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Stolperstein der Woche 27


Mögliche Folge der Pränataldiagnostik

"Haben Sie denn nicht gewusst, dass das Kind behindert sein würde?", dieser Satz, den Frau S. unlängst beim Antrag auf eine Geldleistung bei einer Behörde hören musste, geht ihr nicht mehr aus dem Kopf und begleitet sie bei jedem neuerlichen Behördenweg und bei vielen anderen Gelegenheiten. Sie sagt, dass sie den eigentlichen Gehalt der Aussage erst Stunden später - wieder zu Hause - erfassen konnte, nämlich: "Wenn Sie doch aufgrund der pränatalen Diagnostik wussten, dass das Kind behindert werden würde, warum haben Sie es dann zur Welt gebracht? Oder haben Sie etwa gar keine Pränataldiagnostik machen lassen?". Frau S. hat uns diese Erfahrung zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt, allerdings unter besonderer Wertlegung auf die Wahrung ihrer Anonymität. Sie rechnet mit weiteren Diskriminierungen und negativen Erfahrungen aufgrund ihrer Entscheidung und möchte nunmehr "nicht zusätzlich unangenehm auffallen".
 
Leider sind die Erfahrungen von Frau S. kein Einzelfall. So weist etwa Monika Schumann in ihrem Aufsatz "Aktuelle Entwicklungen in Biomedizin und Bioethik" auf entsprechende Tendenzen in unserer Gesellschaft hin, Leben mit Behinderung als Leid und Belastung darzustellen, die es zu vermeiden gilt. Die Bereitschaft zur Abtreibung eines pränatal als behindert diagnostizierten Embryos erweist "sich unter diesen Vorzeichen als internalisierte neue ´Verhaltenspflicht´, als ´neuer moralischer Imperativ´, sich nicht schuldhaft zu verhalten, indem frau ein behindertes Kind zur Welt bringt" (S. 45).
 
Monika Schumann zeigt in dem Beitrag sehr deutlich auf, dass die gegenwärtig praktizierten Methoden der Pränataldiagnostik umfangreiche Folgen auf medizinischer, psychologischer und sozialer Ebene mit sich ziehen:
  1. Medizinische Ebene: die möglichen Folgen invasiver (also in den Körper eingreifender) Methoden sind nicht unbeträchtlich und können laut Schumann zu Verletzung des Kindes bzw. zu Abort führen. Das Risiko dazu ist bei verschiedenen Methoden unterschiedlich hoch, beträgt etwa bei der Fetoskopie bis zu 10%.

  2. Für die betroffene Frau beschreibt Schumann für den Zeitraum, in den die pränatale Diagnostik fällt "Wartezeiten und währenddessen Unsicherheiten, Ängste, Zweifel, Stress, das Gefühl der ´Schwangerschaft auf Probe´ und der Abbruch des (psychischen) Kontaktes zum Kind" (S. 44).

  3. Soziale Ebene: dazu hält Monika Schumann fest, dass die Verhinderung von Behinderung durch Pränataldiagnostik ohnehin "mehr als Mythos als als Wirklichkeit" gelten muss, da über 90% der Behinderungen während oder nach der Geburt oder noch später entstehen.

Monika Schumann ist in ihrer Einschätzung unbedingt zuzustimmen, dass die Gefahr besteht, "den Selbstbestimmungsbegriff als neue soziale Waffe" zu missbrauchen. Die häufig angeblich "selbstbestimmte Abtreibung", wie auch geforderte "Selbstbestimmung" am anderen Ende des Lebens, beim Sterben, können nicht frei von gesellschaftlichen Entwicklungen diskutiert werden, die darauf hinauslaufen, den "Wert menschlichen Lebens" zu diskutieren!
 

Marion Sigot

5. Juni 2005

 

Schumann, Monika: Aktuelle Entwicklungen in Biomedizin und Bioethik. Neue Herausforderungen für die Integrationspädagogik. In. Hovorka, Hans / Sigot, Marion: Integration(spädagogik) am Prüfstand. Menschen mit Behinderungen außerhalb von Schule. Innsbruck / Wien/ München 2000, S. 33-60.

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