Medienberichterstattung
diskriminiert
Menschen mit
Behinderung werden heute genauso
diskriminiert wie vor vielen
Jahren, einen Teil dazu trägt
auch die Medienberichterstattung
bei.
Es wundert mich
nicht im geringsten, dass uns
das Recht auf Zugänglichkeit u.a.
von öffentlichen Veranstaltungen
verwehrt wird:
In den Medien
liest und hört man von Menschen,
die „an den Rollstuhl gefesselt
sind“, und keiner befreit sie
von ihren Fesseln. Wenn wir uns
behinderte Menschen als „an der
Rollstuhl gefesselte Personen“
vorstellen, dann können wir uns
auch nicht vorstellen, dass
diese ein Interesse daran haben,
sich für ihre Rechte auch
öffentlich und selbstbestimmt
einzusetzen und z.B. an einer
Veranstaltung teilzunehmen, bei
der ein Gespräch mit unseren
öffentlichen Vertreter/inne/n in
Aussicht gestellt wird.
Wehrt man sich
dagegen zu Recht, stoßen wieder
zwei Gegensätze aufeinander:
Aus unserer Sicht
und dem sozialen Modell folgend
sind wir nämlich diejenigen, die
behindert werden. Aus Sicht der
öffentlichen Vertreter/inne/n
sind wir behindert, daher nennen
sie uns auch die „Behinderten“,
damit können sie ganz bequem
ihre eigene Verantwortung (wie
die Einladung in nicht
barrierefreie
Veranstaltungsräume) auf uns
zurückschieben. So werden wir zu
den „Behinderten“ und sie können
damit davon ablenken, dass sie
zu den Behinderern gehören.
Einen Gutteil an
Behinderern finden wir in der
Medienlandschaft wieder, sie
nennen uns auch die
„Behinderten“. Journalist/inn/en
schaffen durch ihren Text auch
Bilder in uns Leser/inne/n. Sie
leiten auch von einem „gut“
eingeführten Falschbild wie „an
den Rollstuhl gefesselt“ weitere
Trugbilder ab und schaffen damit
noch reißerische Bilder
verbunden mit Angstvorstellungen
wie das Bild „an Schläuche und
kalte Apparaturen gefesselt
seinem Ende entgegendämmern“
während der Berichterstattung
über Wachkomapatient/inn/en.
Damit schaffen u.a.
Medienberichte bei
nicht-behinderten Menschen noch
mehr Angst vor einer (auch
eigenen) Behinderung und vor
behinderten Menschen selbst. Sie
haben nämlich die Vorstellung
gewonnen, Behinderung ist
grauslich und ein Leben mit
Behinderung nicht mehr
lebenswert.
Exemplarisch für
eine der vielen Spielart der
Darstellung in den Medien:
Als Aufwecker
stand in einer Kärntner
Tageszeitung am 24.4.2005 zu
lesen:
„Die Integration
behinderter Kinder in den
Regel-Schulalltag ist ein
wichtiges
gesellschaftspolitisches
Anliegen.“ Ich würde meinen, es
gibt ein Bürgerrecht auf Bildung
und es handelt sich um eine (gesellschafts-)politische
Pflicht, nicht um ein
unverbindliches Anliegen.
„Die Fortschritte
und Verdienste um die gemeinsame
Ausbildung von Gesunden und
Behinderten sind ebenso
unbestritten wie die Probleme,
die nach wie vor damit verbunden
sind. Und von allen Beteiligten
viel Einfühlungsvermögen und
Verständnis voraussetzen.“
Ohne jetzt näher
auf die Praxis der Integration
in Schulen einzugehen, muss ich
erwähnen, dass es mir bei
„Gesunden und Behinderten“ den
Atem verschlagen hat, wie bitte?
Gesund und
behindert ist als Gegensatzpaar
absolut unzulässig und darf in
dieser Form gar nicht
existieren. Mir ist schon
bewusst, dass oft von „Xunden
und Behinderten“ gesprochen wird
und das Vorkommen dieser
Ausdrucksweise daher in
Zeitungen auch zu erwarten ist.
Ich finde diese Art der
Bezeichnung diskriminierend, und
sie entspricht nicht dem Recht
behinderter Menschen auf
entsprechende Darstellung in den
Medien.
Bereits vor 9
Jahren habe ich auf meiner
Homepage auf die ständig in
Tageszeitungen vorkommende
Redewendung „an den Rollstuhl
gefesselt“ hingewiesen, bis
heute hat sich daran leider
nicht viel geändert. Es ist an
der Zeit, offensiver gegen
dieser Art der Diskriminierung
vorzugehen: Aufklärung der
Journalist/inn/en; eine gelbe
Karte für jedes „a. d. R.
gefesselt“, „Behinderte“; eine
rote Karte auf Bewährung für
jedes „Gesunde und Behinderte“;
weiterhin Kritik an „Licht ins
Dunkel“;
„Ist da jemand
ein Behinderer?“ – ich bin gerne
bereit, ein Beschwerdetagebuch
zu moderieren, Beiträge zu
sammeln, zumal unsere
Stolperstein-Aktion ja auch
bereits eine Art
Beschwerde-Wochenbuch darstellt.
Senden Sie uns Ihre Beiträge.
Zum Schluss noch
ein Zusatz mit einem
Augenzwinkern:
In folgendem
Beitrag derselben Zeitung von
8.8.1997 - „Pensionisten an
Rollstuhl gefesselt und
ausgeraubt“ - hat eine
Journalistin geschildert: „Der
Arbeiter ist daraufhin gleich
losgelaufen und hat seinen
Nachbarn gefesselt in seinem
Rollstuhl auf der Veranda seines
Hauses vorgefunden.“ Das war das
einzige Mal in den letzten 9
Jahren, dass der Tatbestand „a.
d. R. gefesselt“ in der Zeitung
auch zugetroffen hat. Für den
Fall, dass Ihnen so eine Person
einmal unterkommt, befreien Sie
diese!
Herbert Kaiser,
30.4.2005 (Tag der Arbeitslosen)