitert.
2.4 Orientierung am Sachthema
Der empirisch-pragmatische Charakter des vernetzten Denkens bringt es mit sich, daß man Modelle mit
einem gewissen empirischen Hintergrund benötigt, um daran systemisches Denken zu üben. Grob
gesprochen benötigt man vernetzte Strukturen, um daran vernetztes Denken zu lernen, genauso, wie man
Autofahren nur mit einem Auto - oder wenigstens einem Fahrsimulator - erlernt. Wenn man sich
ausschließlich auf einen rein mathematischen Systembegriff (etwa i.S. von Differentialgleichungssystemen)
beschränkt, dann wird dies für die Entwicklung vernetzten Denkens wenig nützen. Differentialgleichungs
systeme sind ein wertvolles Mittel zur Beschreibung und Analyse verschiedenster dynamischer Systeme
(etwa von verschiedenen Wachstums- oder Schwingungsprozessen). Es kommt jedoch ganz wesentlich
darauf an, inwieweit man die Variablen und möglichst auch die Struktur der Gleichungen mit außerma
thematischen Sachzusammenhängen in Verbindung bringen kann. Beispielsweise besitzt die
Differentialgleichung
ten Form (1) hingegen nicht.
3 SIMULATIONSSOFTWARE
Quantitative systemdynamische Modellbildung erfolgt in aller Regel mit Computerunterstützung. Dies
wirft die Frage nach geeigneter Software zur Modellierung und Simulation auf. Ich möchte im folgenden
einen Überblick über verschiedene mögliche Softwarekategorien geben.
3.1 Software-Kategorien
Modellbildungs- und Simulationssoftware kann man nach unterschiedlichen Kriterien klassifizieren:
3.1.1 Modellorientierte vs. erlebnisorientierte Software
3.1.2 Prototypen, Spezialsoftware, Standardsoftware
programme, Grafikprogramme, Datenbanksoftware usw.).
3.1.3 Forschungs-, ausbildungs- und anwendungsorientierte Software
3.2 Reichweite softwarebezogener Forschung
Bei der Beurteilung und Diskussion softwarebezogener Forschung zum systemischen Denken und
Modellbilden ist es wesentlich, welcher Typus von Software der Forschung zugrundeliegt. Es ist z.B.
fraglich, inwieweit mit modellorientierter Software gewonnene Resultate auch für erlebnisorientierte
Software gelten. Es gibt auch eine prinzipielle "Schere" zwischen Prototypen und Standardsoftware.
Spezielle Forschungsfragen (z.B. Fragen des Einsatzes adaptiver tutorieller Lernsysteme zur Entwicklung
systemischen Denkens oder kognitionspsychologische Untersuchungen zum "komplexen Problemlösen")
lassen sich in der Regel am präzisesten mit eigens konzipierten Software-Prototypen untersuchen. Diese
Prototypen lassen sich jedoch fast nie in einem breiteren Ausbildungs- oder Anwendungskontext einsetzen,
weil sie einfach nicht für diesen Zweck geschaffen wurden. In diesem Feld muß man mit kommerziellen
Produkten das Auslangen finden, die meist wesentlich weniger auf den spezifischen Anwendungs- bzw.
Forschungszweck zugeschnitten sind. Anders gesagt: von Anwenderseite her gesehen wäre es vermutlich
am interessantesten, was man etwa mit Hilfe eines Tabellenkalkulationsprogrammes zum systemischen
Denken lernen kann, während es für den Forscher z.B. wesentlich interessanter ist, wieweit Versuchs
personen mit Hilfe eines adaptiven tutoriellen Systems systemisches Denken lernen können.
3.3 Modellorientierte Software
Für modellorientierte Simulation hat man prinzipiell folgende Möglichkeiten:
3.4 Software-Trends
Abschließend möchte ich einige Zukunftstrends im Zusammenhang mit Modellbildungs- und Simula
tionssoftware skizzieren.
3.4.1 Interaktive tutorielle Lehrsysteme (Prototypen) zur Modellbildung und Simulation
3.4.2 Explosion des Angebotes erlebnisorientierter Simulationssoftware
3.4.3 Der System-Dynamics-Ansatz bei modellorientierter Simulation
an die Probleme bei der Gestaltung von Lehrplänen, Lehrbüchern, Unterrichtsmaterialien, Zentral-
Abituraufgaben, Lehrerfortbildungsaktivitäten usw.
4 LITERATUR
Univ. Ass. Mag. Dr. Günther Ossimitz
* Vernetztes Denken (Vester 1988, Gomez/Probst 1987)
* Systemdenken (Winkelmann 1992, S 46)
* Denken in Systemen (Dörner 1989, S 14)
* Systems thinking (Klir 1991, S 19; Richmond/Peterson 1992)
* Ganzheitliches Problemlösen (Gomez/Probst 1987)
* Komplexes Problemlösen (Funke 1986)
Die verschiedenen Begriffe werden von den jeweiligen Autoren an prominenter Stelle - oft sogar im Titel
der betreffenden Werke - verwendet. Bei genauerer Durchsicht findet man jedoch in den jeweiligen
Arbeiten kaum eine "griffige" Definition, was nun systemisches Denken (vernetztes Denken, Systemden
ken) eigentlich ist. Klir (1991, S 19) schreibt beispielsweise in seinem Übersichtswerk "Facets of Systems
Science": Systems movement emerged from three principal roots: mathematics, computer technology, and a host of ideas that are well captured by the general term systems thinking." Dennoch liefert Klir keine weitere Erklärung, was mit "systems thinking" gemeint ist. Laut Stichwortverzeichnis kommt dieser
Ausdruck in seinem Buch nur noch ein einziges Mal (und das nur in einer Randbemerkung) vor.
Dörner (1989, S 308f) meint in seinem Buch "Die Logik des Mißlingens" als Fazit: "Ich hoffe, hinlänglich
klargemacht zu haben, daß man das, was oftmals pauschal «vernetztes Denken» oder «systemisches Denken» genannt wird, nicht als eine Einheit, als eine bestimmte, isolierte Fähigkeit betrachten kann. Es ist ein
Bündel von Fähigkeiten, und im wesentlichen ist es die Fähigkeit, sein ganz normales Denken, seinen
«gesunden Menschenverstand» auf die Umstände der jeweiligen Situation einzustellen." Dörner reduziert hier die Definition im wesentlichen auf die Formel "Systemisches Denken = Komplexe, systemische
Situation + situationsgerechtes Denken."
Ich möchte nun versuchen, vier definierende Dimensionen des Begriffes "Systemisches Denken" herauszu
arbeiten. Systemisches Denken umfaßt:
1) ein Denken in Modellen (bewußte Modellbildung)
2) ein Denken in vernetzten, systemischen Strukturen ("vernetztes Denken")
3) ein Denken in Zeitabläufen, in dynamischen Zeitgestalten
4) die Fähigkeit zur praktischen Systemsteuerung
Ich meine, daß "Denken in Modellen", "vernetztes Denken", ein "Denken in Zeitgestalten" und "komplexes
Problemlösen" (Steuerung von Systemen) zentrale Teilaspekte des systemischen Denkens sind, die eng
miteinander zusammenhängen. Dörner (1989, S 307f) spricht alle vier Aspekte an:
"Wir berücksichtigen die Ablaufcharakteristika der Ereignisse gewöhnlich nur unzulänglich. Was wir
gestern taten, liegt in der Dunkelheit des Vergessens, und was wir morgen tun sollen, liegt in Fin
sternis. Wir Menschen sind Gegenwartswesen. Heutzutage müssen wir aber in Zeitabläufen denken. Wir müssen lernen, daß Maßnahmen «Totzeiten» haben, bis sie wirken. Wir müssen es lernen, Zeitgestalten zu erkennen. Wir müssen es lernen, daß Ereignisse nicht nur die unmittelbar sichtbaren Effekte haben, sondern auch Fernwirkungen.
Dörner argumentiert hier sehr überzeugend, daß systemisches Denken sich anhand von geeigneten
Modellen (er nennt konkret Simulationsspiele) entwickeln muß, damit eine Wahrnehmung von (gegenüber
der Wirklichkeit beschleunigten) Zeitverläufen möglich wird.
Ein dynamisches Denken in vernetzten Strukturen muß immer ein Denken in Modellen sein. Von einem
epistemologischen Hintergrund des Radikalen Konstruktivismus aus, demzufolge jedes Denken sich
ausschließlich in mentalen Modellen vollzieht, wäre dies noch keine Besonderheit. Entscheidend für das
systemische Denken erscheint mir jedoch zu sein, daß man sich bewußt ist, daß man in Modellen denkt. Es muß sich um explizite Modelle handeln, die auch als Modelle und nicht als die Realität selbst betrachtet
werden.
Zum Denken in Modellen gehört auch die Fähigkeit zur Modellbildung. Modelle müssen konstruiert, analysiert, verbessert und weiterentwickelt werden. Die Möglichkeiten bei der Modellbildung und
Modellanalyse hängen dabei entscheidend von den verfügbaren Darstellungsmitteln ab. Empirische
Untersuchungen zum systemischen Denken bei Schülern (Klieme/Maichle 1991, Ossimitz 1994) zeigen,
daß das Schülerverhalten sehr von den ihnen bekannten Darstellungsformen abhängt. Die Wahl der
Darstellungsmittel ist im Prozeß des systemischen Modellierens und Denkens ein zentraler Punkt! Für den
schulischen Einsatz haben sich die Darstellungsformen des System-Dynamics-Ansatzes (Wirkungs
diagramm, Flußdiagramm, Gleichungsdarstellung, vgl. Ossimitz 1990, S 18ff, Ossimitz 1991a) am ehesten
bewährt. Das Ursache-Wirkungsdiagramm ermöglicht eine qualitative Modellierung. Das Flußdiagramm ist ein quantitativ orientiertes Analogon zum Wirkungsdiagramm. In der Gleichungsdarstellung kann ein
numerisches Simulationsmodell explizit formuliert werden.
In der psychologischen Forschung wird der Frage der Entwicklung mentaler Modelle breite Aufmerksam
keit geschenkt (vgl. z.B. Seel 1991). Von besonderem Interesse erscheint mir dabei die Frage, in welcher
Weise in der kognitionspsychologischen Forschung Formen einer besonderen "systemischen" Modell
Der abendländische Mensch ist vorwiegend auf ein Denken in einfachen Ursache-Wirkungsbeziehungen
(Kausalzusammenhängen) orientiert und trainiert. Grundlage dieser Denkform ist ein strenges Ausein
anderhalten von Ursache und Wirkung. Man ordnet die Welt in lauter einfache Ursache-Wirkungs-
Beziehungen. Zur Erklärung eines bestimmten Phänomens sucht man nach dessen (singulärer) "Ursache".
Dabei wird angenommen, daß es diese Ursache gibt und daß sich aus einer bestimmten Ursache zwangs
läufig eine bestimmte Wirkung ergibt. Das mathematische Analogon dieser Denkform ist das Konzept der
Funktion in der (traditionellen) Form einer Zuordnung, bei der jedem Wert einer unabhängigen Variable
eindeutig ein Wert der abhängigen Variablen zugeordnet wird. Die unabhängige Variable entspricht der
Ursache, die abhängige Variable der Wirkung. Dementsprechend wird der entsprechende Denkstil auch
"funktionales" oder auch "lineares" Denken genannt - im Gegensatz zum "vernetzten Denken".
Die Möglichkeiten des mathematischen Funktionskonzeptes weisen jedoch darauf hin, daß es mehr gibt als
das Denken in einfachen Ursache-Wirkungsbeziehungen:
- Funktionen lassen sich miteinander verketten. Das Ergebnis einer Funktion kann der Ausgangswert der nächsten Funktion werden. Dies entspricht dem Konzept von Kausalketten bzw. von indirekten
Wirkungen.
- Funktionen können iteriert werden: Der Ergebniswert einer Funktion wird zum Ausgangswert einer neuerlichen Auswertung der Funktion. Dies entspricht dem Prinzip der Rückkoppelung. Dieses Prinzip
ist in allen selbststeuernden (kybernetischen) Systemen zu finden.
- Funktionen lassen sich unter bestimmten Bedingungen invertieren. Dies entspricht einer Vertauschung von Ursache und Wirkung (vgl. Rapoport 1988 S 12f). Kausalzusammenhänge lassen sich funktional
beschrieben; umgekehrt kann eine funktionale Beschreibung aber auch dann erfolgen, wenn kein
kausaler Zusammenhang besteht.
In vernetzten Systemen treten in der Regel neben direkten auch indirekte Wirkungen auf. Diese indirekten
Wirkungen können zu Rückkoppelungskreisen führen, bei denen die Wirkungen auf die Ursachen zurück wirken. Rückkoppelungen können stabilisierend ("negative" Rückkoppelung) oder eskalierend ("positive" Rückkoppelung) oder auch chaotisch (d.h. in ihrem langfristigen Verhalten unvorhersagbar) sein. In Rückkoppelungskreisen lassen sich zwar lokale Ursache-Wirkungsbeziehungen zwischen je zwei System
elementen identifizieren; auf einer globalen Betrachtungsebene ist jedoch keine Trennung von Ursache und
Wirkung mehr möglich, weil jede Wirkung direkt oder indirekt zur Ursache neuer Wirkungen wird.
Indirekte Wirkungen und Rückkoppelungen erfordern i.a. auch eine zeitlich dynamische Sichtweise, weil
sie sich erst im Laufe der Zeit entfalten.
Vernetztes Denken kann man nun (in Anlehnung an Gomez/Probst 1987, S 6ff) als ein Denken definieren,
das folgende Charakteristika hat:
. Statt isolierter Wirkungsbeziehungen betrachtet man Netzwerke von Ursache-Wirkungsbeziehungen.
. Dabei werden dem Sachprobleme angemessene Abgrenzungen und Zielorientierungen vorgenommen: welche Systemelemente und Wirkungsbeziehungen werden als wesentlich erachtet, welche werden
weggelassen? Vernetztes Denken erfordert hier eine bewußte Modellbildung.
. Vernetztes Denken entwickelt Szenarios des zeitlichen Verhalten eines Systemmodells. Es geht um ein Erfassen der zeitlichen Entwicklung, der Eigendynamik des Netzwerkes. Dazu sind Zeitverzögerun
gen, Rückkoppelungen usw. zu beachten.
. Zum vernetzten Denken gehört auch die Fähigkeit, Lenkungsmöglichkeiten zur Gestaltung einer Systementwicklung zu erkennen und richtig dosiert einzusetzen (vgl.1.3.4).
. Schließlich gehört zum vernetzten Denken die Fähigkeit, Systeme weiterzuentwickeln, an neue Gegebenheiten anzupassen oder zu adaptieren.
Vernetztes Denken hat somit einen engen Zusammenhang mit einem dynamischen Denken (vgl. 1.3.3) und
einen Denken in Modellen (vgl. 1.3.1). Es erfordert auch adäquate Darstellungsformen. Der einfachste und
vielseitigste "vernetzte" Darstellungstyp ist das Wirkungsdiagramm (eine Art Knoten-Kanten-Graph): Die
Systemelemente werden als (benannte) Knoten, die Wirkungsbeziehungen als Pfeile dargestellt.
Systeme besitzen eine gewisse Eigendynamik bzw. zeitliche Verhaltenscharakteristika (wie z.B. Zeitver zögerungen oder Schwingungen), die für eine erfolgreiche Systemsteuerung berücksichtigt werden müssen.
Bereits das Konstanthalten der Temperatur eines Kühlhauses macht manchen Versuchspersonen massive
Schwierigkeiten, weil sie nicht erkennen, daß eine Änderung der Temperatureinstellung am Stellrad einige
Zeit benötigt, bis sie sich auswirkt (vgl. Dörner 1989, S 200ff). Wenn man nur die augenblickliche
Temperatur als Grundlage für die Steuerung heranzieht, kann dies zu extremen Übersteuerungen führen.
Das "Eigenverhalten" von Systemen kann auch durch systeminterne Rückkoppelungen (indirekten,
zeitverzögerten Rückwirkungen von den Wirkungen auf die Ursachen) determiniert sein. Rückkoppelungen
können zu eskalierendem Wachstum oder auch zu Schwingungen führen. Dementsprechend kann man
derartige Zeitgestalten erst mit Hilfe eine angemessenen Kenntnis der inneren Systemstruktur erklären bzw.
voraussehen. Ein dynamisch orientiertes Denken benötigt daher ebenso ein Denken in vernetzten Struktu
ren (vgl. 1.3.2).
Das Voraussehen zukünftiger Entwicklungsszenarien ist ein weiterer wichtiger Aspekt des hier angespro chenen "Denken in dynamischen Zeitgestalten". Ein bloß retrospektiv-chronistisches Feststellen bereits
abgelaufener Entwicklungen reicht nicht - auch wenn man aus vergangenen Entwicklungen einiges über
die Zukunft lernen kann. Systemisches Denken soll auch befähigen, zukünftige Systementwicklungen
vorherzusehen und adäquate Steuerungsmaßnahmen zu planen und durchzuführen. Das bedeutsamste
Werkzeug zur Untersuchung zukünftigen Systemverhaltens sind systemdynamische Simulationsmodelle
oder "real-time"-Simulationsspiele mit einem (im Vergleich zur Realität) stark beschleunigten Zeitverlauf.
In einem Simulationsmodell lassen sich die Auswirkungen von Systemeingriffen untersuchen und
Zukunftsszenarien in kürzester Zeit errechnen. Hier wird der Zusammenhang zwischen einem (antizipati
Systemisches Denken soll auch auf das Lenken, Steuern und Weiterentwickeln von Systemen ausgerichtet
sein. Es ist zwar möglich, Systeme ohne bewußtes systemisches Denken zu steuern (etwa intuitiv oder
automatisierte Verhaltensmuster); ein bewußtes Systemdenken als reiner Selbstzweck erscheint jedoch
wenig sinnvoll. Bereits für die Entwicklung eines expliziten Systemmodells ist eine bestimmte Zielsetzung
und ein bestimmter Rahmen erforderlich.
Allgemeiner gesagt besitzt systemisches Denken stets auch eine pragmatische Komponente. Es geht nicht
nur um das kontemplative Betrachten eines Systems, sondern auch um ein systemgerechtes Handeln. Bei numerischen Simulationsmodellen liegt eine erste Handlungsebene in der Variation von Systemparametern
oder in Modifikationen der Modellstruktur. Bei empirischen Systemmodellen ist es oft eine entscheidende
Frage, welche Systemelemente überhaupt durch Lenkungseingriffe beeinflußt werden können und welche
beeinflußt werden sollen, um eine bestimmte Entwicklung des Gesamtsystems zu erreichen.
Im kognitionspsychologischen Forschungszweig "Komplexes Problemlösen" wird in diesem Zusammen
hang zwischen "Systemidentifikation" und "Systemsteuerung" differenziert; dabei wurden auch Kriterien
zur Erfassung und Differenzierung dieser Faktoren vorgeschlagen (vgl. Funke/Müller 1988).
Die Pilotstudie brachte folgende Resultate (vgl. Klieme/Maichle 1991):
. Das Thema "Systemdynamik" wurde von Lehrern wie Schülern als durchaus interessant empfunden.
. Die gewählte Softwareumgebung Modus hatte einen großen Einfluß auf das Unterrichtsgeschehen und den Stil der Modellbildung. Einige der Schwierigkeiten und Probleme in der Modellbildung und in den
dahinterliegenden Denkprozessen scheinen von der spezifischen Form der Systemmodellierung in
Modus abzuhängen.
. Die Fähigkeit zum Umsetzen einer als Text gegebenen "vernetzten" Situation sowie die Fähigkeit zur Interpretation von Eingriffen war beim Nachtest signifikant besser.
. Es ist sehr schwierig, Fähigkeiten im "systemischen Denken" empirisch zu messen.
Die ähnlich konzipierte Nachfolgestudie Klieme/Maichle (1994 S 73ff) brachte folgende Resultate:
* Die Leistungen der Schüler im Bereich "Modellbildung" waren umso besser, je direktiver der Unterricht war und je mehr Computererfahrung die Lehrkraft mitbrachte.
* Der Lernerfolg der einzelnen Schüler hängt mehr von ihrer Motivation als von der Computer-Vor erfahrung ab.
* "Systemisches Denken ist keine inhaltsübergreifende Fähigkeit. Die Dynamik von Modus-Modellen zu verstehen, ist etwas anderes, als Wirkungen in verbal beschriebenen Modellen vorherzusagen."
(Klieme/Maichle 1994, S 76)
* Durch die Arbeit mit Modus konnte die Fähigkeit zur Modellbildung merklich verbessert werden. Die Fähigkeit, innerhalb von Modus-Modellen systemisch zu denken, konnte jedoch nur geringfügig gefördert werden.
* Die Bereitschaft zur Kooperation mit Mitschülern und zum entdeckenden Lernen wurde durch die Unterrichtssequenz gesteigert.
Die Pilotstudie von Ossimitz (1994) war eine kleinere Begleitforschung zu einem Systemdynamik
unterricht in je einer Klasse der achten und zehnten Schulstufe von sechs bzw. zwölf Stunden. Es wurde
jeweils vier Schülern vor und nach dem Unterricht ein Ausschnitt aus dem Test von Klieme/Maichle 1994
präsentiert. Anschließend wurden die Schüler in einem Interview um Begründungen für ihre Antworten
gebeten. Diese Untersuchung brachte im wesentlichen folgende Resultate:
. Bei der Beurteilung der Entwicklung systemischen Denkens bringt die kombinierte Test-Inter viewmethode im Vergleich zu einer rein testorientierten Untersuchung wesentlich bessere Erklärungen
für die Denkprozesse und die Lernfortschritte bei den Schülern.
. Die Nutzung von Wirkungsdiagrammen als systemische Darstellungsform läßt sich bereits auf der achten Schulstufe innerhalb kürzester Zeit vermitteln. In einer Klasse waren die Schüler bereits nach
einer einzigen Unterrichtsstunde (in der nur zwei ganz einfache Wirkungsdiagramme gezeigt wurden)
in der Lage, eine wesentlich komplexere Situation als Wirkungsdagramm darzustellen.
. Durch den Unterricht und die Modellbildung mit Modus wurde die Fähigkeit zu quantitativer Modellbildung bis zu einem gewissen Grad gefördert.
Beim quantitativen Modellierstil sind die einzelnen Modellelemente zahlenmäßig quantifizierte Größen, die zueinander in funktionalen Abhängigkeiten stehen. So sind in einem quantitativen Räuber-Beute-
Modell die "Füchse" und "Hasen" nicht die betreffenden Tiere, sondern deren Anzahl. Während bei einer
qualitativen Sicht die Füchse die Hasen erbeuten, gibt es im entsprechenden quantitativen Modell einen
dem entsprechenden funktionalen Zusammenhang zwischen der Zahl der Füchse und der Anzahl der (in
einem bestimmten Zeitintervall) erbeuteten Hasen. Quantitative Modelle werden in der Regel am Computer
entwickelt und zielen auf eine numerische Simulation ab; qualitative Modelle werden hingegen eher ohne
Computer erstellt.
Ein überzeugendes Beispiel, wie Systemmodelle auch qualitativ entwickelt und analysiert werden können,
liefern Gomez/Probst (1987) (vgl. auch die Zusammenfassung in Ossimitz 1990, S 53ff). Im Mittelpunkt
ihrer "Methodik des ganzheitlichen Problemlösens" steht die Analyse vernetzter Strukturen mit Hilfe von
Wirkungsdiagrammen. Gomez/Probst geben auch eine einfache Methode an, wie man Wirkungsdiagramme
daraufhin untersuchen kann, wie verschiedene Systemelemente sich bei Lenkungseingriffen verhalten
("Papiercomputer").
Für den schulischen Bereich scheint jedoch der quantitative Modellieransatz wesentlich attraktiver zu sein.
Bei Lehrerfortbildungen wird in der Regel das Angebot zu qualitativer Systemmodellierung kaum
wahrgenommen. Es zeigt sich eine starke Tendenz, sofort mit der Arbeit am Computer beginnen zu wollen.
Die bisherigen Erfahrungen zeigen jedoch, daß es auch in der Schule beim systemischen Modellbilden
nützlich ist, sich zunächst mit Grundaspekten des systemischen Denkens und Modellierens zu beschäftigen
(mit Wirkungsdiagrammen als Darstellungsmittel), und erst anschließend zu einer quantitativen Modellie
rung und numerischen Simulation am Computer überzugehen.
Welcher Zusammenhang zwischen der Entwicklung systemischen Denkens und dem verwendeten Mo
dellierparadigma (qualitativ oder quantitativ) besteht, wurde nach meinem Kenntnisstand bislang noch
nicht untersucht. Insbesondere sind mir keine Erhebungen bekannt, inwieweit durch einen rein qualitativen
Ansatz systemisches Denken gelernt werden kann.
Wenn man im Unterricht über ganz einfache Übungsmodelle hinausgelangen will, wird man daher meist
auf vorgefertigte Modelle zurückgreifen. Bei diesen Modellen bleibt jedoch die innere Struktur meist eine Black-Box. Die Arbeit der Schüler beschränkt sich darauf, die Wirkung bestimmter Eingriffe (durch Varia
tion der entsprechenden Parameter) zu untersuchen. Bei erlebnisorientierten Simulationsumgebungen (wie
bei vielen Wirtschaftssimulationen) ist die innere Modellstruktur dem Benutzer überhaupt nicht zugänglich;
auch bei komplexen systemdynamischen Modellen (z.B. World3, Meadows 1992) ist die innere Komplexi
tät der Zusammenhänge zu hoch, um von Schülern durchschaut zu werden.
Vorgefertigte, komplexe Modelle benötigen zu ihrem praktischen Einsatz im Unterricht einen didaktischen
Leitfaden, der entsprechende Anleitung für eine systematische, zeiteffektive Exploration gibt. In einem
derartigen Leitfaden kann die Untersuchung verschiedener Szenarien gezielt angeregt werden. Dies ist
insbesondere dann nützlich, wenn das Modell eine Vielzahl von Aktionsparametern anbietet. Bei einer
Vielzahl von Aktionsmöglichkeiten ist freies Experimentieren sehr aufwendig und für manche Schüler bald
langweilig oder frustrierend.
Bei komplexeren Sachthemen sollte man zunächst einzelne Sektoren unabhängig voneinander und jeweils
möglichst einfach modellieren. Durch schrittweises Hinzufügen weiterer Modellelemente bzw. durch
Zusammenfügen einfachster Teilmodelle ist es möglich, auch komplexere Simulationsmodelle in über
schaubarer Weise zu erstellen. Durch diese Vorgangsweise ergeben sich typischerweise ganze Modell
sequenzen (vgl. z.B. Ossimitz 1990, Ossimitz 1991c). Die Praxis zeigt, daß der Versuch, sofort ein
Weiters sollte man für jedes entwickelte Modell die einzelnen Modellparameter zunächst so wählen, daß
sich ein konstanter (stationärer) Modellverlauf ergibt. Ausgehend von dieser stationären Konfiguration
kann nun untersucht werden, welche Auswirkungen ein einzelner Eingriff oder eine Kombination
verschiedener Eingriffe in das System hat. Beim Zusammenfügen von Teilmodellen ist ebenfalls darauf zu
achten, daß die Systemparameter an den Schnittstellen zunächst konstant und gleich groß sind, sodaß auch
das aus mehreren stationären Teilmodellen zusammengefügte Gesamtmodell wiederum stationär ist.
für den Anfangswert u(0) = u0 die eindeutige Lösung u(t) = a/(b+(a/u0-b)e-at). Eine rein mathematische Analyse dieses Differentialgleichungssystems wird zum Ziel, vernetztes Denken zu lernen, kaum etwas
beitragen.
Ein systemdynamischer Ansatz, der im wesentlichen zur selben Differentialgleichung (1) führt, könnte
etwa folgend aussehen: Man möchte einen Wachstumsprozeß modellieren, bei dem das aktuelle Wachstum
u'(t) proportional zum erreichten Bestand u, proportional zu einem (frei wählbaren) Wachstumsfaktor w
und proportional zum noch vorhandenen Freiraum F ist. Dabei soll mit "Freiraum" gemeint sein, welcher
Anteil einer vorgegebenen konstanten Kapazität K noch verfügbar ist: F = 1-u/K. Diese Modellbedingun
gen führen unmittelbar zur Gleichung u'(t) = w.F.u bzw.
Durch die Substitution w = a und 1/K = b geht Gleichung (2) in Gleichung (1) über. Im modellorientierten
Ansatz haben nun die in (1) noch bedeutungslosen Parameter a und b eine Sachbedeutung: a ist der
Wachstumsfaktor, b ist der Kehrwert der maximalen Kapazität des Systems. Auch die konkrete Struktur
der Differentialgleichung hat im sachorientierten Ansatz einen besonderen Stellenwert. In der Form (2)
kann man die Proportionalitätsfaktoren w, (1-u/K) und u explizit erkennen, in der mathematisch äquivalen
Dieses Beispiel soll verdeutlichen, daß man vernetztes Denken nur an Fragestellungen mit einem gewissen
Sachbezug erlernen wird können. Vereinfachend könnte man sagen: ohne Modellbildung keine Modelle, ohne Modelle kein vernetztes Denken. Dementsprechend muß sich eine Didaktik, die vernetztes Denken vermitteln möchte, sich auch mit Fragen der Modellbildung auseinandersetzen. Ein Modell muß jedoch
immer ein Modell von etwas sein. Für die schulische Ausbildung ist es daher von besonderer Bedeutung, die zu modellierenden Sachthemen geeignet auszuwählen. Die Themen sollen zweckmäßigerweise aus
Bereichen stammen, die den Lernenden entgegenkommen und besonderes Interesse erwecken.
- nach der Art der Modellrepräsentation: modellorientiert vs. erlebnisorientiert;
- nach der Verbreitung der Software: Prototypen, Spezial-Anwendersoftware, Standardsoftware;
- nach dem Zweck der Software: forschungs-, ausbildungs- und anwendungsorientierte Software.
Bei modellorientierter Software ist die Modellstruktur dem Benutzer explizit zugänglich und i.a. auch vom
Benutzer veränderbar (wie z.B. bei Modus, Stella, Dynasys, VuDynamo, Powersim usw.). Erlebnis orientierte Software hat hingegen eine fixe, meist recht komplexe Modellstruktur, die dem Benutzer
gegenüber eine black-box ist. Das Modellverhalten läßt sich durch Variation von Eingabeparametern unter
suchen, die Modellstruktur selbst ist (weitestgehend) fix vorgegeben. Zu diesem Typus gehören die Plan
spiele, wie sie im Forschungsbereich "Komplexes Problemlösen" eingesetzt wurden (Tanaland, Loh hausen) oder auch in der Managementausbildung Verwendung finden. Auch viele kommerzielle Simula tionsspiele (wie SimCity, Ökolopoly u.a.) gehören zu diesem Typ.
Die Verbreitung von Prototypen geht nicht über einen engsten Spezialistenkreis hinaus, während die beiden
anderen Typen in erster Linie für Vermarktungszwecke entwickelt werden. Als Standardsoftware bezeich
ne ich besonders weit verbreitete Produkte bzw. Produktkategorien (z.B. Textverarbeitung, Kalkulations
Diese Gliederung ähnelt der in 3.1.2: forschungsorientiert <=> Prototypen; ausbildungsorientiert <=>
Spezial-Anwendersoftware; anwendungsorientiert <=> Standardsoftware. Während etwa die Planspiele
Tanaland oder Lohhausen (Dörner 1989) eindeutig forschungsorientierten Charakter haben, sind viele Unternehmensplanspiele eher ausbildungsorientiert. Unter den modellorientierten Simulationssoftware
produkten ist Modus ausbildungsorientiert, während etwa Powersim eher anwendungsorientiert ist. Oft wird auch anwendungsorientierte Software in der Ausbildung eingesetzt, selten jedoch umgekehrt
ausbildungsorientierte Software in Anwendungssituationen ohne Ausbildungscharakter.
Das Problem der Reichweite softwarebezogener Forschung wird durch die raschen Innovationszyklen
insbesondere bei Prototypen und bei spezialisierter Anwendersoftware noch wesentlich verschärft.
Anzustreben sind Forschungsdesigns und Forschungsresultate, die nicht zu eng an eine bestimmte
Software(generation) gebunden sind und damit nicht zu rasch veralten.
a) Verwendung von Standardsoftware (Tabellenkalkulationsprogramm, z.B. Excel)
b) spezielle Simulationssoftware (Modus, Stella, Dynasys, Powersim usw.)
c) selbst programmierte Modelle (Simulations-Prototypen, z.B. in Turbo-Pascal)
Variante c) kann man ausschließen, wenn man nicht das Programmieren zum Hauptinhalt der Ausbildung
machen möchte. Insbesondere müssen bei selbst programmierten Modellen (meist sehr aufwendige)
Routinen für das interne Datenmanagement, die Datenausgabe und die Parametervariation bereitgestellt
werden, um einigermaßen handhabbare Simulationsläufe zu erhalten.
Die Verwendung eines Kalkulationsprogrammes mit eingebauter Grafik bietet sich vor allem dann an,
wenn die Lernenden mit einem entsprechenden Produkt (z.B. mit Excel) bereits vertraut sind und wenn man sich auf einfache, diskrete Simulationsmodelle beschränken möchte. Ein Großteil der in Ossimitz
(1990) besprochenen Modelle sind auch als Tabellenkalkulationsmodelle realisiert. In jüngerer Zeit kamen
einige Sammlungen von Tabellenkalkulationsmodelle für den Schulgebrauch auf den Markt, die auch eine
Reihe von systemdynamisch orientierten Beispielen enthalten (Ossimitz/Kristen 1994, Ratzin
ger/Haring/Jansche 1993, Stieglitz 1994).
Hilfestellung bei der Auswahl eines geeigneten modellorientierten Simulationsprogrammes bietet z.B. der
standardisierte Kriterienkatalog in Ossimitz (1992). Es hängt sehr vom Einsatzzweck und den Rahmenbe
dingungen ab, welche Simulationsumgebung am ehesten in Frage kommt. Folgende Produkte unterstützen
den systemdynamischen Modellierstil:
1) Vudynamo ist eine textorientierte Simulationsumgebung, die im Leistungsumfang der Simula tionssprache Dynamo entspricht. Das Programm zeichnet sich durch einfachste Bedienung, sehr
geringe Hardwareanforderungen, durch sehr günstige Lizenzbedingungen und eine Vielzahl bereits
fertig entwickelter Modellbeispiele (z.B. die Modelle in Ossimitz 1990) aus.
2) Modus ist eine grafisch orientierte Simulationsumgebung mit Fenster- und Maustechnik. Zum Programm gibt es eine Reihe didaktischer Begleitmaterialien ("Themenhefte"). Der schulische Einsatz
von Modus wurde auch von Klieme/Maichle (1991, 1994) sowie von Ossimitz (1994) eingehend untersucht. Es ist als DOS-Programm aus der Vor-Windows-Ära jedoch gegenüber neueren Windows-
Produkten heute kaum mehr konkurrenzfähig.
3) Powersim ist eine grafisch orientierte Simulationssoftware unter Windows 3.1, die in erster Linie für den semiprofessionellen Einsatz konzipiert wurde. Das Programm stellt eine kaum überschaubare Fülle
von Leistungsmerkmalen bereit. In seiner Modellierlogik entspricht es im wesentlichen dem Programm
4) Stella, das von Richmond u.a. bereits 1986 für Apple MacIntosh entwickelt wurde und dort bis heute das konkurrenzlos beste Simulationsprogramm nach dem System-Dynamics-Ansatz ist. Die 1994
herausgekommene Windows-Portierung von Stella fällt bei sonst vergleichbarem Leistungsumfang wegen ihrer sehr hohen Hardwareanforderungen (mindestens 8 MB Speicher) und enormen Langsam
keit gegenüber Powersim deutlich ab.
5) Dynasys ist ein deutschsprachiges Windows-Sharewareprodukt, das die für Ausbildungszwecke relevanten Merkmale einer grafisch orientierten System-Dynamics-Software zu einem sehr günstigen
Preis-Leistungsverhältnis anbietet.
Es werden internationale Anstrengungen unternommen, hypertextbasierte tutorielle Systeme mit Modell
bildungs- und Simulationssoftware zu interaktiven, tutoriellen Modellbildungs- und Simulationssystemen
zu verschmelzen. Es ist zu erwarten, daß in absehbarer Zeit Prototypen solcher Systeme für spezielle Ziel
gruppen (etwa Techniker, Ingenieure) entwickelt und auch praktisch erprobt werden. Es erscheint mir
allerdings fraglich, ob es einem derartigen System gelingen wird, über einen sehr engen Benutzerkreis
hinaus Bedeutung zu erlangen. Mit allgemeineren adaptiven Lehrsystemen gibt es bereits einschlägige
Erfahrungen (z.B. Leutner 1992).
Das Angebot erlebnisorientierter Simulationssoftware ist in den letzten Jahren regelrecht explodiert
(hunderte Wirtschafts-Planspiele, tausende kommerzielle Simulationsspiele). Bedingt durch immer lei
stungsfähigere Hardware und Programmier-Tools ist zu erwarten, daß diese Tendenz anhalten wird.
Gleichzeitig werden damit die Lebenszyklen einzelner Produkte immer kürzer: was heute top-aktuell ist,
ist vielleicht in einem halben Jahr schon wieder veraltet. Dies und die Atomisierung des Marktes in eine
Unzahl von relativ unbedeutenden Produkten lassen eine forschungsmäßige Aufarbeitung oder gar
richtungsweisende Impulse für diesen Sektor so gut wie aussichtslos erscheinen.
Auf der Ebene der modellorientierten Simulation hat sich der System-Dynamics-Ansatz als internationaler
De-Facto-Darstellungsstandard etabliert. Zu diesem Ansatz gibt seit 1960 ein immer breiter werdendes
Angebot an kommerzieller Software. Vergleichbare Alternativ-Modelliermethoden (wie z.B. in den
Produkten ASS, DYSYS, DYSAS, CMS, Orgasys, MBS-LLC, Model Builder, Sim-Tek, Models, Modus, IQON) sind durchwegs auf der Ebene von Einzelversuchen ohne dauerhafte und internationale Bedeutung geblieben. Darüber hinaus wird der System-Dynamics-Ansatz durch eine internationale Lobby
(System Dynamics Society) mit einschlägigem Journal, jährlichen Tagungen und auch durch eine breite
didaktische Literatur (vor allem in den USA) gefördert und gestützt.
Speziell für die schulische Ausbildung ist ein einheitliches, fächerübergreifendes Modellierparadigma
notwendig, wenn systemorientierte quantitative Modellbildung und Simulation überhaupt eine Chance
haben soll, sich im Unterricht zu etablieren. Der System-Dynamics-Ansatz erscheint mir das einzige
Modellierkonzept zu sein, das als international anerkannter und erprobter Standard in Frage kommt. Ohne
einen solchen Standard ist ein auf Breitenwirkung ausgelegter Unterricht kaum vorstellbar: man denke nur
Ich würde mir wünschen, daß der Systemdynamikansatz als methodischer Standard auch in Europa für die
schulische Breitenausbildung bewußt akzeptiert und verankert wird. Selbstverständlich sollen auch künftig
für Forschungszwecke oder spezielle Zielgruppen auch andere Modellier- und Simulationskonzepte
eingesetzt werden. Hier erscheint es mir notwendig, die Erfordernis der Schule nach "gesichertem",
standardisiertes Schulwissen einerseits und die vielfältigen, sich rasch weiterentwickelnden wissen
schaftlichen Forschungsinteressen andererseits auseinanderzuhalten.
Forrester, J. W. (1961): Industrial Dynamics. Cambridge, Mass: MIT Press
Institut für Mathematik, Statistik und Didaktik der Mathematik
Universität Klagenfurt
Universitätsstr. 65-67
A-9020 Klagenfurt
Tel. (0463) 2700-437, Fax (0463) 2700-427
E-Mail: guenther.ossimitz@uni-klu.ac.at
http://www.uni-klu.ac.at./users/gossimit/
Footnote: 1
1
Überarbeitete und erweiterte Fassung von Ossimitz (1994c).