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Stolperstein der Woche 9

 

Arztpraxen – ein leidiges Thema

Die Barrierefreiheit von österreichischen Arztpraxen lässt zu wünschen übrig.

Verbesserungen der Zugänglichkeit für alle Patient/inn/en gehen trotz Zuschussleistungen seitens des Bundessozialamtes nur sehr zögerlich voran. Fehlt es am Willen zur Umsetzung? Mangelt es am notwendigen Know-How? Scheitert es an der Finanzierung? Geht das Problembewusstsein ab?...Ein Versuch einer Analyse der derzeitigen Situation.

Da man als Rollstuhluser/in nicht selten bei der Berollung einer Arztpraxis be-hindert wird, muss man sich schon vor Aufsuchen eines Arztes/einer Ärztin viele Informationen einholen. Als erstes frage ich mich gerne zuerst bei Freund/inn/en und Bekannten durch, um zu erkunden, welche Ärzt/inn/e/n sie aufsuchen. Auf die Frage „Komm’ ich da auch mit meinem Rolli hinein?“ sehe ich manch ratloses Gesicht. „Die Frau Dr. Sowieso ist sehr gut, aber...dort sind Stufen rauf“ hört man dabei schon einmal. Doch als Nicht-Rolliuser/in achtet man darauf auch nicht, eh klar, weil man nicht muss.

Befund 1: Ich habe nicht die Wahlfreiheit bei Ärzt/inn/en, da mir der Zugang verwährt oder erschwert wird.

Im Internet finde ich sodann Informationen der Ärztekammer: dort kann man die Suche nach Ärzt/inn/en mit dem zusätzlichen Attribut „behindertengerecht“ durchführen, – an sich ja eine tolle Möglichkeit! – doch siehe da: bei meiner Stichprobe für Klagenfurt wurde unter den 123 Allgemeinmediziner/inne/n alle als „behindertengerecht“ ausgewiesen. Manchmal steht auch „Lift vorhanden“ dabei. Ist Klagenfurt das Paradies für rollende Patient/inn/en? Mit Nichten: aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es nicht auszuschließen ist, dass es Hindernisse gibt, sei es die klassische „eine Stufe“ oder der Halbstock, in dem sich dann der Lift befindet. Einige Praxen sind ja dennoch stufenlos erreichbar, das erleichtert mir die Auswahl, da es den Kreis der Möglichkeiten um einiges verkleinert. Ein Pech, wenn gerade der renommierte Herr Dr. Korr-Ifee nicht mehr zu Wahl steht.

Befund 2: Informationen im Internet kann man nicht immer trauen, die Realität sieht schwieriger aus, wo „behindertengerecht“ draufsteht ist nicht immer Barrierefreiheit drin.

Befund 3: RollstuhluserInnen müssen schon viel Zeit in Informationsbeschaffung investieren, bevor sie überhaupt einmal eine Praxis berollen.

Nach den Voruntersuchungen meinerseits begebe ich mich dann zu einem Arzttermin, die Räumlichkeiten sind stufenlos erreichbar. Der Lift ist zwar veraltet, die Druckknöpfe viel zu hoch, für sehbehinderte und blinde KollegInnen keine Möglichkeit der Orientierung, auch in den Gängen verrolle ich mich zuerst, da es dunkel ist und ich kein Hinweisschild ausmachen kann. In der Praxis sehe ich mir aus Neugierde die sanitären Anlagen an,...stimmt nicht, ich will sie mir ansehen, komme aber nicht einmal bei der WC-Tür hinein. Okay, noch muss ich ja nicht! Der Arzttermin zieht sich, die Blase füllt sich. Ich werde weiter verwiesen an einen Facharzt im selben Haus und will umgehend diese Gelegenheit für eine Weiteruntersuchung nutzen. In der zweiten Praxis fordert der Wasserdrang jedoch nach einiger Zeit auch sein Recht ein, meine Frage nach einem rolligerechten WC wird sofort verneint. Ich gebe meine letzte Kraft her, um mir nicht in die Hose zu machen. Nach der Untersuchung und Verlassen des Gebäudes, in dem es noch andere Ärzt/inn/e/n gibt und auch ein Büro der Volkshilfe, erleichtere ich mich in einer Hausecke mit Hilfe der Urinflasche, die für solche Zwecke ganz hilfreich ist. Das war knapp!

Befund 4: Rolligerechte WC´s sind selbst in Arztpraxen Mangelware, ein Leitsystem, das auch blinden und sehbehinderten Menschen den Zugang erleichtert, fehlt ebenso.

Abschließend noch zu den zu Beginn aufgeworfenen Fragen:

Ich glaube, dass das Problembewusstsein zumindest in Ansätzen bei Ärzt/inn/en vorhanden ist. Eine Vorschrift zur Zugänglichmachung mittels Gleichstellungsgesetz könnte dabei einiges in Bewegung setzen. Der Wille zum Umsetzen fehlt natürlich bei denen, die ihre Praxis schon lange haben und keine Adaptierungen mehr vorhaben. Was die berühmte „eine Stufe“ angeht, bedürfte es nicht viel Anstrengung, um eine Verbesserung herbeizuführen. Aufklärungsarbeit seitens der Betroffenenvertreter/innen kann da Abhilfe schaffen. Das ist aber wieder mit mühevoller Kleinarbeit verbunden, die sich punktuell lohnen, jedoch nicht zu generellen Verbesserungen führen wird. Die Finanzierung kann da nur ein schwaches Argument darstellen, zumal es jetzt sogar finanzielle Unterstützung dafür gibt.

Für Menschen mit Behinderung geht es auch bei Arztpraxen um die Wahlfreiheit und das Recht, davon Gebrauch machen zu können. Davon sind wir noch weit entfernt.

Zu guter Letzt noch eine Beruhigungspille: es gibt bei uns auch positive Beispiele, zwei davon will ich kurz erwähnen. Das erste ist eine Praxis für Physiotherapie, die wirklich allen Ansprüchen entspricht. Die Barrierefreiheit wurde schon in der Planung miteinbezogen, womit die Kosten in einem kleinen Rahmen geblieben sind. Das Wissen um die notwendigen Einrichtungen und die Mitfinanzierung der öffentlichen Hand waren hier mitentscheidend.

Beispiel zwei ist eine Augenarztpraxis, bei der neben der herkömmlichen Zugänglichkeit auch die Untersuchungsgeräte mühe- und barrierelos erreichbar sind. Meines Wissens nach einmalig in Österreich, Nachahmung wird empfohlen. War das Problembewusstsein hier vorhanden? No, na, der Arzt ist selbst ein Rolliuser!

Herbert Kaiser

29. Jänner 2005

 

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