Diskriminierung
von Frauen mit
Lernschwierigkeiten
Für Frauen mit
Lernschwierigkeiten gibt es in
unserer Gesellschaft sehr viele
Diskriminierungen! Dazu gehört
auch, dass ihre Lebensumstände
häufig tabuisiert und
Problembereiche negiert bzw.
bagatellisiert werden.
Ein Bereich, für den dies in
besonderem Maße gilt, ist
sexuelle Gewalt an Frauen mit
Lernschwierigkeiten, von welcher
diese jedoch massiv betroffen
sind. Sexuelle Gewalt an Frauen
mit geistiger Behinderung ist
jedoch wenig erforscht.
Allgemein festgehalten wird
aber, dass es eine sehr hohe
Dunkelziffer gibt, da viele
Frauen mit geistiger Behinderung
sich aus unterschiedlichen
Gründen nicht über ihre
Gewalterfahrungen mitteilen bzw.
nicht in der Lage dazu sind
(vgl. Noack / Schmid 1994, S.
43). Zemp und Pircher (1996, S.
26) gehen davon aus, dass 30-50
% aller behinderten Mädchen vor
ihrer Volljährigkeit sexuelle
Ausbeutung erfahren haben. Die
enge Definition von sexueller
Ausbeutung schließt dabei alle
Handlungen, die keinen
Körperkontakt beinhalten, aus.
Wird die weite Definition von
sexueller Ausbeutung, die auch „Non-Kontakt-Handlungen“
beinhaltet, herangezogen, so ist
davon auszugehen, dass „jedes
zweite Mädchen sexuelle
Ausbeutung erfahren hat“
(ebd., S. 27). Die Opfer werden
vom vorwiegend männlichen Täter
meist mit einem Schweigeverbot
belegt, das sie durchwegs auch
nicht brechen.
Handlungsstrategien gegen
sexuelle Gewalt stehen kaum zur
Verfügung und werden in der
Regel erst nach erfolgten
sexuellen Gewalthandlungen -
sofern sie bekannt werden -
vermittelt. Möglichst
frühzeitige Aufklärung und
Arbeit mit Frauen mit
Lernschwierigkeiten ist
unbedingt erforderlich. Dies
setzt aber in erster Linie
voraus, dass es den Frauen auch
in ihrem Alltag ermöglicht wird,
Wünsche zu äußern und Ansprüche
an sie zu verneinen.
Demgegenüber ist es aber in der
Regel eher so, dass bei Mädchen
und Frauen mit
Lernschwierigkeiten im
Sozialisationsprozess häufig
Abhängigkeit und
Unselbstständigkeit nicht nur in
der Familie sondern auch in
Institutionen – meist unbewusst
- gefördert werden.
Selbstbewusstsein wird in der
Regel nur im Ansatz, kaum aber
für zentrale Lebensbereiche, die
ein wirklich selbstbestimmtes
Leben ermöglichen - wie etwa
Wohnen und Arbeit - unterstützt.
Positiv hervorzuheben und
beispielgebend ist hier der
Verein
a´tempo,
eine people-first-Initiative aus
der Steiermark, die Menschen mit
Lernschwierigkeiten in
verschiedenen Projekten auf
ihrem Weg zu mehr Autonomie und
Selbstbestimmung unterstützt. Um
den vorhandenen
Diskriminierungen
entgegenzuwirken, wäre die
Initiierung und Unterstützung
ähnlicher Projekte
wünschenswert!
16.
Jänner 2005
Marion Sigot
Noack, C. / Schmid, H.: Sexuelle
Gewalt gegen Menschen mit
geistiger Behinderung. Esslingen
1994.
Zemp, A. / Pircher, E.: Weil das
alles weh tut mit Gewalt.
Sexuelle Ausbeutung von Mädchen
und Frauen mit Behinderungen.
Schriftenreihe der
Frauenministerin, Bd. 10.
Wien 1996.