Mögliche Folge
der Pränataldiagnostik
"Haben Sie denn nicht gewusst,
dass das Kind behindert sein
würde?", dieser Satz, den
Frau S. unlängst beim Antrag
auf eine Geldleistung bei
einer Behörde hören musste,
geht ihr nicht mehr aus dem
Kopf und begleitet sie bei
jedem neuerlichen Behördenweg
und bei vielen anderen
Gelegenheiten. Sie sagt, dass
sie den eigentlichen Gehalt
der Aussage erst Stunden
später - wieder zu Hause -
erfassen konnte, nämlich:
"Wenn Sie doch aufgrund der
pränatalen Diagnostik wussten,
dass das Kind behindert werden
würde, warum haben Sie es dann
zur Welt gebracht? Oder haben
Sie etwa gar keine
Pränataldiagnostik machen
lassen?". Frau S. hat uns
diese Erfahrung zur
Veröffentlichung zur Verfügung
gestellt, allerdings unter
besonderer Wertlegung auf die
Wahrung ihrer Anonymität. Sie
rechnet mit weiteren
Diskriminierungen und
negativen Erfahrungen aufgrund
ihrer Entscheidung und möchte
nunmehr "nicht zusätzlich
unangenehm auffallen".
Leider sind die Erfahrungen
von Frau S. kein Einzelfall.
So weist etwa Monika
Schumann in ihrem Aufsatz
"Aktuelle Entwicklungen in
Biomedizin und Bioethik" auf
entsprechende Tendenzen in
unserer Gesellschaft
hin, Leben mit Behinderung als
Leid und Belastung
darzustellen, die es zu
vermeiden gilt. Die
Bereitschaft zur Abtreibung
eines pränatal als behindert
diagnostizierten Embryos
erweist "sich unter diesen
Vorzeichen als internalisierte
neue ´Verhaltenspflicht´, als
´neuer moralischer Imperativ´,
sich nicht schuldhaft zu
verhalten, indem frau ein
behindertes Kind zur Welt
bringt" (S. 45).
Monika Schumann zeigt in dem
Beitrag sehr deutlich auf,
dass die gegenwärtig
praktizierten Methoden der
Pränataldiagnostik
umfangreiche Folgen auf
medizinischer, psychologischer
und sozialer Ebene mit sich
ziehen:
-
Medizinische Ebene: die
möglichen Folgen invasiver
(also in den Körper
eingreifender) Methoden sind
nicht unbeträchtlich und
können laut Schumann zu
Verletzung des Kindes bzw.
zu Abort führen. Das Risiko
dazu ist bei verschiedenen
Methoden unterschiedlich
hoch, beträgt etwa bei der
Fetoskopie bis zu 10%.
-
Für die betroffene Frau
beschreibt Schumann für den
Zeitraum, in den
die pränatale Diagnostik
fällt "Wartezeiten und
währenddessen
Unsicherheiten, Ängste,
Zweifel, Stress, das Gefühl
der ´Schwangerschaft auf
Probe´ und der Abbruch des
(psychischen) Kontaktes zum
Kind" (S. 44).
-
Soziale Ebene: dazu hält
Monika Schumann fest, dass
die Verhinderung von
Behinderung durch
Pränataldiagnostik ohnehin
"mehr als Mythos als als
Wirklichkeit" gelten muss,
da über 90% der
Behinderungen während oder
nach der Geburt oder noch
später entstehen.
Monika Schumann ist in ihrer
Einschätzung unbedingt
zuzustimmen, dass die Gefahr
besteht, "den
Selbstbestimmungsbegriff als
neue soziale Waffe" zu
missbrauchen. Die häufig
angeblich "selbstbestimmte
Abtreibung", wie auch
geforderte "Selbstbestimmung"
am anderen Ende des Lebens,
beim Sterben, können nicht
frei von gesellschaftlichen
Entwicklungen diskutiert
werden, die darauf
hinauslaufen, den "Wert
menschlichen Lebens" zu
diskutieren!
Marion Sigot
5.
Juni 2005
Schumann, Monika: Aktuelle
Entwicklungen in Biomedizin
und Bioethik. Neue
Herausforderungen für die
Integrationspädagogik. In.
Hovorka, Hans / Sigot, Marion:
Integration(spädagogik) am
Prüfstand. Menschen mit
Behinderungen außerhalb von
Schule. Innsbruck / Wien/
München 2000, S. 33-60.